Tafel XVII: Junger Mann in Oxford

6.3.2026

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Urs Meyer studiert seit 2024 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Die KI-generierte Darstellung eines jungen Mannes wirkt real. Elegant gekleidet steht er vor einer hellen Hausfassade in Oxford. Seine Haltung drückt Entschlossenheit und Stolz aus. Doch bei genauerem Hinsehen irritiert das Bild; und es wirft viele Fragen auf.

Gibt es diese Symbole wirklich? Was genau wird hier eigentlich gezeigt? Entstand dieses KI-generierte Bild tatsächlich absichtsfrei als bloße Imitation der Realität? Sehen wir nur, was die KI aus gespeicherten Daten und statistischen Mustern zusammensetzt: Mittelwerte, Stereotype und Verzerrungen? Oder handelt es sich um eine KI-Halluzination, die etwas genuin Neues hervorbringt? Oder liegt ein Prompt vor, der mit einer bestimmten Absicht verfasst wurde? Und lässt sich dieser Prompt, ähnlich einer Kameraposition, dem Kontext einer fotografischen Aufnahme oder der Kenntnis anderer Arbeiten eines Fotografen, rekonstruieren oder erahnen?

KI-generierte Bilder bleiben uns diese Antwort fundamental schuldig – gerade dann, wenn sie realistisch wirken. Der Prozess der Bildgenerierung entzieht sich dem Verstehen und jeder vollständigen Kontrolle. Er verschließt sich Rückschlüssen auf die Intention ebenso wie auf die verwendeten Bildelemente und die Symbolik. Auch die im Training eingeflossenen Bewertungen, Vorurteile und Verzerrungen bleiben verborgen. Weder über die Absicht der Erzeugung noch über die Herkunft der dargestellten Bildelemente lassen sich verlässliche Aussagen treffen.

Was kann ein solch generiertes Bild überhaupt aussagen? Eine Evidenz, die aus den Eigenschaften des abgebildeten Objekts hervortritt, oder ein materieller Bezug zu einer tatsächlichen Situation fehlt ihm. Eine eigentliche Aussagekraft über reale Gegebenheiten – etwas, das »so gewesen ist« – kommt einem solchen Bild nicht zu. Dennoch fügt es sich nahtlos in unsere Zeit mit ihrem Credo »perception is reality« und wird massiv beeinflussen, was wir als real zu verstehen vermögen.