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Die erste Ausgabe von »Fotostadt Essen« ist erschienen

Am 4. September ist als Beilage der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« ein 76-seitiges Magazin zur Fotostadt Essen. Publiziert wird es vom Zentrum für Fotografie Essen, einem Zusammenschluss der Folkwang Universität der Künste, dem Historischen Archiv Krupp, dem Museum Folkwang und des Ruhr Museums. Es kann hier auch digital durchgeblättert werden.
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Das Magazin gibt einen Einblick in die gemeinsame Arbeit dieser vier Partnerinstitutionen. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Fotografie in ihrer ganzen Vielfalt ernst zu nehmen; und nicht zuletzt zeigt es, warum es eine gute und richtige Entscheidung ist, das Bundesinstitut für Fotografie auf dem Welterbe-Campus Zollverein anzusiedeln. Sowohl eine hochrangige Expertenkommission als auch das von der Bundesregierung beauftragte Team von Partnerschaft Deutschland haben Zollverein als den besten Standort empfohlen. An der Folkwang Universität werden wir direkte Nachbarn dieser herausragenden neuen Institution sein!
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Das Titelbild des Magazins stammt von David Müller, Student im B.A. Fotografie, und erinnert mit seiner Anspielung an Nicéphore Niépce an die Anfänge des Mediums vor zweihundert Jahren. Eine Luftbildaufnahme (im Heft auf der Doppelseite 6/7) von Silviu Guiman, Student im M.A. Photography Studies and Practice, weist wiederum in die Zukunft: Es zeigt jenes Baufeld auf Zollverein, auf dem das Bundesinstitut errichtet werden wird.
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In insgesamt zwanzig Text- und Bildbeiträgen entfaltet diese erste Ausgabe des Magazins ein Bild von der »Fotostadt Essen«. Unter dem Titel »Bilder von morgen« gibt Elke Seeger einen Einblick in die Arbeit der Fachgruppe Fotografie und ihrer drei künstlerischen und wissenschaftlichen Studiengänge. Steffen Siegel nimmt Nicéphore Niépces und David Müllers »Blick aus dem Fenster« zum Anlass, die deutschlandweit einzigartigen Studienangebote zur wissenschaftlichen Spezialisierung in Theorie und Geschichte der Fotografie auf Master- und Promotionsebene vorzustellen.
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In der Sendung »Kultur heute« des Deutschlandfunk hat Steffen Siegel am 4. September 2021 mit Jörg Biesler über die Hintergründe gesprochen und zum aktuellen Stand der Diskussion um das Bundesinstitut für Fotografie Auskunft gegeben.

What's next?

Charlotte Chapuis: So bin ich, 2019 (Aufnahme), 2021 (Neuinterpretation).

Peter Miller im C/O Berlin

Peter Miller: The Letter, 2008.

Als Kind wollte Peter Miller Zauberer werden. Heute ist der in Deutschland lebende US-Amerikaner ein international beachteter Künstler – und seit 2018 Professor für Fotografie und zeitbasierte Medien an der Folkwang Universität der Künste. In seinem Werk (und vielleicht auch in seiner Lehre?) ist seine Liebe für Magie immer noch zu erkennen ist. Zwar arbeitet er vorwiegend mit Film und Fotografie, doch stellt er auch Installationen und Skulpturen her, nimmt Interventionen im Raum vor und schließt an die Performancekunst der 1970er Jahre an. Trotz der materiellen und formalen Vielfalt thematisieren Millers Arbeiten ein inhaltlich abgestecktes Feld: sie erforschen die Geschichte der technischen Medien und kreisen um ihre grundlegenden Elemente wie Chemie und Licht, Publikum und Flicker-Effekt, Optik und Perspektive. Im klassischen Sinn filmt und fotografiert Miller jedoch wenig. Stattdessen minimiert er die übliche technische Anordnung, etwa, indem er auf Kamera, Objektiv oder Linse verzichtet.
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Für die Fachgruppe Fotografie ist es eine große Freude, alle Freundinnen und Freunde künstlerischer Magie auf die erste institutionelle Werkschau von Peter Miller hinzuweisen. Zu sehen ist sie vom 11. September bis zum 3. Dezember im C/O Berlin. Zu sehen sind zentrale Arbeiten aus den letzten fünfzehn Jahren von Peters Schaffens, aber auch zahlreiche neu für die Ausstellung entstandene Werke. Zwei eigens für C/O Berlin entwickelte partizipative Interventionen laden Besucher*innen dazu ein in der Ausstellung zu fotografieren, entweder mit einer besonderen Kamera oder in einer besonderen Umgebung. Ausgehend von Millers fotografischem Werk stellt die Ausstellung darüber hinaus Verbindungen zu den filmischen und performativen Aspekten seines Œuvres her.

Gisela Bullacher: circum.ringsum

Gisela Bullacher: Knickfolgen, 2021.

In diesem Herbst stellt Gisela Bullacher, Professorin für Fotografie, in der Freien Akademie der Künste in Hamburg jüngste Arbeiten aus und lädt unter dem Titel »circum.ringsum« zu einem genauen Blick auf ihre Bilder ein. Denn ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und seiner Wahrnehmung, sowohl als Artefakt wie auch in der Verschränkung mit dem Menschen.
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Ausgehend von der Tatsache, dass die Fotografie eines Gegenstandes einer anderen Intention folgt als der Gegenstand selbst und unser Verhältnis zu ihm sich durch unseren Blick auf ihn verändert, wird mit diesen Arbeiten die Eigenleistung der Bilder (und Dinge) betont und zur Anschauung gebracht. Im Ausstellungsraum entwickeln die Bilder durch konstellative Anordnungen und Reihungen ein Beziehungsgeflecht, mit dem sie sich im besonderen Maße zum konkreten Raum positionieren und dessen architektonische Merkmale formal wie inhaltlich aufgreifen. Natürliche Formen werden konstruierten Formen gegenübergestellt und zeigen Geometrie als elementare Lebensformen unserer Umwelt. Fotografie dient hier als Werkzeug und Instrument zugleich, die das Aufzeigen und Nachdenken über das, was uns umgibt, erfahrbar machen will.
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Die Ausstellung wird am 16. September 2021 in der Freien Akademie der Künste in Hamburg, Klosterwall 23, eröffnet. Zu diesem Anlass spricht neben Monique Schwitter, der Präsidentin der Akademie, außerdem Elke Bippus von der Zürcher Hochschule der Künste. Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 31. Oktober 2021, dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.
 

The Material and the Virtual in Photographic Histories

The First Symposium of the Photography Network will be held virtually from October 7 through 9, 2021, jointly hosted by the Photography Network and Folkwang University of the Arts, Essen.
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Over the last twenty years, the study of photography’s history has been characterized by, among other things, two opposing strands: a concentration on the photograph’s status as an object and a concern with the decidedly virtual quality of its images and practices. The 2019 FAIC conference »Material Immaterial: Photographs in the 21st Century« considered these two directions in photographic conservation, asking if the physical photograph still matters today as a source of teaching, learning, and scholarship when the intangibles of code now direct the production and archiving of images. Now, from a methodological direction, this Photography Network symposium seeks to inquire further into the historical implications of the increasing distance between photography’s status as an object and its life as what could be called the intangible »photographic.«
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On one side of the ledger in historical studies, Elizabeth Edwards has long proposed that we consider photography’s object history; Geoffrey Batchen has emphasized the haptic quality of long-neglected vernacular forms of photography; the Museum of Modern Art in New York engaged a years-long conservation and curatorial project named »Object: Photo«; and the »Silver Atlantic« initiative in Paris explores the mineral histories of the medium. But at the same time, Tina Campt has asked us to »listen« to photography; Fred Ritchin has urged us to study photography’s virtual lives in social media; and Ariella Azoulay proposes that we consider the larger sphere of habits, customs, and civil contracts that surround photographic activity and its images. The same division emerges with ever-greater strength in the production and curating of images. Many photographers, for example, have returned to obsolescent processes or emphasized the material contexts of their work's production, while others use online virtual worlds as a source for appropriation and manipulation as well as a destination for display and distribution; or emphasize the social practices and performances of identity that have given rise to new work. Curators, too (especially during the pandemic), have grappled with acknowledging the physicality of photographic objects in online contexts even as they puzzle over how to collect purely virtual works and otherwise signal the larger social contexts in which photography intervenes.
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Given this consistent cleavage, the symposium asks; Where do the object-based and the virtual meet in photography’s histories? How can these two strands in photo studies be brought together and harnessed to reconsider existing problems or launch new investigations?
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You can find here a detailed schedule with six panels and two roundtables.

Folkwang Finale 20/21

Nach einem erzwungenen Jahr Pause findet in diesem Herbst endlich wieder am Ende des Sommersemesters das große Finale des akademischen Jahrs statt – und es heißt auch gerade so: »Folkwang Finale«. Alle Absolven:tinnen, die im Lauf der letzten Semester am Fachbereich Gestaltung ihren B.A.- oder M.A.-Abschluss erfolgreich absolviert haben, stellen gemeinsam im SANAA-Gebäude auf dem Campus Zollverein aus und geben durch die Präsentation ihrer Arbeiten einen Einblick in die aktuellen Fragen von Fotografie, Industrial Design und Kommunikationsdesign.
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Traditionell stellt die Fachgruppe Fotografie in der großen Halle des SANAA-Gebäudes im ersten Obergeschoss die Arbeiten ihrer Absolvent:innen aus. Mit dabei sind dieses Mal insgesamt 22 Bachelor- und 13 Master-Studierende: Julius Barghop, Hannah Braue, Claudius Dorner, Marie Dzingel, Hendrik Hinkelmann, Lisi Högler, Max Hytrek, Julia Jaksch, Raphael Janzer, Jonas Kamm, Eleni Kritikos, Nils Limberg, Patrick Lohse, Ruth Magers, Luzie Marquardt, Ya Ning, Robert Reugels, Virginia Sammeck, Leif-Erik Schmitt, Killa Schütze, Yashar Shirdelaghjehmasshad und Anja Segermann für die B.A. Fotografie. Inga Barnick, Niklas Baumberger, Kai Behrendt, Pauli Beutel, Tim Dechent, Eric Greven, Patrick Möckesch, Adeola Olagunju, Frederik Pajunk, Daniela Risch, Michael-Paul Romstöck, Franziska Schrödinger und Bahram Shabani Kolour für den M.A. Photography Studies and Practice.
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Mit ihren Arbeiten spiegeln sie die ganze Breite von Strategien, die gegenwärtig leitend sind und nicht zuletzt zukünftig für die künstlerische Fotografie bedeutsam werden: als gerahmtes oder projiziertes Bild an der Wand, als Installation im Raum oder als Buch. Dabei verfolgen sie ebenso dokumentarische Interessen wie sie auf künstlerischem Weg die Möglichkeiten der Computer Generated Imagery ausloten.
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Zu sehen ist die Ausstellung vom 24. September bis 3. Oktober 2021, täglich von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung erscheint auch dieses Jahr wieder eine Zeitung, die alle ausgestellten Arbeiten vorstellt und außerdem Abstracts aller Masterarbeiten enthält, die in den beiden wissenschaftlichen M.A.-Studiengängen Kunst- und Designwissenschaft und M.A. Photography Studies and Research entstanden sind – im Master für Theorie und Geschichte der Fotografie haben mit Franziska Barth, Judith Böttger, Isabelle Castera, Angela Deußen, Sandra Happekotte, Vera Knippschild, Marie-Luise Meyer, Laura Niederhoff und Tania Luz Olivares Achach insgesamt neun Studentinnen ihr Studfium erfolgreich abgeschlossen.

Stellenausschreibung Theorie und Geschichte der Fotografie

Am Fachbereich Gestaltung der Folkwang Universität der Künste ist zum 15. September dieses Jahres die Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin oder eines wissenschaftlichen Mitarbeiters (m/w/d) ausgeschrieben worden. Gesucht wird eine Forscherin oder ein Forscher, die oder der ein Promotionsvorhaben an der Folkwang Universität der Künste im wissenschaftlichen Lehr- und Forschungsgebiet Theorie und Geschichte der Fotografie realisieren möchte. Mit der Stelle verbindet sich eine Beteiligung an der akademischen Lehre im Umfang von 2 SWS sowie der akademischen Selbstverwaltung. Erwartet wird die Mitarbeit in der Forschung, die Betreuung von Publikationen, Organisationstätigkeiten im Bereich der Professur für Theorie und Geschichte der Fotografie, die Bereitschaft zur eigenständigen Einwerbung von Drittmitteln sowie zur Unterstützung von anderen Drittmittelanträgen und die Weiterqualifikation mittels eines eigenständigen Forschungsprojekts, das zum Erwerb des Dr. phil. führt.
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Bewerber*innen sollen erfolgreich ein Hochschulstudium (Master oder Magister) der geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fächer abgeschlossen haben, die eine hohe Nähe zur Theorie und Geschichte der Fotografie besitzen und gegenüber der fotografischen sowie gestalterischen Praxis aufgeschlossen sein. Erwünscht sind einschlägige Erfahrungen in der wissenschaftlichen Organisationstätigkeit, der Betreuung von Publikationen und/oder des Kuratierens. Erwartet werden ein sehr gutes Selbstmanagement und Teamfähigkeit sowie sehr gute Deutsch- und Englischkenntnisse in Wort und Schrift.
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Die Vergütung erfolgt – je nach vorliegenden Voraussetzungen – bis Entgeltgruppe 13 des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L). Die Besetzung erfolgt in Teilzeit mit 50% der durchschnittlichen regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit und zunächst befristet für 3 Jahre. Eine Verlängerung wird angestrebt.
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Die Folkwang Universität der Künste strebt eine Erhöhung des Anteils an Frauen an, in den Bereichen in denen sie unterrepräsentiert sind und fordert deshalb einschlägig qualifizierte Frauen nachdrücklich auf, sich zu bewerben. Die Bewerbungen von Menschen mit Behinderung bzw. diesen Gleichgestellten im Sinne des § 2 SGB IX sind erwünscht, sie werden bei entsprechender Eignung bevorzugt eingestellt. Die Folkwang Universität der Künste versteht sich als familienfreundliche Hochschule und fördert Maßnahmen zur besseren Vereinbarung von Arbeit und Leben.
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Bitte richten Sie Ihre Bewerbungsunterlagen in einer einzigen PDF-Datei (ohne Bewerbungsfoto) bis zum 15. September 2021 an den Kanzler der Folkwang Universität der Künste und nutzen Sie hierzu ausschließlich das untere Online-Bewerbungsportal der Hochschule. Ein bis zu fünfseitiges Exposé (zzgl. Literaturnachweise) für ein mögliches Forschungsprojekt ist zusammen mit den Bewerbungsunterlagen einzureichen. Das Vorstellungsverfahren findet voraussichtlich in der 40. oder 41. Kalenderwoche statt.
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Den verbindlichen Ausschreibungstext sowie eine Weiterleitung zum Bewerbungsportal finden Sie hier.
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Bei inhaltlichen Fragen zur ausgeschriebenen Stelle wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Steffen Siegel. Bei allgemeinen personalrechtlichen Fragen wenden Sie sich bitte an Maria Morgenstern. Bei Fragen zur Gleichstellung der Geschlechter wenden Sie sich bitte an die zentrale Gleichstellungsbeauftragte.

Jonas Kamm exhibits at the photo festival »Les Rencontres d'Arles«

Jonas Kamm, »The Inhabitants«, installation view from the 52nd Rencontres d'Arles, July–September 2021.

It is with great pleasure that we announce Jonas Kamm’s participation at the renowned photo festival »Les Rencontres d'Arles«, taking place this summer from July 4 through August 29, 2021. Jonas Kamm, who was, until last year, a student of Folkwang University’s B.A. photography program, has been invited by photo curator Sonia Voss to represent our university at the Louis Roederer Discovery Award, featuring eleven international institutions and artists. Jonas’ series »The Inhabitants« from 2020 will be on display in the city center of Arles, in the Église des Frères Prêcheurs, together with works by Farah Al Qasimi, Ketuta Alexi-Meskhishvili, Mariana Hahn, Ilanit Illouz, Tarrah Krajnak, Massao Mascaro, Zora J Murff, Aykan Safoğlu, Andrzej Steinbach, and Marie Tomanova.
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Jonas participates in the exhibition with two different series. First, his series »The Inhabitants«, the result of a hybrid production process, at the crossroads of architecture, sculpture, and photography. These images—two-dimensional renderings drawn from 3D virtual space—initially take shape in a space modeled by the artist with the aid of computer software. Kamm then, using virtual tools, sculpts figures based on a texture that he has previously »harvested« with the camera from his physical environment. Once the figures have been shaped, the software—simulating the tools of photography—permits the artist to choose an angle and to adjust, from a practically unlimited spectrum of possibilities, his light sources, his focus, his aperture, etc. Kamm’s figures, vaguely anthropomorphic, appear as intermediaries between the real and immaterial worlds. The reductive character, the unclassifiable nature of these images turns them into vectors of inchoate narratives, carriers of a potential meaning which has yet to be defined and which remains mysterious, opening a void that we are invited to fill.
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Furthermore, Jonas shows the first parts of a new series which is currently in progress: »Parametric Archeology«. It takes off from the purely economic goal of creating a small program that helps to generate shapes in an automated and efficient way. A freely chosen form runs through various modifiable parameters and multiplies itself in various slightly modified forms. After having been selected by the artist, the resulting output presents itself as if being arranged on an examination table. Forms and arrangement play with the concepts of the archive or the archaeological excavation, yet they merely refer to digital inputs and processes. In Jonas’ words: »This rather absurd play with something we are supposed to know, but what, in fact, escapes our understanding, is fun for me.«
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During the opening week in early July, the jury will bestow the Louis Roederer Discovery Award, which comes with an acquisition worth 15,000 euros. Furthermore, the public will vote for the Public Award which is worth 5,000 euros for an acquisition.

B/U/ILD im Neuen Kunstverein Wuppertal

Patrick Lohse: Cool Down Pink, 2018. Aus der Serie: Modus: 3 × 4, C-Print kaschiert auf Plexiglas.

B/U/ILD zeigt die Arbeiten vier junger Künstler*innen, die in ihren Fotografien sowohl das Bild als auch das Bilden verhandeln. Es werden Stoffe drapiert, Kulissen gebaut, Posen eingenommen oder Vektoren modelliert. Der unmittelbare Abschluss des dreidimensionalen Schaffensprozesses wird hier jedoch gleichzeitig zum Auslöser einer zweidimensionalen Fotografie. Die bewusste Entscheidung für das Medium als finales künstlerisches Produkt bestätigt die Künstler*innen nicht nur in ihrer Rolle als aktive Bildproduzent*innen, sondern markiert darüber hinaus auch eine Differenz, die durch den Rücktritt aus dem Raum etwas hervortreten lässt. Die Arbeiten von Jonas Kamm, Patrick Lohse, Elizaveta Podgornaia und Isabelle Wenzel erzählen auf jeweils eigene Weise vom Suchen und Finden einer geeigneten Bildform, die sich produktiv zum Dargestellten ins Verhältnis setzt. Darüber hinaus machen sie deutlich, wie leicht der Versuch einer begrifflichen Einordnung der Werke ins Wanken gerät.
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Mit Jonas Kamm, Patrick Lohse und Elizaveta Podgornaia sind nicht allein drei der vier ausstellenden Künstler*innen Alumni der Folkwang Universität der Künste. Kuratiert wurde die Ausstellung zudem von Franziska Barth, Angela Deußen und Sandra Happekotte, die alle drei Absolventinnen des M.A. Photography Studies and Research sind.
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Die Eröffnung (soft opening) ist am Sonntag, den 4. Juli von 14 bis 18 Uhr. Zu sehen ist die Ausstellung dann bis zum 6. August 2021 im Neuen Kunstverein Wuppertal (Hofaue 51, 42103 Wuppertal). Am Samstag, den 10. Juli sowie am Samstag, den 24. Juli finden jeweils um 15 Uhr Führungen statt.

Kara Bukowski: Als der Frosch das Ufer sah

Kara Bukowski: Als der Frosch das Ufer sah, 2021.

Kara Bukowski, seit 2019 Studentin im B.A. Fotografie, hat in diesem Sommer im Re:sonar Verlag aus Hannover ihr erstes Zine veröffentlicht. Entstanden ist ihre fotografische Serie »Als der Frosch das Ufer sah« während des Frühsommers 2020 im Grundlagenkurs von Gisela Bullacher.
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Monatelang galt es, sich an eine neue Einheit zu gewöhnen: 1,5 Meter sollten uns schützten, aber auch voneinander trennen. Doch dann kam der Sommer, und der Frosch sah das Ufer. Wie fühlt sich Annäherung an, wenn Distanz zur Normalität geworden ist? Wie Sonne auf der Haut, Haut auf Haut und Berührungen im Freien? In ihren Bildern vermittelt Kara Bukowski den Eindruck eines scheinbar schwerelosen Sommers 2020. Sie sind ein Intermezzo im pandemischen Alltag und eine Studie der Hoffnung.
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Das Zine – eine Broschur mit Fadenheftung – ist im Juni 2021 erschienen, es umfasst 48 Seiten mit 25 digitalen Fotografien. Ausführlichere Informationen gibt es hier.

Matthias Pfaller zum Dr. phil. promoviert

Ganz ohne Frage besitzt das Territorium des chilenischen Staates einen der interessantesten geografischen Umrisse: Die Nord-Süd-Ausdehnung Chiles beträgt 4.200 Kilometer, von Westen nach Osten jedoch durchschnittlich kaum mehr als 200. Wie jedoch steht es – nun im übertragenen Sinn – mit den inneren Umrissen Chiles, und hier speziell der Fotogeschichte? Nach welchen Parametern sollte sie geschrieben werden? Mehr noch: Ist es am Beginn des 21. Jahrhunderts und in einer sich immer stärker globalisierenden Welt überhaupt zeitgemäß, die Fotogeschichte zu speziell einer Nation zu schreiben? Diese Fragen hat Matthias Pfaller, seit 2018 Doktorand im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie, in seiner Dissertation »The Paradigm of the Nation as a Provocation to the Historiography of Photography. Chile 1860–1960« aufgeworfen.
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Der Titel zeigt es bereits an: Ziel der Arbeit ist es gerade nicht, der inzwischen reichen Zahl an nationalen Fotogeschichten eine weitere, nun zu Chile, an die Seite zu stellen. Demgegenüber tritt Pfaller in seiner Dissertation einen Schritt zurück und stellt grundlegende methodologische Fragen. Anhand von vier leitenden Kategorien – Territory, Time, The Other, The Foreign – diskutiert er die Möglichkeiten, Probleme und Risiken eines solchen Paradigmas. Zur Sprache kommen hierbei nicht zuletzt die vielfältigen Probleme einer globalen Verflechtungsgeschichte.
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Betreuer und schließlich Gutachter der Dissertation waren Steffen Siegel und Andrés Mario Zervigón, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Rutgers University, The State University of New Jersey, in New Brunswick. Mit Professor Zervigón betreute nicht allein ein international ausgewiesener Experte für Fotogeschichte die Arbeit, sondern auch der Autor des Buches »Photography and Germany«, das 2017 bei Reaktion Books in London erschienen ist. Am heutigen Nachmittag hat Matthias Pfaller seine Arbeit an der Folkwang Universität erfolgreich verteidigt und wurde zum Doktor der Philosophie promoviert. Er hat vor, seine auf Englisch verfasste Dissertation zeitnah in einem US-amerikanischen Verlag zu publizieren. Außerdem wird er bereits seit diesem Frühjahr im Stipendienprogramm »Museumskuratoren für Fotografie« der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung für die Dauer von zwei Jahren gefördert.
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Zunächst aber gilt: ¡Felicidades, doctor Pfaller!

»1839« erhält Auszeichnung bei den Rencontres d'Arles

Das im Pariser Verlag Macula erschienene Buch »1839. Daguerre, Talbot et la publication de la photographie«, herausgegeben von Steffen Siegel, wurde bei den 52. Rencontres de la photographie, die gegenwärtig im südfranzösischen Arles stattfinden, durch die Jury mit einer »Mention spéciale« ausgezeichnet. Wie jedes Jahr wurden die »Prix du livre« in drei verschiedenen Kategorien ausgeschrieben: »Photo-Texte«, »Livre Historique« und »Livre d’Auteur«. Für die drei Shortlists wurden 636 eingesandten Werken insgesamt 48 Bücher ausgewählt.
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Gewinner in der Kategorie der historischen Bücher ist der bei Aperture in New York erschienene Band »To Make Their Own Way in the World. The Enduring Legacy of the Zealy Daguerreotypes«. Das mit dem zweiten Preris, der »Mention spéciale«, ausgezeichnete Buch von Steffen Siegel führt auf mehr als 650 Seiten die wichtigsten Text- und Bildquellen zusammen, die sich mit der Publikation der frühesten fotografischen Verfahren im Jahr 1839 verbinden. Durch einen ausführlichen Kommentar des Herausgebers werden diese Quellen für die heutige Forschung erschlossen.

Master-Studierende versteigern ihre Werke zugunsten des gemeinnützigen Vereins »förderturm«

Rebecca Racine Ramershoven: The Illusion of A.C., 2017.

Bis zur vergangenen Woche haben die Studierenden des M.A. Photography Studies and Practice ihre Werke in der Jahresausstellung Stopover im Museum Folkwang gezeigt. Nur kamen ausgewählte Arbeiten im Auktionshaus an der Ruhr unter den Hammer. Im Rahmen einer Charity-Aktion wollten insgedamt elf Studierende helfen, das Anliegen von »förderturm – Ideen für Essener Kinder e.V.« zu unterstützen. Der gemeinnützige Verein wurde im Jahr 2001 mit dem Ziel gegründet, Essener Kinder und Jugendliche  mit sozial schwachem Hintergrund zu unterstützen und zu fördern.
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An der Initiative beteiligten sich Lea Bräuer, Florian Fäth, Silviu Guiman, Amy Haghebaert, Xiaole Ju, Elena Kruglova, Rebecca Racine Ramershoven, Rosa Lisa Rosenberg, Samuel Solazzo, Anne-Christin Stroje und Julia Tillmann. Insgesamt wurden bei der Versteigerung am 1. Juli 2021 5.790 Euro erlöst. Es wurde kein Aufgeld berechnet. Abzüglich der Produktionskosten kommt die Hälfte des Erlöses dem »förderturm« zugute.

Elisabeth Neudörfls Buch »Out in the Streets« ist erschienen

Bereits seit Ende April ist in der Galerie Barbara Wien in Berlin Elisabeth Neudörfls Ausstellung »Out in the Streets« zu sehen. Gerade eben wurde sie nicht allein bis zum 22. August verlängert, vielmehr ist nun auch das begleitende Fotobuch im Verlag Hatje Cantz in Berlin erschienen. Mit seinen insgesamt 136 farbige Abbildungen öffnet es den Blick auf die gesamte, im Frühjahr 2020 in Hongkong entstandene Serie. Gestaltet wurde des Buch von Nicola Reiter.
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In der Verlagsankündigung heißt es zur Idee des Buches: Hongkong im Jahr 2020: Das ist medizinischer, wirtschaftlicher und vor allem auch politischer Ausnahmezustand – alles zugleich. Die Vielschichtigkeit dieser Krise lässt sich kaum in Worte fassen. Aber dafür in Bilder. Elisabeth Neudörfl hat sich auf den Weg in die lebhafte Metropole gemacht, um die Situation vor Ort fotografisch festzuhalten. Sie traf auf eine Stadt, die tief geprägt war von Protesten und ihrem Kampf um Demokratie, der Unnachgiebigkeit der Macht und dem Aufziehen der Covid-19-Pandemie. Neudörfls Bilder entstanden unter anderem auf den Demonstrationsrouten und an den Universitäten. Und überall blickt man auf eine Dystopie: geschlossene Läden, Straßen ohne Verkehr, menschenleere Metrostationen. Allein die Graffiti spiegeln die Auseinandersetzungen und die Veränderungen in der Stadt. Mit diesen Aufnahmen vermag man sich selbst ein Bild der Katastrophe zu machen.
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Zum Beginn des Wintersemesters soll das Buch an der Folkwang Universität in einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt werden.

dop|pelt

Fabian Wolter: Ecce Homo, 2020.

Neun Studierende des B.A. Fotografie stellen in diesem Jahr im Rahmen des f² Fotofestival in Dortmund aus. Unter dem Titel »dop|pelt« sind in der STREET//ART GALLERY Arbeiten von Simon Baptist, Hannah Braue, Ayla Buchholz, Marie Dzingel, Katharina Ley, René Omenzetter, Sora Park, Killa Schütze und Fabian Wolter zu sehen.
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Seit ihrer Erfindung übt die Fotografie einen ungebrochen großen Einfluss auf die bildliche Darstellung des Menschen aus. Der fotografierte Mensch ist aus unserer Alltagskultur nicht mehr wegzudenken. Was aber zeigt sich in diesen Bildern? Stehen sie wirklich für repräsentierte Identitäten? Oder sehen wir in ihnen eher fiktive Persönlichkeiten? Das diesjährige Festivalthema »Identität« fordert regelrecht dazu auf, diesen auf seine gültige Normen hin zu beleuchten. Ausgehend von der Frage, ob Fotografie die Komplexität des Themas widerspiegeln kann, sind die Arbeiten der Studierenden geprägt von einem experimentierfreudigen Nachdenken über fotografische Praktiken und Wirkungsweisen. Es geht nicht so sehr um die Frage, ob und wie das Medium Einblicke in Charaktere geben kann. Vielmehr soll es darum gehen, die subjektiven Anteile des realen und fiktiven Menschenbilds herauszuschälen.
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In diesem Sommer findet das f² Fotofestival vom 17. bis zum 27. Juli bereits zum dritten Mal statt. Es steht für zeitgenössische Positionen und Tendenzen der Fotografie und zeigt ausgewählte, engagierte Abbildungen aus der ganzen Welt. Das Festival ist monothematisch angelegt und bietet mit seinen Ausstellungen unterschiedliche Perspektiven und kritische Einblicke in aktuelle Themen und Fragestellungen, sodass es auch einen bildungspolitischen Auftrag erfüllt. Ergänzt durch ein Rahmenprogramm, bietet das Festival eine Plattform für neue Talente und schafft zugleich eine Verbindung zwischen Fotograf*innen, Kurator*innen, Medien und Publikum, wie sie im Alltag nicht möglich ist. Beteiligt sind zahlreiche Ausstellungshäuser, Ausbildungsstätten, Hochschulen und Verbände aus der Region Ruhrgebiet. Parallel stattfindende Vorträge, Workshops und Diskussionsveranstaltungen bieten Inspiration und Austausch.
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Zu sehen ist die Ausstellung »dop|pelt« vom 19. Juni bis zum 3. Juli 2021 in der STREET//ART GALLERY, Rheinische Straße 16 in Dortmund. Geöffnet ist die Galerie dienstags bis freitags von 15 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr.
 

Gisèle-Freund-Preis für Theorie und Geschichte der Fotografie wird zum ersten Mal ausgeschrieben

Zum ersten Mal wird in diesem Jahr an der Folkwang Universität der Künste der neu geschaffene Gisèle-Freund-Preis für Theorie und Geschichte der Fotografie ausgeschrieben. Der Preis soll künftig alle zwei Jahre verliehen werden und ist an die lange Tradition der an unserer Hochschule verliehenen Folkwangpreise angelehnt. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert und wird im Herbst dieses Jahres anlässlich einer öffentlichen Festveranstaltung überreicht werden. Für die Verleihungen bis 2029 wurde das Preisgeld in großzügiger Weise privat gestiftet. Mit dem neuen Preis wird die besondere Bedeutung unterstrichen, die die wissenschaftliche Forschung im Rahmen einer Universität der Künste besitzt. Hierfür steht der Name von Gisèle Freund (1908–2000), die nicht allein eine der wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts war, sondern auch die erste Wissenschaftlerin, die mit einer fotogeschichtlichen Dissertation im Jahr 1936 an der Sorbonne in Paris promoviert worden ist.
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Der Preis richtet sich an Master-Studierende sowie Doktorandinnen und Doktoranden, die zwischen dem Juni 2019 und dem Juni 2021 an der Folkwang Universität der Künste unter erstgutachterlicher Betreuung eine Abschlussarbeit vorgelegt haben, die sich mit einem Forschungsgegenstand zu Theorie und/oder Geschichte der Fotografie befasst. Die Arbeit muss ein sehr gutes Prädikat erhalten haben. Die Bewerbung erfolgt formlos. Neben einem Anschreiben sind der Bewerbung ein vollständiges PDF der Arbeit, ein einseitiges Abstract und ein tabellarischer Lebenslauf beizugeben. Im Abstract soll insbesondere die Bedeutung der Arbeit für den wissenschaftlichen Diskurs zu Theorie und Geschichte der Fotografie herausgestellt wird.
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Ausgezeichnet werden sollen qualitativ hervorragende wissenschaftliche Arbeiten, die einen originellen Beitrag zur Erforschung von Theorie und/oder Geschichte der Fotografie leisten. Als besondere Kriterien kommen hierfür in Frage eine innovative Wahl des Forschungsgegenstands, Beiträge zu einer Erweiterung der methodischen Vielfalt der betreffenden Fachdisziplinen und/oder explorative Diskursformen, die die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Darstellung erweitern helfen. Über die Vergabe wird eine sechsköpfige Jury entscheiden, der neben Mitgliedern der Folkwang Universität der Künste auch Expertinnen und Experten außerhalb der Hochschule angehören werden.
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Bitte richten Sie Ihre in einem einzigen PDF zusammengefassten vollständigen Bewerbungen bis spätestens zum 30. Juni 2021 an Petra Schmidt. Für Rückfragen steht Steffen Siegel zur Verfügung.

Fotobuch auf Sendung

Fotobücher sind längst nicht mehr nur ein begehrtes Sammelobjekt, sondern inzwischen auch ein prominenter Gegenstand der interdisziplinären Fotoforschung. So ist es gewiss kein Zufall, dass in diesem Frühjahr unmittelbar nacheinander sogleich zwei Themenhefte von wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind, in denen die dort versammelten Beiträge das Fotobuch einer kritischen Prüfung unterziehen wollen. Unter dem Titel »I am shocked.« The Reception of Photobooks gaben Markus und Christoph Schaden als Gasteditoren die 35. Ausgabe des PhotoResearcher heraus. Anja Schürmann und Steffen Siegel wiederum fordern in ihrem Themenheft von Fotogeschichte zu einer systematischen Erweiterung der Fotobuchforschung. Der Titel des Heftes ist dabei Programm: Weiterblättern! Neue Perspektiven der Fotobuchfoschung.
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Auf Einladung des PhotoBookMuseum in Köln – hinter diesem Projekt stehen Markus Schaden und Frederic Lezmi – werden Anja Schürmann und Steffen Siegel am Mittwoch, den 30. Juni ab 19 Uhr gemeinsam mit Markus Schaden über Potentiale, Herausforderungen und Zukunft der Fotobuchforschung sprechen. Es wird der zweite Teil der soeben gegründeten Gesprächsreihe »Let's talk!« des PBM.Radio sein. Die Veranstaltung wird aus Köln gesendet und ist über den Youtube-Kanal des PhotoBookMuseum live sowie später auch on demand zu sehen.

Call for Papers: The Material and the Virtual in Photographic Histories

The First Symposium of the Photography Network, based in the US and an affiliated society of the College Art Association (CAA), will be held next October online and is jointly hosted by the Photography Network and Folkwang University of the Arts. The symposium is dedicated to »The Material and the Virtual in Photographic Histories«.

Over the last twenty years, the study of photography’s history has been characterized by, among other things, two major strands: a concentration on the photograph’s status as an object and a concern with the decidedly virtual quality of its images and practices. The 2019 conference »Material Immaterial: Photographs in the 21st Century« considered these two directions in photographic conservation by asking if the physical photograph still matters today as a source of teaching, learning, and scholarship when the intangibles of code now direct the production and archiving of images. Now from a methodological direction, this symposium seeks to inquire further into the longer historical implications of the distance increasingly perceived between photography’s status as an object and its life as what could be called the intangible »photographic.«

On one side of the ledger in historical studies, Elizabeth Edwards has long proposed that we consider photography’s object history, Geoffrey Batchen emphasized the haptic qualities of long-neglected vernacular photographies, the Museum of Modern Art engaged a years-long conservation and curatorial project named »Photo: Object,« while the »Silver Atlantic« initiative in Paris explores the mineral histories that the medium arose from and transformed. But at the same time, Tina Campt has asked us to listen to photography, Fred Ritchin has admonished that we study photography’s virtual lives in social media, and Ariella Azoulay proposes that we consider the larger sphere of habits, customs, and civic contracts that surround photographic activity and its images. The same division has emerged with ever-greater strength in the production and curating of images. Many photographers, for example, have returned to alternative processes or emphasized the material contexts of their work's production, while others use online virtual worlds as a source for appropriation, manipulation, and posting, or they emphasize the social practices and performances of identity that give rise to new work. Curators, too, (especially during the pandemic) grapple with presenting the physicality of photographic objects in online contexts, even as they puzzle over how to collect purely virtual works and otherwise signal the larger social contexts in which the photographic intervenes.

Given this consistent breakdown, the symposium asks where the object-based and the virtual of photography’s histories meet? How can the two strands in photo studies be brought together and harnessed to reconsider existing problems or be put to use for new investigations?

Proposals drawing on both spheres of concern could consider subjects such as:
● The social practices stimulated by the haptic engagement with photo albums,
● The networks of circulation shaped by the material limits of illustrated magazines, their papers, and their presses,
● The clipping, altering, and collecting of photography delivered through magazines, baseball cards, and posters,
● Social formations around collecting and archiving photographs in the realms of crime, journalism, and institutional memory making,
● Practices of extraction and trade generated by photography’s mineral, paper, and water demands,
● Evolutions in scientific and technical knowledge necessitated by the industrialization of photographic materials such as silver, ether, cellulose, and paper,
● Developments in clothing stimulated by the mass-circulation of glossy fashion photographs in the press,
● The relationship between perfume samples and photographic advertising in journals,
● Synchronicity in oral story-telling and the handling of snapshots by friends and family,
● Ceremony and custom in the classic vacation slide show,
● The use of internet tools to foreground and map photography’s material histories,
● Other cases that can be best understood by drawing on methodologies associated with the object-based and virtual identities of photography.

The Photography Network invites proposals for presentations that broach such a methodological melding. In so doing, we seek the most innovative and rigorous scholarship shaping the photography field and its future. We welcome proposals across disciplines and encourage a broad range of subjects that reflect a diversity of geographies. Practitioners and scholars at any stage of their career are welcome to submit their research. We also welcome international scholars but note that the conference will be in English.

The Photography Network Symposium organizers are interested in attracting a diversity of presentational styles. In addition to proposals for individual, 20-minute papers, we also seek alternative-format presentations (e.g., workshops and roundtables). To encourage variety, applicants may submit up to 2 proposals, provided that one is in an alternative format. We will also host a Pecha Kucha for new research on any topic from students, curators, academics, and practitioners. If you would like to be considered for the Pecha Kucha, please note so in your email submission. You are welcome to apply only to the Pecha Kucha. Conference sessions on networking will be organized around accepted submissions, rather than prescribed themes.


Please send until June 15, 2021: (1) a 250-word abstract, (2) a clear indication of format, and (3) a three-page resume or CV to the Photography Network Symposium organizing committee: Andrés Mario Zervigón, Caroline Riley, and Steffen Siegel at photographynetworksymposium@gmail.com. To be considered only for the Pecha Kucha, please email us a 100 word abstract and short three-page resume or CV. The symposium will be held on October 8 and 9, 2021. The schedule will be announced by August 1 and will be determined after reviewing the abstracts and finalizing the conference format.

Note: All are welcome to apply. Accepted presenters must be Photography Network members in good standing at the time of the symposium. Annual membership is $20 (student/unaffiliated), $40 (Affiliated), or $100 (Sustaining Member). Please visit the Photography Network’s website for more information on how to join. 

Hollis Frampton: ADSVMVS ABSVMVS

Gleich in doppelter Weise ist kürzlich das von Anne Breimaier und Matthias Gründig herausgegebene Buch »Hollis Frampton: ADSVMVS ABSVMVS, in memory of Hollis William Frampton, Sr., 1913–1980, abest« zum gleichnamigen Werk aus dem Jahr 1982 erschienen: physisch in der hochschuleigenen Folkwang Edition | Book und digital als frei verfügbares E-Book in der Heidelberger Publikationsinitiative Arthistoricum.net-Art-Books.

Ab jetzt kann das Buch ganz einfach über das Bestellformular des Folkwang Shops bezogen werden. Alle Einnahmen aus den Buchverkäufen dienen exklusiv der Steigerung der Auflagenzahl. Das E-Book ist unter der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0) veröffentlicht und kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Die Publikation bildet den Abschluss eines Kooperationsprojektes zwischen der Freien Universität Berlin und der Folkwang Universität der Künste zum Werk des US-amerikanischen Künstlers Hollis Frampton, in dessen Rahmen im Wintersemester 2017/2018 Seminare, Exkursionen und die Ausstellung von Framptons Arbeit »ADSVMVS ABSVMVS« im UG im Folkwang, im Museum Folkwang, stattfanden. Ausführlichere Informationen zum Buch gibt es auf der Seite der Publikation.

Anna Chiesorin zum Dr. phil. promoviert

Für diese Nachricht muss man nicht in die Zukunft schauen: Heute Mittag wurde Anna Chiesorin, seit 2017 Doktorandin im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie, zur Doktorin der Philosophie (Dr. phil.) promoviert. In ihrer Dissertation »In die Zukunft schauen. Das Rendern in der architektonischen Praxis und sein Kommunikationspotenzial« hatte sie sich mit einem auf bemerkenswerte Weise allgegenwärtigen, aber nur wenig erforschten Phänomen auseinandergesetzt: dem Rendering. Bereits in der architektonischen Entwurfspraxis spielt es eine herausragende Rolle, erst recht aber dann, wenn diese Entwürfe für einen Wettbewerb eingereicht und gegenüber der Öffentlichkeit vertreten werden sollen. Ein öffentliches Bauvorhaben ohne begleitende Renderings, so betonte Anne Chiesorin heute in ihrer Disputation, ist eigentlich nicht mehr vorstellbar.
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Um die Bedeutung dieser computergestützten Visualisierungspraxis und die Rolle einer hiermit verbundenen fotorealistischen Ästhetik genauer in den Blick nehmen zu können, wählte Anna Chiesorin drei Bauvorhaben der jüngeren Zeit, die in der Arbeit exemplarisch diskutiert wurden: das Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg, das NS-Dokumentationszentrum in München (diese beiden Häuser wurden bereits eröffnet) sowie das Archiv am Eifelwall in Köln, dessen Eröffnung für den Herbst dieses Jahres geplant ist. Betreuer und schließlich Gutachter der Dissertation waren Steffen Siegel und Markus Rautzenberg. Nach der abgeschlossenen Prüfung hat Anna Chiesorin vor, ihr Manuskript als Buch zu veröffentlichen.
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Zunächst aber gilt: Tanti auguri, Dottoressa Chiesorin!

M.A. Photography Studies and Research

Wie in jedem Frühjahr schreiben wir auch 2021 die Studienplätze für unseren wissenschaftlichen Masterstudiengang Photography Studies and Research aus. Bewerbungen sind bis zum 31. Mai 2021 möglich. Studienbeginn für den nächsten Jahrgang ist das Wintersemester 2021/2022. Ausführliche Informationen zum Zulassungsverfahren an der Folkwang Universität finden sich hier. Wir freuen uns über Bewerbungen von allen, die eine praktisches wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie fasziniert! Für Rückfragen stehen Matthias Gründig und Steffen Siegel jederzeit zur Verfügung.

That is no proof

Katharina Ley: Retusche (480/110), 2021.

Katharina Ley und Katja Stolz, Studentinnen im B.A. Fotografie, stellen derzeit gemeinsam im Kunstraum KOP.12 unter dem Titel »THAT IS NO PROOF« aus. Sie experimentieren mit analogem Filmmaterial und digitalen Ausgabeprozessen. Durch Eingriffe in Bildmotive und Bildträger werden Ausgelöschtes und daraus resultierende Leerstellen neu inszeniert.
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Katja Stolz bearbeitet mit gezielten Schnitten analoge Kleinbildnegative und setzt diese neu zusammen, bevor sie die so entstandenen Bilder mit einem handelsüblichen Flachbettscanner digitalisiert. Dabei bedient sie sich amateurhaft anmutender Landschaftsfotografien, wobei ihre finalen Bilder mit der klassischen Landschaftsfotografie nur noch wenig zu tun haben. Auch bei Katharina Ley lassen sich Motive aus dem Sujet der Naturfotografie finden. Anders als Katja Stolz bearbeitet sie die Bilder auf Baryt-, PE- oder Inkjetpapier erst im Nachhinein mit Schmirgelpapier, so dass die Schichten des Trägermaterials sichtbar gemacht werden. Dabei stehen Motiv, Bildträger, intuitiver Gestus und Körnung des Bearbeitungswerkzeuges in einem sich gegenseitig bedingenden Verhältnis, welches den Bildeingriff leitet.
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In der Gemeinschaftsausstellung »THAT IS NO PROOF« lässt sich das gemeinsame Interesse an einem Umgang mit fotografischen Materialitäten erkennen, der die visuellen Darstellungsmöglichkeiten des Medium ausreizen will. Das Spiel mit dem Papier, dessen Materialität und dem des fotografischen Ausgangsmaterials verfremdet das ursprüngliche Bildmotiv und schafft neue Betrachtungsweisen. Beide Künstlerinnen lösen sich nicht vollkommen von der Gegenständlichkeit ihres Ausgangsmaterials: Die ursprünglichen Motive sind noch erkennbar, reagieren mit den Spuren und Leerstellen, die die händischen Eingriffe ins Material hinterlassen. Zwischen Verbergen und Sichtbarmachen, lassen sich beide Begriffe so nicht mehr eindeutig zuordnen.
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Zu sehen ist die Ausstellung vom 9. bis zum 30. Mai 2021 im Kunstraum KOP.12 am Kopstadtplatz 12 in der Essener Innenstadt – jederzeit für einen Teil der Ausstellung im Schaufenster sowie im Kunstraum selbst nach Vereinbarung. Eine Vorschau auf die gezeigten Werke gibt es außerdem hier.

Über das Verweilen als Impuls

Simon Ringelhan: Konterfei (Detailansicht), 2019

Lilith Ribitzki und Simon Ringelhan, die beide an der Folkwang Universität der Künste im B.A. Fotografie studieren, stellen zur Zeit in der Reihe #Takeover im PACT Zollverein, dem Choreographischen Zentrum NRW, aus. Sie haben hierfür eine Woche lang das Trafohaus des PACT zur kollaborativen Arbeit genutzt und in dieser Zeit ihre Ausstellung »Über das Verweilen als Impuls« erarbeitet. Zu sehen ist die Ausstellung vom 17. bis zum 25. Mai 2021 in der Bullmannaue 20a in Essen.
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Zu ihrer gemeinsamen Idee schreiben sie selbst: »Die Arbeit beruht auf der Faszination unserer Verbindung zur Natur, Zeit und Vergänglichkeit, die dem einhergeht. So geht es um den Umgang mit der Wirkung von Orten, sowie Un-Orten, Räumen, Licht und Eindrücken als das persönliche, instinktive Erlebnis. Fotografie als Projektionsfläche existenzieller Fragestellungen und Symbolik des menschlichen Daseins. Durch direktes Einbrennen eines Momentes, der Hochvergrösserung verschiedener Oberflächen und dem Sichtbar machen von Bestandteilen, versuchen wir diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen.«

Julius Barghop: Just Man

Julius Barghop: Just Man, 2021.

In diesem Frühjahr hat Julius Barghop mit seinem Buch »Just Man« erfolgreich sein Studium im B.A. Fotografie abgeschlossen. Das Buch im Format 24 cm × 33,5 cm und mit 130 Fotografien umfasst 264 Seiten. Produziert wurde es im Digitaldruck in einer Auflage von 15 Exemplaren.
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Julius Barghop schreibt über die Idee seines Buch: Die Arbeit »Just Man« ist eine Annäherung an die neoliberale Stadt, eine Bewegung durch ihre Büro- und Bankenviertel, entlang repräsentativer Monumente von Macht und Erfolg. In dieser Stadt erstreckt sich der Raum als ständige Wiederholung der immer selben Motive. In ihr gibt es kein Entrinnen, keinen Punkt, der Halt bietet. Als einziges Gegenüber verbleibt die Oberfläche, die steinerne Mauer, die den Blick versperrt. »Just Man« ist eine Untersuchung der Bildwelt dieser modernen Stadt und stellt die Frage, was in ihr sichtbar und erfahrbar bleibt.

Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?

Begleitend zur Ausstellung Stopover 20/21 im UG des Museum Folkwang veranstalten die Studierenden des M.A. Photography Studies and Research am 7. Mai 2021 einen öffentlichen Workshop. Im Zentrum der eintägigen Veranstaltung stehen »Zugänge«. Mit ihnen verbindet sich eine wichtige Frage: »Was soll Fototheorie leisten?«
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Auf Einladung der Master-Studierenden werden zwei Keynotes gehalten werden: zum einen vom Kunst- und Medienwissenschaftler Dr. Roland Meyer, der vor Kurzem mit seiner Monografie »Operative Porträts: Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavater bis Facebook« hervorgetreten ist; darüber hinaus hat er soeben seine Studie »Gesichtserkennung: Digitale Bildkulturen« veröffentlicht. Zum anderen wird die Kunsthistorikerin Vera Tönsfeldt sprechen, die seit 2019 beim Rom e.V. tätig ist. Seit Beginn dieses Jahres führt sie dort zusammen mit zwei Kolleginnen das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt DigiRom durch. Ziel dieses Projekts ist die Digitalisierung, Erschließung und kritische Erforschung von rund 2.360 historischen Bildpostkarten und 1.225 historischen Grafiken aus dem Bestand des Rom e.V. Sie wird ihren Vortrag gemeinsam mit Helena Weber halten, die als Fotohistorikerin wissenschaftliche Referentin für das Projekt DigiRom tätig ist.
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Neben den drei Gästen sprechen Özlem Arslan, Judith Böttger, Isabelle Castera und Jakob Schnetz. Unter der Leitfrage des von Judith Böttger und Laura Niederhoff moderierten Workshops geben sie Einblick in ihre aktuelle Forschungsarbeit. Judith Böttger wird mit den im UG ausstellenden Fotografinnen und Fotografen einen Artist Talk führen.
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Die Veranstaltung wird online stattfinden. Eine Anmeldung durch eMail ist bis zum 4. Mai 2021 möglich.

Timm Rautert: Fotobücher

Seit seinem Studium an der Folkwangschule in Essen-Werden, das heißt seit den späten 1960er Jahren, hat sich der Fotograf Timm Rautert intensiv mit den Zeigemöglichkeiten des Fotobuchs auseinandergesetzt. Ob in den Werkkatalogen von Franz Erhard Walther oder in Form der gesammelten, gemeinsam mit Michael Holzach erarbeiteten Reportagen, ob in den zusammen mit Otl Aicher entwickelten Bänden oder in den Ausstellungskatalogen und konzeptuellen Künstlermonografien, das Medium des Buches hat die fotografische Arbeit von Timm Rautert in den letzten fünfzig Jahren nicht allein begleitet, sondern auf intensive Weise geprägt. Auf diese Weise sind mehr als fünfzig Bücher entstanden.
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Anlässlich der am Museum Folkwang ausgerichtete Retrospektive »Timm Rautert und die Leben der Fotografie« werden am 6. Mai 2021 Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie, und Jan Wenzel, Verleger von Spector Books Leipzig, über diese besondere Dimension in Timm Rauterts fotografischen Werk sprechen. Anhand ausgewählter Bücher – darunter die verschiedenen Ausgaben der »Bildanalytischen Photographie« und die Gemeinschaftsprojekte mit Aicher – sollen Rauterts ästhetische Strategien insbesondere aus dem Blickwinkel des Fotobuchs diskutiert werden.
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Ausgangspunkt des Gesprächs ist dabei ein weiteres Buch, an dem Steffen Siegel und Jan Wenzel gegenwärtig arbeiten und das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird: eine monografische Zusammenschau von Rauterts Fotobüchern. Idee und Struktur dieses Buch sollen anlässlich dieses Gesprächs erstmals öffentlich vorgestellt werden.
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Das Gespräch findet statt am Donnerstag, den 6. Mai 2021 ab 19 Uhr. Die Teilnahme ist kostenfrei. Der Zugangslink zur Online-Veranstaltung wird zugesandt nach einer Anmeldung per eMail.

Drei neue Stipendiat:innen im Förderprogramm »Museumskuratoren für Fotografie«

Nadine Isabelle Henrich, Matthias Pfaller und Marie-Luise Mayer bei der ersten Besprechung mit der Krupp-Stiftung, April 2021.

Seit 1999 schreibt die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung alle zwei Jahre das Stipendien­programm Museumskuratoren für Fotografie, und in diesem Jahr stammen zwei der drei geförderten Kurator*innen der nächsten Generation von der Folkwang Universität der Künste. Hierüber freuen wir uns natürlich sehr! Neben Nadine Isabelle Henrich von Freien Universität Berlin wurden Marie-Luise Mayer und Matthias Pfaller ausgezeichnet. Marie-Luise Mayer schloss 2020 ihren Master in unserem Programm Photography Studies and Research ab. Matthias Pfaller ist derzeit noch an der Folkwang Universität der Künste als Doktorand eingeschrieben, wo er die von ihm bereits eingereichte Dissertation »The National Paradigma s a Provocation to the Historiography of Photography. Chile as a Case Study« in Kürze verteidigen wird.
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Im Rahmen eines umfassenden Auswahlverfahrens entschied sich eine Jury, bestehend aus Dr. Kathrin Schönegg, Kuratorin, C/O Berlin und ehemalige Stipendiatin des Programms, Dr. Doris Gassert, Research Curator am Fotomuseum Winterthur in der Schweiz, Dr. Ulrich Pohlmann, Leiter der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums, Thomas Seelig, Leiter der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwangs und Dr. Ingomar Lorch, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen, für zwei Stipendiatinnen und einen Stipendiaten, die bereits erste Erfahrungen im Bereich der Fotografie gemacht haben.
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Die Krupp-Stiftung fördert die Stipendien mit jeweils rund 55.000 Euro und arbeitet dabei mit der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang, Essen, der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum, dem Fotomuseum Winterthur, dem Getty Research Institute, Los Angeles, dem Centre Georges-Pompidou, Paris, und dem Victoria and Albert Museum, London zusammen. Im Verlauf des Stipendienprogramms haben die Stipendiat*innen die Möglichkeit, für jeweils sechs Monate an den drei Partnermuseen in Deutschland und der Schweiz und einer der drei kooperierenden Einrichtungen im Ausland eine museumsspezifische Ausbildung zu erhalten und mindestens an einem Ausstellungsprojekt oder Forschungsvorhaben zur Fotografie mitzuarbeiten. Bestandteil des Programms ist auch die selbstständige Organisation und Durchführung eines Symposiums oder Workshops zu besonderen Fragestellungen der Fotografie.

HfG Ulm: Ausstellungsfieber

»Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm« heißt ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das seit 2017 von der VolkswagenStiftung gefördert und gemeinsam von Martin Mäntele (HfG-Archiv Ulm), Thomas Hensel (Hochschule Pforzheim) und Steffen Siegel (Folkwang Universität der Künste Essen) geleitet wird. Im Rahmen dieses Projekts entstanden zwei Dissertationen, die Christopher Haaf und Linus Rapp im Sommer 2020 im Promotionsprogramm zur Theorie und Geschichte der Fotografie erfolgreich verteidigt haben und die in wenigen Monaten als Bücher erscheinen werden.
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Bereits zuvor aber wird im HfG Archiv Ulm die Ausstellung »HfG Ulm: Ausstellungsfieber« zu sehen sein, die wichtige Ergebnisse des Forschungsprojekts öffentlich vorgestellt und Viktoria Heinrich gemeinsam mit Christopher Haaf und Linus Rapp kuratiert hat. Die Laufzeit der Ausstellung ist vom 1. Mai bis zum 19. September 2021, danach werden weitere Stationen im deutschsprachigen Raum folgen.
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Erstmals wird mit dieser Ausstellung der die Geschichte der HfG Ulm prägende Zusammenhang von Design und Ausstellungen ausführlich thematisiert. Die Präsentation soll einen neuen Blick auf die Designhochschule im internationalen Kontext ermöglichen. Im Mittelpunkt steht dabei die Ausstellungstätigkeit der HfG, die wesentlich zu ihrer weltweiten Wahrnehmung beitrug. Die zahlreichen Schul- und Auftragsausstellungen, die zwischen 1953 und 1968 von der HfG konzipiert und im In- und Ausland präsentiert wurden, finden dabei besondere Beachtung. An der HfG nutzte man neben hochschulinternen Ausstellungen aber auch Messeauftritte großer Firmen — zum Beispiel für Braun, BASF oder SONOR — als Experimentierfeld, um Ausstellungssysteme zu konstruieren und zu testen. Industriell gefertigte Messe- und Ausstellungssysteme etablierten sich in den 1960er Jahren zum Standard, die Ausstellungen der HfG tragen einen wichtigen Teil zu dieser Entwicklung bei.
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Unveröffentlichte Quellentexte und historisches Material, darunter Ausstellungsstände, Systementwürfe sowie Fotografien, werden in der Ausstellung diese Entwurfs- und Ausstellungspraxis veranschaulichen. Ein von den Projektleitern herausgegebener und die beiden Monografien begleitender Materialband wird dabei wichtige Text- und Bildquellen erstmals überhaupt öffentlich zugänglichen machen. Begleitet sind sie von einem umfassenden Glossar, das dieses faszinierende Material aufschließen hilft.

Elisabeth Neudörfl: Out in the Streets

Elisabeth Neudörfl: Demonstrationsroute (9. Juni, 12. Juni, 16. Juni, 21. Juni, 24. Juni, 26. Juni, 1. Juli 2019), Yee Wo Street / Leighton Road, Causeway Bay, Hong Kong. Aus der Serie »Out in the Streets«, 2021.

In diesem Frühjahr zeigt Elisabeth Neudörfl, Professorin für Dokumentarfotografie, in der Galerie Barbara Wien erstmals ihre fotografische Serie »Out in the Streets«. Die Ausstellung eröffnet während des Gallery Weekends in Berlin und wird bis Anfang Juli zu sehen sein. Für die Ausstellung hat Neudörfl insgesamt 35 Fotografien ausgewählt, darüber hinaus erscheint im Juni bei Hatje Cantz ein Künstlerinnenbuch mit insgesamt 96 Bildern.

»Out in the Streets« ist eine umfassende fotografische Bestandsaufnahme des öffentlichen Stadtraums in Hongkong im Frühjahr 2020. Elisabeth Neudörfl reiste im Februar 2020 nach Hongkong, um den Zustand der Stadt nach dem Abflauen der Demokratiebewegung und am Beginn der Corona-Pandemie festzuhalten. Sie hat auf den Demonstrationsrouten und an den Universitäten fotografiert. Aber nicht nur hier, an den Orten der studentischen Proteste, auch in anderen Stadträumen erscheint Hongkong als dystopische Stadt: geschlossene Läden, Straßen ohne Verkehr, menschenleere Metrostationen. Vor allem Graffiti und übermalte Graffiti spiegeln die Auseinandersetzungen und die Veränderungen in der Stadt. Die Fotografien bezeugen einen Moment in der Geschichte Hongkongs – den gespenstischen Ausnahmezustand zwischen Protest und Pandemie.
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Der historische Kontext Hongkongs wird in wenigen Bildern mit Fotografien der Kolonialarchitektur angedeutet; den Hauptteil bilden die Fotografien von Demonstrationsrouten und Universitätsgelände. Ein anderer Teil, sowohl in der Ausstellung als auch im Buch, sind ein Video und Standbilder, die zeigen, wie ein Kalligrafiepinsel die chinesischen Zeichen für Hongkong und ein Graffito aus dem Stadtraum schreibt. Neudörfl hat eine Actionkamera an dem Pinsel befestigt. Der Blick folgt dem Pinsel, der immer am rechten Rand ins Bild hineinragt. In dieser Versuchsanordnung prallen ganz unterschiedliche Momente aufeinander: Graffiti werden schnell geschrieben, möglichst unerkannt. Bei der Kalligrafie geht es um das präzise Setzen jedes einzelnen Strichs. Actionkameras werden für schnelle, spektakuläre, raumgreifende Bewegungen eingesetzt. Hier verlassen Pinsel und Kamera den Tisch mit dem Papier nicht, die Bewegungen sind langsam. Die Konzentration der Kalligrafie steht sowohl dem Ephemeren der Graffiti als auch der »Action« der Actionkamera entgegen. Das langsame Schreiben verweist auf die Bedeutung solcher Slogans und Texte, die für die Kommunikation im Stadtraum wichtig sind.

Stopover 20/21 im Museum Folkwang

Wie in jedem Jahr präsentieren auch in diesem Wintersemester die Studierenden des Masterprogramm Photography Studies and Practice im dritten Semester ihre fotografischen Arbeiten im UG des Museum Folkwang. »Stopover« zeigt keine fertigen Abschlussarbeiten, vielmehr sollen Einblicke in aktuelle Entstehungsprozesse gewährt werden. Zu sehen sind daher Zwischenstadien einer künstlerischen Entwicklung: von der intensiven Beschäftigung mit einem speziellen Thema bis hin zur experimentellen Bildfindung.
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Bei der Vorbereitung der Ausstellung arbeiten die Studierenden der beiden Master-Programme aus Praxis und Theorie eng zusammen. Die Kooperation zwischen der Folkwang Universität und dem Museum Folkwang ermöglicht es allen an der Ausstellung Beteiligten, bereits während des Studiums die institutionelle Abläufe innerhalb eines Museums umfassend kennenzulernen.
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In der Ausstellung zu sehen sind Arbeiten von Lea Bräuer, Florian Fäth, Silviu Guiman, Amy Haghebaert, Xiaole Ju, Elena Kruglova, Rebecca Racine Ramershoven, Rosa Lisa Rosenberg, Samuel Solazzo, Anne-Christin Stroje und Julia Tillmann.
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Nach langem Warten konnte das Museum Folkwang ab dem 11. März seine Türen öffnen, und damit ist neben allen anderen Ausstellungen »Stopover« nicht allein zu sehen, sondern wurde auch bis zum 27. Juni verlängert! Der Eintritt ist frei. Es gelten selbstverständlich die vom Museum Folkwang festgelegten Hygienebestimmungen.
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Erste Blicke gibt es auch auf Instagram und Twitter.
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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Textbeiträgen von Özlem Arslan, Judith Böttger, Isabelle Castera, Laura Niederhoff, Jakob Schnetz und Paul Werling.
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Darüber hinaus richten die Studierenden des Masters Photography Studies and Research unter dem Titel »Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?« am 7. Mai 2021 einen ganztägigen Workshop aus. Er soll dazu dienen, anlässlich der Ausstellung Fragen zum Zusammenhang von digitalen Bildkulturen und Diversity zu diskutieren.

Rosa Lisa Rosenberg stellt im Walzwerk Null aus

Rosa Lisa Rosenberg: Dystopian Tree, 2018.

Gemeinsam mit Kristina Lenz von der KHM in Köln zeigt gegenwärtig Rosa Lisa Rosenberg – Studentin des M.A. Photography Studies and Practice an der Folkwang Universität – im Walzwerk Null ihre Arbeit »Myths of the near future«. Die Ausstellung der beiden Künstlerinnen ist Teil der Reihe »photographic works«, in der stets aktuelle fotografische Positionen gegenüberstellt werden. Es ist eine Plattform für und über Fotografie, die an jeweils unterschiedlichen Orten Fotokünstler*innen aus unterschiedlichen Städte und von verschiedenen Hochschulen miteinander vernetzen soll. Durch den gemeinsamen Austausch über die Werke, deren Präsentationsform und den daraus resultierenden Wirkungsweisen rückt der Entstehungsprozess der Ausstellung verstärkt in den Fokus.
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Rosa Lisa Rosenberg hat mit der Arbeit »Myths of the near future« im Jahr 2018 in Dortmund ihren Bachelorabschluss erworben. Im selben Jahr war sie Gewinnerin des Jugendfotopreises in der Kategorie »Imaging und Experimente« sowie des Publikumpreises mit ihrem Fotobuch »absence«. Seit 2019 studiert sie an dser Folkwang Universität der Künste in Essen. Im Rahmen der jährlich stattfindenden Stopover-Ausstellung unserer beiden Masterprogramm stellt sie derzeit zudem ihre neue Serie »Half Asleep Not Far from Fading« im UG des Museum Folkwang aus. Dabei setzt sie sich thematisch mit anderen Welten und Wahrnehmungen in künstlerisch-konzeptioneller Weise auseinander.
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Die im Walzwerk Null in Düsseldorf ausgestellte Arbeit »Myths of the near future« besteht aus einer Installation und einem Magazin. Rosa Lisa Rosenberg selbst schreibt hierzu: »Eine ferne Zukunft – womöglich noch auf unserer Erde. Der Körper befindet sich im Begriff der Auflösung, er verschwindet. Das ist die Welt, die in der Arbeit „Myths of the near future“ inszeniert wird. Ausgehend von der heutigen Entwicklung aktueller Technologien, in der menschliche Kommunikation immer mehr über digitale Medien vermittelt wird, wird eine Zukunft erschaffen, in der der Körper nicht mehr gebraucht wird und sich deshalb im Zustand der Auflösung befindet.«
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Zu sehen sein wird die Ausstellung noch bis zum 1. Mai 2021 im Walzwerk Null in Düsseldorf (Walzwerkstraße 14). Aus gegebenem Anlass wird darum gebeten, sich für den Besuch per eMail anzumelden.

Samuel Solazzo's work at »Der Greif«

Samuel Solazzo: Collages 13, 2021.

Samuel Solazzo, a student in our M.A. program Photography Studies and Practice, is currently participating in our annual exhibition Stopover at Museum Folkwang. His work »Future Remnants of What Has Been« consists of collages that bridge the photographic and the sculptural. Furthermore, he is now presented on the website of the photo magazine Der Greif. Each week, the magazine features a single artist and his or her work as part of an ongoing series of noteworthy new photographic endeavors.
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Samuel was born in 1993 and has been studying at the Folkwang University of the Arts since 2019. Before coming to Essen, he received a B.F.A. in Visual Communication at the Bauhaus University in Weimar. Furthermore, he is one of the publishers of the award-winning photo-zine KORRELATIONEN which has been published since 2018.

Ein Gespräch mit Erdmut Wizisla

1955 wurde Bertolt Brechts »Kriegsfibel« erstmals in der DDR veröffentlicht. 1996 erschien Michael Schmidts Künstlerbuch »Ein-heit« im wiedervereinten Deutschland. Beide Publikationen setzen sich mit der deutschen Geschichte, insbesondere des Zweiten Weltkrieges, auseinander und untersuchen anhand von Medienbildern die Aussagekraft von Fotografie. Prof. Dr. Erdmut Wizisla, Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs sowie des Walter-Benjamin-Archivs an der Akademie der Künste in Berlin, und Maxie Fischer, Doktorandin an der Folkwang Universität der Künste, haben im August 2020 ein Gespräch über die Bücher und die wissenschaftliche Arbeit mit Archivmaterial geführt. Erschienen ist es gerade eben in der jüngsten Ausgabe von Fotogeschichte, Nr. 159/2021, das sich als Themenheft neuen Perspektiven der Fotobuchforschung widmet.

Weiterblättern!

Was im Juli 2019 als ein Workshop begann, ist nun als ein Themenheft der Zeitschrift »Fotogeschichte« erschienen: »Weiterblättern!« heißt die Aufforderung, denn es geht um »Neue Perspektiven der Fotobuchforschung«. Herausgegeben wurde es von Anja Schürmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am KWI, dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, sowie im Sommersemester 2021 mit einem Seminar zum zeitgenössischen Fotobuch Lehrbeauftragte an der Folkwang Universität und Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste.
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Neben einem ausführlichen Editorial der Herausgeberin und des Herausgebers werden in insgesamt sechs Beiträgen die Möglichkeiten neuer Perspektiven der Fotobuchforschung diskutiert. Sie kann ihren Ausgang nehmen von den populären Katalogbüchern zur Geschichte und Gegenwart des Fotobuchs, sollte diesen Sammlungen nun aber mit systematischen Forschungsinteressen antworten. Mit dem »Weiterblättern!« verbindet sich zugleich die Aufforderung, mehr als einzelne Fotobücher zu untersuchen und so diese fotografische Zeigeform in ihrem größeren Zusammenhang in den Blick zu nehmen.
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Die Beiträge des Themenheftes stammen von Bettina Lockemann, die über performative Aspekte des Fotobuchs schreibt, von Anja Schürmann, die für das Fotobuch die Vielfalt von Perspektiven untersucht, von Sophia Greiff, die in ihrem Beitrag der Rolle von Dokument und »Found Footage« nachgeht, von Burcu Dogramaci, die den Begriff des »Hyperbook« einführt und diskutiert und von Steffen Siegel, der nach den Rändern des Fotobuchs fragt. Nicht zuletzt aber stellt Elisabeth Neudörfl in ihrem Beitrag ein eigenes Fotobuch vor, das ohne jeden Text – genauer noch: ohne einen einzigen Buchstaben – auskommt und auf diese Weise die Möglichkeiten des Fotobuchs in besonderer Weise zuspitzt.
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Ausführlichere Informationen zu diesem Heft gibt es hier.

Leif-Erik Schmitt: Vom Jagen und Sammeln

Leif-Erik Schmitt: Vom Jagen und Sammeln, 2021. Buch, 28,5 × 25,5 cm, 10 Exemplare.

Mit seinem Buch »Vom Jagen und Sammeln« hat Leif-Erik Schmitt in diesem Frühjahr an der Folkwang Universität der Künste erfolgreich sein Studium im B.A. Fotografie abgeschlossen. Das in zehn nummerierten Exemplaren aufgelegte Buch im Format 28,5 × 25,5 cm umfasst 76 Seiten. Leif-Erik Schmitt schreibt über die Idee seiner Arbeit:

»Vom Jagen und Sammeln handelt von der Divergenz zwischen Freiheit und Sicherheit im Spannungsfeld der Demokratie in unserer zunehmend digital vermittelten Welt. Dazu richtet die Arbeit ihren Blick auf Institutionen innerhalb der BRD, welche Daten im allgemeinen und personenbezogene Daten im Speziellen erheben, auswerten, regulieren und für bestimmte Zwecke nutzbar machen. Die dabei thematisierten Sachverhalte sind meist abstrakt und unsichtbar. Das Buch untersucht die Orte dieser unsichtbaren Macht, ihre Architekturen, Oberflächen und Räume und stellt Fragen möglicher Sichtbarwerdung anhand fotografischer Möglichkeiten. Das Bildkonvolut aus 55 Schwarz-weiß-Fotografien verkörpert Bildstrategien, die die Betrachtenden dazu einladen, die dargestellten Sachverhalte zu rekonstruieren und dabei die Dokumentarfotografie auf ihre Authentizität, Abbildbarkeit und Bildwirklichkeit zu untersuchen.«

Vier Alumni in den Photonews

In der April-Ausgabe der in Hamburg erscheinenden »Photonews« werden sogleich vier unserer Alumni aus älterer und jüngerer Zeit mit einem eigenen Beitrag gewürdigt. Kerstin Stremmel, alsbald neue Sammlungsleiterin für Fotografie und Medienkunst am Museum der Moderne in Salzburg, bespricht die derzeit am Museum Folkwang ausgerichtete Retrospektive von Timm Rautert. Anna Gripp interviewt Franziska Kunze, die im Jahr 2018 mit ihrer Dissertation »Opake Fotografien« im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste promoviert worden ist und vor genau einem Jahr ihre Tätigkeit als Sammlungsleiterin für Fotografie und Medienkunst an der Pinakothek der Moderne in München aufgenommen hat. Außerdem werden in einem gemeinsamen Artikel die beiden Masterarbeiten von Franziska Schrödinger und Michael Rostock vorgestellt, mit denen sie im vergangenen Jahr im M.A. Photography Studies and Practice abgeschlossen haben.

Gespräch mit Jeff Wall

Auguste Rodin: Der Denker, 1902, Bronze, Höhe: 181 cm. Kunsthalle Bielefeld. Foto: Ingo Bustorf.

Am Mittwoch, den 17. März 2021, sprechen Christina Végh, Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, und Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, mit dem kanadischen Künstler Jeff Wall. Stattfinden wird das Gespräch live auf Zoom, Jeff Wall wird aus Vancouver zugeschaltet werden. Dabei sollen zwei Fragen im Mittelpunkt stehen: Wessen Denkmal? Wer steht auf dem Sockel?

Anlass für das Gespräch ist ein spektakulärer temporärer Kunsttausch: Nach mehr als 50 Jahren hat im vergangenen Herbst der »Denker« von Auguste Rodin zum ersten Mal seinen Sockel vor der Kunsthalle Bielfeld verlassen. Gezeigt wird er derzeit in der Sonderausstellung »Rodin/Arp« in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Im Tausch sind dafür zwei ikonische Werke Walls nach Bielefeld gekommen: »The Thinker« (1986) und »The Giant« (1992). Sie sind derzeit, obwohl die Kunsthalle aus bekanntem Anlass nicht geöffnet sein kann, auch von außen im gläsernen Eingangsbereich des Hauses zu sehen.

Während in »The Thinker« die Figur auf einer Art von Sockel sitzt, ist die Figur in »The Giant« dem Werktitel entsprechend übergroß dargestellt. Aktuell ist die Frage um das Denkmal brisant. In Abhängigkeit gesellschaftlicher Umbrüche muss stets neu verhandelt werden, was auf dem Sockel steht. Inwiefern können Walls Werke als imaginierte Monumente oder »Anti-Denkmäler« gesehen werden? Hiervon soll das Gespräch Mitte März handeln.

Die Teilnahme ist kostenlos möglich. Bitte melden Sie Ihre Teilnahme an bei Matthias Albrecht, Sie erhalten dann den Link: albrecht@kunsthalle-bielefeld.de

M.A. Photography Studies

Wie zu Beginn jedes Jahres schreiben wir auch 2021 die Studienplätze für unsere beiden Masterstudiengänge Photography Studies and Practice und Photography Studies and Research aus. Die Bewerbungsfristen sind der 15. März (Practice) sowie der 31. Mai 2021 (Research). Studienbeginn für den nächsten Jahrgang ist das Wintersemester 2021/2022. Ausführliche Informationen zu den Inhalten des Masterstudiums sowie zu den Einzelheiten des Zulassungsverfahren an der Folkwang Universität finden sich auf den hier verlinkten Seiten. Darüber hinaus stehen wir aber natürlich auch gerne für Rückfragen zu Verfügung! Wir freuen uns über Bewerbungen von allen, die eine praktisches wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie fasziniert!

100 Beste Plakate

Viktor Lentzen und Daniel Kobert, die, wie auch in diesem Jahr, bereits 2020 das Bewerbungsplakat für unseren Masterstudiengang Photography Studies and Research entworfen haben, wird eine besondere Ehre zuteil: Von einer Fachjury wurden die beiden für ihre Gestaltung im Wettbewerb um die 100 Besten Plakate in Deutschland, Österreich und der Schweiz neben 99 anderen als Gewinner ausgezeichnet. Insgesamt waren für den Wettbewerb knapp 2.000 Plakate von 600 Einreicher*innen eingegangen. Das Plakat wird damit auf der alljährlichen Wanderausstellung der 100 Besten Plakate gezeigt werden.

Vor Kurzem haben Viktor Lentzen und Daniel Kobert ihre Abschlüsse im Bachelor Kommunikationsdesign gemacht. Wir gratulieren doppelt herzlich und freuen uns über unser Gewinner-Plakat!

Mehr Informationen zu den 100 Besten Plakaten 20 auf der offiziellen Website des Vereins.

Timm Rautert und die Leben der Fotografie

Timm Rautert, einer der namhaftesten deutschen Gegenwartsfotografen und Alumnus der Folkwang Universität, wird dieses Jahr nicht allein achtzig Jahre alt, sondern derzeit mit einer großen Retrospektive seines Werks im Museum Folkwang geehrt. Kuratiert wurde sie von Thomas Seelig, dem Leiter der fotografische Sammlung des Museums Folkwang. Danach wird die Ausstellung »Timm Rautert und die Leben der Fotografie« übrigens auch im Bombas Gens in Valencia zu sehen sein.

Anlässlich dieser Ausstellung ist im Steidl Verlag aus Göttingen ein Katalog erschienen, der diese vielen Leben der Fotografie auf 520 Seiten und in 332 Abbildungen entfaltet. Begleitet wird das Buch durch sechs Essays, die in verschiedene Aspekte des Werks einführen. Sie stammen von Bertram Kaschek, Nicole Mayer-Ahuja, Jürgen Müller, Gisela Parak, Steffen Siegel und Ulf Erdmann Ziegler. Außerdem hat Sophie-Charlotte Opitz eine kommentierte Biografie beigesteuert.

In the evening

Carolin Albers: Alphörner im Becken, 2020.

35 Fotostudierende aus ganz Deutschland – darunter auch Charlotte ChapiusHenk Aaron SzantoMoayad Balo und Nick Jaussi von der Folkwang Universität der Künste – zeigen derzeit, über das Essener Stadtzentrum verteilt, ihre Arbeiten. Die Pandemie zieht neue Formen des Ausstellers nach sich. Da derzeit fast alle Läden und Cafés geschlossen bleiben müssen, nutzen die Fotografinnen und Fotografen die leeren Schaufenster und zeigen so, dass die Stadt dennoch lebt. Gegenwärtig ist kulturelle Erfahrung fast vollständig auf den digitalen Raum beschränkt. Mit dem gemeinsamen Projekt »In the evening« soll sie aber in den öffentlichen Raum getragen werden – eine Begegnung mit fotografischer Kunst soll auch in Zeiten der Pandemie möglich sein!

Organisiert wurde das Projekt von Studierenden der Folkwang Universität in Zusammenarbeit mit dem Fotobus. Zum Ausdruck gebracht werden soll die andauernde Erfahrung einer kollektiven Isolation. Daher wurden die Schaufenster von zwei Cafés sowie zwei Ladengeschäften in bunte und vielfältige Ausstellungsräume verwandelt. Im Einzelne sind dies das Landschaftsplanungsbüro in der Rellinghauser Straße 114, das TFC Airlebnis Reisebüro am Rüttenscheider Platz 12, das Café Click in der Beethovenstraße 1 und das Café LIVRES in der Moltkestraße 2a. Zur Orientierung findet sich hier eine Karte. Laufen wird das Projekt so lange, bis die Cafés und Läden wieder öffnen dürfen.

Maya Graef hat am 25. Februar für die WDR Lokalzeit von diesem Projekt berichtet, am 2. März Radio Essen und am 4. März die WAZ.

Die Zukunft der Fotografie

Über die Fotografie wurde eigentlich immer schon im Futur nachgedacht. Das Medium ist zu lebendig und zu viel versprechend, als dass es nicht fortgesetzt Spekulationen über seine Zukunft herausfordern würde. Mit dem gerade eben erschienenen 158. Heft von »Fotogeschichte« erhält ein solches Nachdenken sogleich 34 Mal neues Futter. Ebenso viele Autorinnen und Autoren haben auf Einladung des Herausgebers der Zeitschrift, Anton Holzer, in kurzen Texten über die Zukunft der Fotografie nachgedacht – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Mit dabei ist unter anderem Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. In seinem Beitrag »Globus Fotogeschichte« widmet er sich der interdisziplinären Zukunft der Fotoforschung.

In der Ankündigung des Verlags heißt es zu diesem Heft: Die Fotografie hält zum einen Ereignisse fest und verwandelt sie zugleich in Vergangenheit. Sie ist, so gesehen, ein historisches Medium par excellence. Zum anderen beflügelte sie von Anfang an Zukunfts-Fantasien. Die Fotografie werde, so prophezeiten bereits die allerersten Kommentatoren in den späten 1830er Jahren, in Zukunft Dinge sichtbar machen und enträtseln, die bislang im Verborgenen geblieben waren: die Hieroglyphen Ägyptens ebenso wie das Licht entfernter Sterne, den Schmetterlingsflügel unter dem Mikroskop ebenso wie entfernte Reiseeindrücke. Die Beiträge dieses Themenhefts loten diese Doppelgesichtigkeit des Mediums aus und fragen danach, wie die Zukunft der Fotografie aussehen könnte. Manches, vielleicht sogar vieles, wird anders kommen als wir es aus heutiger Perspektive erwarten. Nicht nur, weil die gegenwärtige globale Gesundheitskrise noch unabsehbare Folgen haben wird. Sondern auch, weil die gesellschaftlichen Systeme, die auf uns zukommen werden, neue, vielleicht radikal andere Formen des Fotografischen hervorbringen werden – möglicherweise jenseits von Digitalisierung und Internet.

KORRELATIONEN II erschienen

Philipp Niemeyer, Samuel Solazzo, Jakob Treß und Jannis Uffrecht: KORRELATIONEN II, 2020. Foto: Samuel Solazzo.

108 Seiten mit 104 fotografischen Arbeiten – und ausgezeichnet mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2020 in Bronze – das ist KORRELATIONEN II, ein soeben erschienenes Gemeinschaftsprojekt von vier Fotografen aus Weimar und Essen.

Das Projekt KORRELATIONEN entstand 2018 in Weimar als ein selbst publiziertes Zine der vier Fotografen und Freunde Philipp Niemeyer, Samuel Solazzo – inzwischen Student an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Practice –, Jakob Treß und Jannis Uffrecht. Im Umfang von 34 schwarz-weiß Fotografien wurde innerhalb von wechselseitigen Dialogen die Beziehung der vier Autoren zueinander hinterfragt und darüber hinaus ein Spannungsfeld innerhalb der gesamten Publikation erzeugt. Kritisch, dennoch respektvoll, wurde im Entstehungsprozess über die Wirkung einzelner Bilder oder Bildpaare diskutiert, um so ein besseres Verständnis für die unterschiedlichen Positionen zu erlangen und schlussendlich eine in sich stimmige Auswahl zu treffen. Aus der Ambivalenz von Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen, als auch Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten, erwuchs eine kollektive Sprache.

Inzwischen ist der Nachfolger KORRELATIONEN II erschienen. Nach dem monochromen Erstling bekennen die vier Fotografen nun Farbe; und zugleich wurden Umfang, Inhalt und Auflage erhöht. Das Magazin soll an die Grundgedanken der ersten Ausgabe anknüpfen, zugleich aber keine reine Fortführung des ersten Projekts darstellen. In mitten von Krise, Lockdown und räumlicher Trennung verdichtete sich eine Arbeit, in deren Mittelpunkt zwar noch immer das Miteinander steht, sich indes jedoch von den seitenfüllenden Gegenüberstellungen des Vorgängers entfernt, um innerhalb eines verspielteren Layouts eine erkennbare Entwicklung und ein Narrativ aufzuspannen. Begleitet und eingefasst wird es durch einen Textbeitrag von Grenadine Rübler.

Das selbst publizierte Fotomagazin im Format 23 × 33 cm wurde von Leon Lukas Plum gestaltet und gesetzt, ist im Offset-Verfahren gedruckt und umfasst 108 Seiten mit insgesamt 104 fotografischen Abbildungen und erschien in einer limitierten Auflage von 500 nummerierten Exemplaren. ISBN: 978-3-00-066425-0.

Michael Paul Romstöcks »zur Linde« erschienen

Michael Paul Romstöck: zur Linde, Dortmund (Kettler Verlag) 2021.

Vor wenigen Monaten erst hat Michael Paul Romstöck mit seinem Projekt »zur Linde« an der Folkwang Universität der Künste den M.A. Photography Studies and Practice erfolgreich abgeschlossen. Nun ist seine fotografische Befragung zur Symbolik und Bedeutung der Linde im Kettler Verlag als Buch erschienen. Die Bildtafeln sind im Duoton-Verfahren gedruckt. Das Hardcover-Buch im Format 21 × 25 cm umfasst 144 Seiten und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich! ISBN: 978-3-86206-882-1.

In der Ankündigung des Dortmunder Verlags heißt es: Die Linde ist im deutschen Kulturraum als Ort der Gemeinschaft und Chiffre der Gerechtigkeit und Liebe verankert. Man begegnet ihr als Dorf-, Gerichts- und Friedhofslinde oder als Motiv in Kunst und Literatur. In gleicher Weise hat sich der Lindenbaum – losgelöst von Brauchtum und Folklore – in den gesellschaftlichen Alltag eingeschrieben: als Ortsbeschreibung, TV-Serie oder Mittel zur Stadtbegrünung. In seinem Buch geht der Fotograf Michael Romstöck der Bedeutung der Linde nach – vom Schauplatz vorchristlicher Versammlungen über den romantischen Blick auf die Natur bis hin zu ideologischen Vereinnahmungen. Mit der analogen Großformatkamera hat Romstöck in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren über 60 Orte in der Bundesrepublik aufgesucht, an denen sich entweder ein kulturhistorisch konnotierter Lindenbaum selbst oder ein anderer Bezug zur Symbolik der Linde auffinden lässt. Aus einer Bestandsaufnahme heraus kombiniert Romstöck verschiedene Motive, Bildtypen und Textfragmente zu einer essayistischen Erzählung: Aus welchen Gründen errichteten frühere Generationen (Natur-)Denkmäler und wie gehen wir langfristig mit ihnen um? Wie bestehen und verhalten sich diese in der heutigen, sich rasant verändernden Welt? Was können sie uns mitteilen und was verraten sie über uns?

Christopher Muller: With Ice and Lemon

Christopher Muller: Plastic Bottles, 2019, 41 × 56 cm, Digital C-Print / gerahmt.

Vom 23. Februar bis zum 11. Mai 2021 stellt Christopher Muller, Professor für künstlerische Fotografie, im Künstlerverein Malkasten im Düsseldorf neue Arbeiten aus. Zwar heißt die Ausstellung »With Ice and Lemon«, allerdings dürfen die Drinks aus bekanntem Anlass derzeit leider nicht vor Ort genossen werden. Eine Besichtigung ist nach telefonische Vereinbarung unter 0211.356471 möglich. Es gelten die zur Zeit üblichen Hygiene- und Abstandsregelungen und die aktuelle Corona-SchutzVerordnung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Künstlerverein Malkasten
Jacobistraße 6a
40211 Düsseldorf
info@malkasten.org
Website des Künstlervereins
                

Soeben erschienen: Candide No. 12

Soeben ist die 12. Ausgabe von »Candide. Zeitschrift für Architekturwissen« erschienen. Das Themenheft wurde von Axel Sowa und Ela Kaçel herausgegeben. Es enthält Texte von Roman Bezjak, Nicholas Boyarsky, Lard Buurman, Davide Deriu, Alexa Färber, Ela Kacel, Markus Lanz, Bettina Lockemann, Clare Melhuish, Birgit Schillak-Hammers, Mary N. Woods sowie – nicht zuletzt – von Elisabeth Neudörfl, Professorin für Dokumentarfotografie an der Folkwang Universität der Künste. Ihr Beitrag trägt den Titel »Photographer’s Dilemma: ›Good‹ Photography vs. ›Good‹ Planning‹. Ein Abstract zu diesem Artikel findet sich hier.

In der Ankündigung des Verlags heißt es zu dieser Nummer der Zeitschrift: Die zwölfte Ausgabe von »Candide« widmet sich dem Thema »Visual Urbanism« – ein vollkommen neues Forschungsfeld. Fotograf*innen und Wissenschaftler*innen experimentierten mit anthropologischen, kulturwissenschaftlichen, soziologischen und geografischen Methoden, für eine Reflexion über die meist unkritische Nutzung von Bildern des öffentlichen Raums. »Candide« 12 sucht Möglichkeiten, diese Ergebnisse in Architektur und Stadtplanung zu integriert. Dabei beantworten Autor*innen drängende Fragen, wie nach der Nutzbarmachung fotografischer Bilder für die Architektur und vice versa.

Stopover 20 21 – der Katalog

STOPOVER, 2020. Broschüre, 12 × 27 cm, 60 Seiten, Auflage von 500 Exemplaren. Gestaltung: Mathias Fleck. Foto: Samuel Solazzo

Sobald die Museen wieder öffnen dürfen, wird auch »Stopover 20 21« im Museum Folkwang endlich zu sehen sein. Endlich – denn die Ausstellung ist bereits bereit Anfang Dezember 2020 fix und fertig installiert! Immerhin aber bietet der Katalog eine kleine Preview auf die aktuellen Arbeiten der Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice. Begleitet werden diese Bilder von Texten, die von den Studierenden im M.A. Photography Studies and Research als ganz persönliche Briefe an die Kunstwerke geschrieben worden sind. In den kommenden Wochen werden wir sie in der Rubrik Kritik auf dieser Website nach und nach veröffentlichen. Wer den ganzen Katalog sofort in den Händen halten will, kann bei Dorothea Frink ein Exemplar bestellen.

Die besonderen Bedingungen, unter denen diese aktuelle Ausgabe unserer jährlichen Ausstellung im Museum Folkwang entstanden ist, betont auch Judith Böttger in ihrer Einleitung zum Katalog:

Wenn im allgemeinen Sprachgebrauch von einem »Stopover« die Rede ist, dann handelt es sich um einen Zwischenhalt, dessen Dauer nicht bereits qua Definition festgelegt ist. Er kann geplant sein oder überraschend kommen, kann zum sich Sammeln oder sich Verlieren führen, schnell vorübergehen oder sich in die Länge ziehen. Bereits zum sechsten Mal in Folge ermöglicht die Stopover-Ausstellung im Untergeschoss des Museum Folkwang für Studierende des Masterstudiengangs »Photography Studies and Practice« der Folkwang Universität der Künste die Erprobung des Umgangs mit dem musealen Raum. Sie stellt nicht die Endstation eines künstlerischen Werkprozesses, sondern eben jenen Zwischenhalt dar. Die gezeigten Arbeiten und künstlerischen Positionen sind noch am Entstehen und Reifen, das Prozesshafte der Fotografie und des fotografischen Werdegangs werden offengelegt und betont.

2020 ist wohl das Jahr der ungeplanten und langen Zwischenhalte. Dass das gesellschaftliche Leben, die globale Wirtschaft, und besonders die Kunst- und Kulturszene in eine ausführliche Atempause gezwungen werden, hätte im letzten Jahr wohl noch niemand erwartet. Diese Pause künstlerisch produktiv zu machen, nach neuen Wegen zu suchen, mit der Welt in Kontakt zu treten, stellte sich als eine der großen Herausforderungen in der Vorbereitung der diesjährigen Ausstellung heraus. Sie schreibt sich unwiderruflich in die gezeigten fotografischen Arbeiten ein: Der Zugang zu geplanten Bildmotiven, zu Materialien und fotografischen Werkstätten war und ist eingeschränkt, das einzuholende Feedback meist nur medial vermittelt möglich. Die Frage danach, was »Kontakt« bedeutet, ist aus fotografischen Arbeitsprozessen 2020 nicht mehr wegzudenken.

So versteht sich die aktuelle Ausstellung als ein Ort des versuchten Gesprächs, der Kontaktaufnahme, zwischen KünstlerInnen und einer sich verändernden Welt, zwischen verschiedenen Bildformen, zwischen Fotografien und dem Raum, sowie zwischen BesucherInnen und Ausstellenden. Dies geschieht in dem Wissen um die Fragilität jeder Begegnung. Das Gespräch wird in diesem Katalog weitergeführt. Der Kunsthistoriker W.J.T. Mitchell postuliert  in »What do Pictures want?« (2005) eine gewisse Handlungsfähigkeit von Bildern. Sie können uns affizieren, zu uns sprechen. Diesem Gedanken folgend nehmen Studierende des Studiengangs »Photography Studies and Research« in Form von kurzen Briefen persönlichen Kontakt mit den Fotografien ihrer KommilitonInnen auf. Sie geben Einblick in das Moment der Bildbegegnung, in das Verweilen vor und mit den Bildern. Dabei werden nicht die KünstlerInnen, sondern die Fotografien selbst als Gegenüber adressiert. So spiegeln Sehen und Affekt, Text und Bild, Produzieren und Reflektieren das Tandem der beiden Masterstudiengänge.

Digitaler Informationstag für alle B.A. und M.A.-Studiengänge

Am 5. Februar 2021 findet zwischen 14 und 18 Uhr der nächste Informationstag für alle Studiengänge am Fachbereich Gestaltung statt – aus gegebenem Anlass dieses Mal natürlich online! Vorgestellt wird die ganze, bei uns im Quartier Nord unterrichtete Vielfalt von Disziplinen: Fotografie, Industrial Design und Kommunikationsdesign, jeweils in Bachelor- und Master-Programmen; nicht zuletzt aber auch die beiden wissenschaftlichen Master-Programme zu Theorie und Geschichte der Fotografie sowie zu Kunst- und Designwissenschaft. Das genaue Programm für den Informationstag und die Informationen zum entsprechenden Online-Portal werden wir in wenigen Tagen hier veröffentlichen.

Darüber hinaus werden zwischen 16 und 18 Uhr Termine für eine Online-Mappenberatung angeboten. Hierfür ist eine Anmeldung bei Sonja Zenker (sonja.zenker@folkwang-uni.de) erforderlich. Weitere Informationen finden Sie hier.

Die Studienplätze in den drei Studiengängen Fotografie (Bachelor of Arts), Photography Studies and Practice (Master of Arts) und Photography Studies and Research (Master of Arts) werden dieses Jahr zum 15. März 2021 (BA Fotografie und MA Photography Studies and Practice) sowie zum 31. Mai 2021 (MA Photography Studies and Research) ausgeschrieben. Das Aufnahmeverfahren wird im Frühjahr stattfinden. Studienbeginn ist das Wintersemester. Alle Informationen zu den Anforderungen in den Bewerbungsverfahren und ihrem Verlauf, zu den Prüfungsordnungen und Modulhandbüchern sowie zu den genauen Terminen finden sich hier zusammengefasst.

Fotorestaurierung in Praxis und Lehre

Sammlung Matthias Gründig.

Die vier Partnerinstitutionen des Zentrums für Fotografie Essen – Folkwang Universität der Künste, Museum Folkwang, Historisches Archiv Krupp und Stiftung Ruhr Museum – bauen ihre Zusammenarbeit im Bereich Restaurierung und Konservierung von Fotografie weiter aus. Die Stadt Essen richtet mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung am Museum Folkwang ein institutsübergreifendes Fotorestaurierungsstudio ein, das zukünftig die umfangreichen fotografischen Bestände der Partnerinstitutionen sichern und aufarbeiten sowie für die Zwecke von Wissenschaft und Lehre verfügbar machen wird. Eine Presseerklärung des Zentrums für Fotografie Essen findet sich hier.

Für die neu geschaffenen Fotorestaurierungsstellen konnten die international renommierten Expertinnen und Experten Jessica Morhard und Peter Konarzewski gewonnen werden.

Das neu eingerichtete Studio und die Besetzung der Fotorestaurierung im Museum Folkwang sind wichtige Schritte zum Erhalt und Ausbau der fotografischen Sammlungen sowie zum Ausbau des Forschungsbereichs »Fotografische Materialitäten« an der Folkwang Universität der Künste. Neben der Konservierung und Pflege der umfangreichen, klassischen analogen Bestände treten bei allen Institutionen zukünftig auch Fragen in den Mittelpunkt, die den Erhalt von digitalen Konvoluten umfassen werden. Hier setzt die Arbeit der neuen Fachabteilung als Kompetenzzentrum an, sie forscht und entwickelt zukunftsweisende Standards und stellt den Wissenstransfer zwischen Fotorestaurierung, künstlerischer Praxis sowie Theorie und Geschichte der Fotografie sicher.

Insbesondere auch für die Studierenden der Folkwang Universität sind dies hervorragende Nachrichten: Künftig wird in jedem Semester die Abteilung Fotorestaurierung mit mindestens einer Lehrveranstaltung präsent sein. Diese Verknüpfung von Praxis und Lehre stellt ein Novum an einer Hochschule im deutschsprachigen Raum dar.

Galerie 52 im Wintersemester 2020/2021

  • 6.–14.11.2020
  • »The Afternoon of the Day«
  • Sora Park
  •  
  • 20.–27.11.2020
  • »Die abstrakte Wahrheit«
  • Hao Wen
  •  
  • 7.–11.12.2020
  • »Solid State«
  • Ruth Magers & Julius Barghop
  •  
  • 16.12.2020–8.1.2021
  • »being on concrete«
  • Jana Schulz
  •  
  • 15.1.–22.1.2021
  • »drei Sterne Plus; Zuchtklasse 1.«
  • Inga Barnick
  •  
  • »How to Pose the Model«
  • David Müller
  •  
  • ab 29.1.2021
  • »Baron«
  • Simon Baptist
     

Wegen der Corona-Maßnahmen können in diesem Semester keine Ausstellungseröffnungen und öffentlichen Künstler*innengespräche in der Galerie stattfinden. Die Ausstellungen sind jedoch für Studierende von Montag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Statt eines öffentlichen Künstler*innengesprächs wird ein Podcast zu jeder Ausstellung auf der Website hochgeladen.

Besucher*innen der Galerie müssen sich an den derzeitigen Hygienemaßnahmen im Quartier Nord halten. Besucher*innen von außerhalb der Hochschule müssen sich im Vorfeld unter galerie52@folkwang-uni.de anmelden, um einen Termin zu vereinbaren.
 

Jonas Kamm ist für den Louis Roederer Discovery Award der Rencontres d’Arles nominiert

Jonas Kamm: DAVE, DEE & DOZY, 2020.

Jonas Kamm, der im vergangenen Jahr an der Folkwang Universität der Künste im Studiengang Fotografie seinen Bachelor of Arts erworben hat, wurde für den Louis Roederer Discovery Award nominiert. Gemeinsam mit zehn weiteren Künstlerinnen und Künstlern aus insgesamt neun Ländern steht er damit auf der Short List dieses Preises. Neben Deutschland stammen sie aus Frankreich, Georgia, Peru, Polen, der Tschechischen Republik, der Türkei, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie alle werden im Rahmen der diesjährigen Rencontres d’Arles im Rahmen einer Gruppenausstellung gezeigt werden. In der Eröffnungswoche vom 5. bis zum 12. Juli 2021 wird neben dem mit 15.000 Euro dotierten Discovery Award auch ein mit 5.000 Euro dotierter Publikumspreis verliehen werden. Ausführlichere Informationen finden sich hier.

Inga Barnick: »parade ground, open space – [a review of Maidan]«

Inga Barnick: »parade ground, open space – [a review of Maidan]«, 2020.

Mit ihrer Arbeit »parade ground, open space – [a review of Maidan]« hat Inga Barnick erfolgreich ihr Studium im M.A. Photography Studies and Practice abgeschlossen.

Sie selbst schreibt über ihre Arbeit: Es handelt sich um eine fotografische Untersuchung des Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, der in der Vergangenheit vor allem wegen der dortigen Proteste (Orange Revolution, Euromajdan) in den internationalen Medien präsent war. Der architektonische Raum des Platzes — wörtlich bedeutet »Majdan« offener freier Platz — wird im Bezug auf seine gegenwärtige Nutzung, Wahrnehmung und Gestaltung sowie historisch-politischen Ereignissen visuell verhandelt. Das Erscheinungsbild und der Name des Platzes haben sich stets in Korrespondenz zur herrschenden Ordnung gewandelt.

Der Platz ist als visuelles Erlebnis angelegt und inszeniert. Er beruht auf einem geplanten Bildeindruck und ist auf die mediale Reproduktion angewiesen. In der räumlichen Beobachtung drängt sich indes eine andere Alltagsroutine auf: eine breite, geschäftige Haupt-/Paradenstraße zerteilt den Platz. Im Mantel dekorativer Gestaltung versperren Architekturelemente die Sicht. Nicht-Orte offenbaren sich: Durchgänge, Untergrundpassagen, Café- und Fast Food-Ketten. Unausweichlich hebt sich aus dem Untergrund eine Shopping Mall empor. Ein Platz im Sinne der wörtlichen Übersetzung »Maidan — open space« ist nicht ersichtlich, vielmehr bedarf es immer den Gang durch den Untergrund um ihn zu »überqueren«. Wo ist also diese Idee von Platz, von freiem Raum?

Das Buch erschien 2020 bei On Retinae Books in Essen in einer Auflage von 35 Exemplaren. Es umfasst 100 Seiten sowie im Anhang einen Index (Anhang). Fadengeheftete Broschur (Papierwechsel glossy/natural), Softcover (Leinenpapier 300 g) im Format 29,4 × 20,4 cm.

Anja Segermann: MEMBRA DISIECTA

Anja Segermann: MEMBRA DISIECTA, 2020. Buch, 21,5 × 28 cm, 96 Seiten, Auflage von 15 nummerierten Exemplaren.

Mit ihrer Arbeit MEMBRA DISIECTA hat Anja Segermann vor Kurzem an der Folkwang Universität ihr Bachelor-Studium Fotografie erfolgreich abgeschlossen. Die Arbeit besteht aus einem 96-seitigen Fotobuch mit 49 Fotografien. Zur Idee von MEMBRA DISIECTA schreibt sie selbst:

So vielseitig wie der Umgang mit dem Medium Fotografie sein kann, so vielfältig können auch die Erscheinungsformen des Wassers wahrgenommen werden. Sechs Monate intensiver Untersuchung von Wasser und seiner Zeichenhaftigkeit liegen zurück. In MEMBRA DISIECTA (lat. »zerstreute Glieder«) werden Bilder, die zunächst einzelne Fragmente eines umfangreichen Systems von Mensch und Umwelt darstellen, zusammengetragen. Das Konvolut öffnet verschiedene Spannungsfelder und lässt eigene Wechselwirkungen entstehen: zwischen Erwartung und Sichtbarkeit, zwischen Globalität und Regionalität sowie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Auf der Suche nach Möglichkeiten, mit Fotografie dem alltäglichen Leben neu zu begegnen, wurden landwirtschaftliche Aspekte genauso wie Wetterphänomene oder Freizeitanlagen dokumentiert. Dabei liegt der Fokus auf der Vielschichtigkeit der visuellen Wahrnehmung und dem damit einhergehenden Perspektivwechsel.

Steffen Siegel joins the editorial advisory board of »Photographies«

At the beginning of the new year, and with volume 14, Steffen Siegel will join the editorial advisory board of »Photographies«.

Since 2008, the scholarly journal has been published three times a year, both in print and online, by Taylor & Francis. »Photographies« is a leading periodical for the theory and history of photography, edited by David Bate (University of Westminster, Great Britain) and Liz Wells (Plymouth University, Great Britain). All contributions featured in »Photographies« are subject to a peer-review process.

As a newly appointed member of the advisory board, Steffen Siegel hopes to bridge current research particularly from the German-speaking countries with the journal. From 2021 onwards, each issue of »Photographies« will provide more space for contributions than was previously the case.

Michael Romstöck: »Zur Linde«

Michael Romstöck: Zur Linde, 2020. Ausstellungsansicht im Quartier Nord.

Mit einer fotografischen Befragung zur Symbolik und Bedeutung der Linde hat Michael Romstöck im November 2020 erfolgreich sein Studium im M.A. Photography Studies and Practice abgeschlossen.

Zur Idee seines Abschlussprojekts schreibt er selbst: Die Linde ist im deutschen Kulturraum als Ort der Gemeinschaft und Chiffre der Gerechtigkeit und Liebe verankert. Man begegnet ihr als Dorf-, Gerichts- und Friedhofslinde oder als Motiv in Kunst und Literatur. In gleicher Weise hat sich der Lindenbaum – losgelöst von Brauchtum und Folklore – in den gesellschaftlichen Alltag eingeschrieben: als Ortsbeschreibung, TV-Serie oder Mittel zur Stadtbegrünung.

In »Zur Linde« gehe ich der Bedeutung der Linde nach – vom Schauplatz vorchristlicher Versammlungen, über den romantischen Blick auf die Natur, bis hin zu ideologischen Vereinnahmungen. Mit der analogen Großformatkamera habe ich dabei in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren über 60 Orte in der Bundesrepublik aufgesucht, an denen sich entweder ein kulturhistorisch konnotierter Lindenbaum selbst oder ein anderer Bezug zur Symbolik der Linde auffinden lässt.

Anhand dieser Bestandsaufnahme kombiniere ich verschiedene Motive, Bildtypen und Textfragmente zu einer essayistischen Erzählung: Aus welchen Gründen errichteten frühere Generationen (Natur-)Denkmäler und wie gehen wir langfristig mit ihnen um? Wie bestehen und verhalten sich diese in einer sich rasant verändernden Welt heute? Was können sie uns mitteilen und was verraten sie über uns?

edtalk: #FreeRenty

Am 11. Dezember 2020 veranstaltet die Studierenden-Initiative »edk – Ende der Kunstgeschichte« einen Themenabend zu »#FreeRenty – Über das koloniale Erbe der Fotografie«. Hierfür hat die Initiative Steffen Siegel als Diskussionspartner eingeladen.

Untrennbar ist die Fotogeschichte des 19. Jahrhunderts mit rassistischer Gewalt verbunden. Aktuelle Diskussionen um die frühesten bekannten Aufnahmen von Sklav*innen in den USA aus dem Besitz der Harvard University zeigen, dass diese Fragen nichts an Aktualität verloren haben. Bilder des versklavten afroamerikanischen Mannes Renty und seiner Tochter Delia werden seitens der Universität seit Jahrzehnten auf Konferenzen besprochen, mit Copyright versehen und in Publikationen abgedruckt – Tamara Lanier, eine Nachfahrin Rentys, fordert jetzt gemeinsam mit Unterstützer*innen der Kampagne »Free Renty«, dass diese nicht mehr von anderen verbreitet werden und in den Familienbesitz zurückkehren.

Hierin knüpfen sich für die Rezeption von und die Forschung zu Fotografien dringliche Fragen: Wann werden heutige Betrachter*innen zu Kompliz*innen kolonialer Gewalt? Wie kann die Wissenschaft mit Porträts umgehen, die wider den Willen der Abgebildeten aufgenommen wurden?

Die Veranstaltung wird online stattfinden. Nach Anmeldung unter endederkunstgeschichte@web.de wird ein Zoom-Link zugesendet.

Ruth Magers & Julius Barghop: Solid State

Zum Abschluss dieses Jahres eröffneten Julius Barghop und Ruth Magers – beide studieren an der Folkwang Universität der Künste im B.A. Fotografie – in der Galerie 52 ihre gemeinsame Ausstellung »Solid State«. Sie selbst schreiben zur Idee ihrer Show: Der Philosoph Marcus Steinweg schreibt in seinem Artikel »Freedom Panics«: »Jedes Denken – sei es künstlerisch, wissenschaftlich – artikuliert sich in Kontexten statt im luftleeren Raum.« Es geht also um die Frage nach der Definition des Verhältnisses zum Gegebenen; nach dem, was uns umgibt, uns umtreibt, uns beschäftigt. Jede künstlerische Praxis ist gleichsam eine Reaktion, eine Annäherung und ein Entgegenstellen dem gegenüber, was wir als Realität begreifen. Eine Realität, von der wir ausgehend, in einen gemeinsamen Dialog treten.

Solid State bezeichnet den festen Zustand der Materie. Die Atome oder Moleküle eines Stoffes nehmen feste Positionen zueinander ein und können sich nicht frei bewegen. Doch Stoffe können ihren Zustand verändern. Dabei wandelt sich allerdings nur das Aussehen, die Erscheinung des Stoffes. Der grundlegende Aufbau des Stoffes, seine chemische Zusammensetzung bleibt unverändert. So lautet auch der Titel unserer ersten gemeinsamen Ausstellung, des ersten Versuchs einer Annäherung unser beide eigentlich so verschiedenen Arbeitsweisen. Doch so unterschiedlich unser Interesse an der Fotografie auf den ersten Blick wirkt, so interessant schien uns eine gemeinsame Auseinandersetzung, die gleichsam als Suche nach einer möglichen Schnittstelle unser beider Arbeiten begriffen werden kann. Die Ausstellung zeigt neue und alte, gemeinsame und eigene Arbeiten.

Uns interessiert, was passiert, wenn verschiedene Interessen und Methoden aufeinander stoßen. Die Ausstellung ist ein Raum zum Experimentieren. Ein Raum, um sich gegenseitig zu inspirieren und die Grenzen der eigenen Arbeit auszuloten. Die Grundlage für unseren Dialog ist das Betrachten der Welt, die Lust am Schauen. Die in den Fotografien gezeigten Objekte, Formen oder Konstruktionen bleiben eben nicht fest; sie bewegen sich, verändern sich, treten in Beziehung zu einander. Wir ließen uns intuitiv durch die Arbeit am Bild leiten, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu haben, wie das Endergebnis auszusehen hat. Nach und nach schälte sich das heraus, was wir weniger als Konzept begreifen würden, sondern vielmehr als die Beschäftigung mit dem Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Modell, zwischen analog und digital, zwischen Realität und Fiktion.

Porträt der nordrhein-westfälischen Kunsthochschulen

Vor wenigen Wochen wurde der diesjährige NRW.BANK Kunstpreis verliehen. Unter den Preisträgern ist Folkwang-Alumnus Kai Behrendt, dem in der Kategorie »Skulptur und Installation« für seine Arbeit UNTITLED (LASER ETCHINGS) die Auszeichnung zugesprochen wurde. Anlässlich der Preisverleihung wurde ein kurzer Film produziert, der alle teilnehmenden Kunsthochschulen aus Nordrhein-Westfalen vorstellt – unter ihnen die Folkwang Universität der Künste. Im Film gibt Elke Seeger, Professorin für Fotografie und Konzeption und Prorektorin unserer Hochschule, über die Idee unserer Studienprogramme Auskunft. Der von STEFAN VOBIS FILM produzierte Film ist hier abrufbar.

Franziska Schrödinger: Über die Deutsche Alpenstraße

Franziska Schrödinger: Über die Deutsche Alpenstraße, 2020. Buch, 20,5 × 26,5 cm, 92 Seiten, Auflage von 25 nummerierten Exemplaren.

Die Arbeit »Über die Deutsche Alpenstraße – Vom Erfinden des Steinschlags« widmet sich der 484 km langen Ferienstraße, die nördlich der Alpen durch das Allgäu und das bayerische Oberland führt. Von diesem Schauplatz aus startet eine intensive Auseinandersetzung mit der Region und mit den Mechanismen des Landschaftsbildes. Der Ausgangspunkt der dokumentarisch-basierten Bildern ist der Umgang mit der Natur, sowie die visuelle Darlegung von Spuren verschiedener Grade des kontrollierenden Eingriffs. Im November 2020 hat Franziska Schrödinger mit dieser Arbeit ihr Studium im Master-Programm Photography Studies and Practice an der Folkwang Universität der Künste erfolgreich abgeschlossen.

Motivisch widmet sich die Arbeit vordergründig Kunststoffen und Metallverbauungen – also Materialien, die in ihren pragmatischen Schutzfunktionen oftmals als visuelle Störung empfunden werden. Mit ihren Bildern triggert Schrödinger Vorstellungen von Landschaftsbildern, um diese dann zu brechen. Mittel für diesen Bruch sind eine flache Wirkung der Bilder, die sich aus künstlichem Licht, der regionalen Topografie, aber auch fotografischen Mitteln wie Anschnitte und Perspektive ergeben. Auch einer zeitlosen, kontemplativen Atmosphäre von Naturbetrachtung verweigert sich die Arbeit.

Der lakonische bis humorvolle Blick arbeitet sich inhaltlich an Themen wie Landwirtschaft, Wintersport oder Industrie ab. Viele große Ereignisse deutscher Geschichte spiegeln sich in der Voralpenregion: Vom Übergang der bäuerlichen Landwirtschaft zur Industriegesellschaft, vom Nazi-Propaganda-Bild (wie im Garmischer Olympiastadion) bis zum Wirtschaftswunder. Die letzten beiden spiegeln sich besonders an der Deutschen Alpenstraße. Denn sie wurde in den 1930er-Jahren ausgebaut und auf ihr wurde ab den 1950er-Jahren der neue Luxus der Individual-Mobilität zelebriert.

Das Bedrohungsverhältnis Mensch – Natur hat sich mit dem Eintritt ins Anthropozän umgekehrt. Im sensiblen Lebensraum der Alpen schreitet der Klimawandel doppelt so schnell voran wie im globalen Durchschnitt. Kann man dort auch Spuren finden, um unsere Gegenwart zu verstehen? Wird die basale Frage nach Wasser und bröckelnden Bergen – neben KI und Pandemie – eine Frage unsere Zeit gewesen sein?

Interview mit Ulrich Domröse

Ulrich Domröse, Jahrgang 1955, begann in den 1980er Jahren DDR-Fotokunst zu sammeln, damals noch im Auftrag des Vereins Bildender Künstler VBK, später auf eigene Rechnung. Im Sommer 1990 ging seine längst bedeutende Sammlung dann in den Bestand der Berlinischen Galerie über, bei der Ulrich Domröse 1991 als Kurator anheuerte. Nach dreißig erfolgreichen Jahren mit wichtigen Erwerbungen und viel beachteten Ausstellungen geht er nun, längst auch Leiter der Fotografischen Sammlung, in den Ruhestand. Aus diesem Anlass sprach er mit Steffen Siegel und blickte auf seine Tätigkeit an der Berlinischen Galerie zurück. Das Interview erschien in der tageszeitung (taz) vom 30. November 2020 und ist dort auf der Website sowie hier als PDF abrufbar.

Interview zum Ende der photokina

Nach sieben Jahrzehnten wird die traditionsreiche Foto- und Videomesse »photokina« nicht mehr fortgesetzt. Laut Koelnmesse werde die Veranstaltung »bis auf Weiteres ausgesetzt«, was wohl einem endgültigen Aus gleichkommen wird. Anlässlich dieser Nachricht sprach Jörg Biesler vom Deutschlandfunk für »Kultur heute« mit Steffen Siegel. Das Interview ist auf der Homepage des Senders abrufbar.

Hao Wen: Die abstrakte Wahrheit

Hao Wen: Die abstrakte Wahrheit, Ausstellungsansicht in der Galerie 52, 2020.

Hao Wen, Student im M.A. Photography Studies and Practice, setzt mit seiner Ausstellung »Die abstrakte Wahrheit« das Programm der Galerie 52 im laufenden Wintersemester 2020/2021 fort.

Zur Idee seiner Ausstellung schreibt er selbst: »Ich zeige die drei Arbeiten »Ohne Titel«, »Die Spur« und »二0二0«. Mit ihnen verfolge ich unterschiedliche Ansätze, um die Beziehung zwischen Fotografie und Wahrheit zu überprüfen. Mein Verständnis der Fotografie hat sich im Laufe meines Studiums immer weiterentwickelt und verändert, wobei sich neue Fragestellungen ergeben haben. Worin liegt diese Wahrheit? Hat Fotografie einen Beweischarakter? Ist es die Entsprechung zwischen dem mimetischen fotografischen Abbild und dem Erscheinungsbild der dreidimensionalen Wirklichkeit? Liegt die Wahrheit in dem indexikalischen Bezug der Fotografie zu der sie auslösenden Wirklichkeit? Ist Fotografie eine Gedankenstütze, die meinen Erinnerungen konkrete Form verleiht? Das unterschiedliche Verständnis der Wahrheit bestimmt maßgeblich was und wie ich es aufnehme.

Das Bildpaar »Ohne Titel« besteht aus zwei Fotografien, die ich durch ein Zugfenster fotografiert habe, ohne durch den Sucher der Kamera zu schauen. Wegen der Geschwindigkeit des Zuges enthält jedes Foto abstrakte horizontale Linien. Trotzdem kann ich mich erinnern, was ich im Moment des Fotografierens gesehen habe – ein Gebäude, eine Brücke und einen Fluss.

In der Arbeit »Die Spur« untersuche ich den Kontext eines Fotos. Ein Foto ist wie eine Fußspur am Strand. Ich interessiere mich nicht nur für diese Fußspur, sondern auch für den ganzen entstehenden Prozess. Ich frage mich, ob die Wahrheit in der Unsichtbarkeit eines Fotos versteckt wird. Die Bilder in dieser Serie entstehen in auf Dauer angelegten Handlungen. Es sind Prozesse mit performativem Charakter, die in einem Bild resultieren. Es versteckt somit die Spur, die zum fertigen Bild geführt hat und bewegt sich zwischen Bild und Skulptur. Durch den Prozess ihrer Entstehung fließen meine eigenen Lebenserfahrungen in meine Bilder ein: Ich nehme einen Stapel Post-it und schreibe die Zahlen von 1 bis 400 auf die einzelnen Zettel. Ich nehme schwarze Steine und verschließe mit ihnen ein großes Rohr.

»二O二O« bedeutet 2020. Die chinesische Zahl 二 besteht aus zwei Linien. Durch zwei Linien möchte ich die Aufmerksamkeit auf das grundsätzliche Element in einem Foto schicken. Wenn die Oberfläche der Dinge in einem gewissen Grad vergrößert wird, wird unsere Erkenntnis von realen Dingen, z.B. die Funktion, die Bedeutung, die soziale Beziehung, in ein befremdliches Gefühl umgewandelt. Wie könnten wir diese Details verstehen?

Ein weiterer Punkt in diesen Serien ist die Wiederholung. Das Leben, die Gesellschaft und die Geschichte wiederholen sich immer in einem System. Die Frage ist, in welcher Zeit wird diese Wiederholung stattgefunden haben? Welche unbemerkten Unterschiede gibt es darin?«

Kai Behrendt gewinnt den NRW.BANK.Kunstpreis 2020

Kai Behrendt: Untitled (Laser Etchings), 2019, Installationsansicht im Quartier Nord.

In einer virtuell ausgerichteten Preisverleihung wurden am 17. November 2020 die Gewinner des diesjährigen NRW.BANK.Kunstpreises bekanntgeben. Kai Behrendt, der im zurückliegenden Sommersemester an der Folkwang Universität der Künste im Fach Photography Studies and Practice mit dem Master of Arts abschloss, wurde in der Kategorie »Skulptur und Installation« für seine Arbeit UNTITLED (LASER ETCHINGS) ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Auf den schultafelgroßen Bildreliefs seiner Arbeiten werden verschiedene Informationen belichtet und graviert – darunter Kalibrierungsbilder, ägyptologische Transliterationen, analo­ge und digitale Lensflares, von einer A.I. erzeugte Texte, Fotografien, Trauminterpretationen, Texturen von Fotogrammetrien und Ausschnitte aus einem Handbuch für Programmierer. Diese semantischen Ebenen sind durch die Lasergravur in eine spezifische Faktur eingebettet. Die Bilder reproduzieren die komplexen Kodierungen und Ambivalenzen, die die Informationsgesellschaft hervorbringt. Die so entstehenden C-Prints sind an der Wand oder in Rahmenkonstruktionen angebracht und fächerförmig angeordnet. In dieser raumgreifenden Konstellation über­lagern sich die einzelnen Objekte in einem rhizomatischen Beziehungsnetz, das die Hierarchien zwischen den ineinander verschränkten Bildelementen weiter auflöst – und im Ganzen sind sie ein Grenzgang zwischen Fotografie und Skulptur.

 

Anlässlich der Auszeichnung sprach Christoph Dorsz am 19. November 2020 mit Kai Behrendt:

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem NRW.BANK.Kunstpreis?

Ich habe mich sehr darüber gefreut! Das Preisgeld wird in meine künstlerische Praxis investiert und mir eine Zeit eigenständigen und freien Arbeitens ermöglichen. Das ist natürlich im Coronawinter sehr wertvoll.

Ihre Arbeiten wanderten schon immer über die Gattungsgrenzen hinweg, sie waren nur selten »reine Fotografie« oder »reine Grafik«. Was motiviert Sie, Bildern eine körperliche Qualität zu verleihen und in den Raum zu übertragen?

Ich glaube nicht, dass das automatisch besser ist, als Bilder an die Wand zu hängen. Aber die letzten Arbeiten schienen neue Formen des Displays zu erfordern, die nicht mit traditionellen Formen des Fotografie-Ausstellens zu lösen waren. Bei den Laser Etchings war es mir wichtig, dass es direkte Überschneidungspunkte zwischen den Bildern gibt, wodurch sie in ein semantisches Beziehungsnetz gebracht werden. Dafür musste es Bilder geben, die vor anderen stehen, was nur in einer räumlichen Konstellation möglich ist.

Was hat Ihnen die Ausbildung an Folkwang gebracht?

Vor allem viele gute Gespräche mit Kommiliton*innen, Werkstattleiter*innen und Dozent*innen. Außerdem hat der Fachbereich 4 sehr gut ausgestattete Werkstätten, die für meine Arbeitsweise ziemlich wichtig sind.

Differenz gestalten

Die Vortragsreihe »Differenz_gestalten« eröffnet transdisziplinäre Perspektiven auf die Themen Identität, Differenz und Gestaltung. Sie bietet Studierenden und Lehrenden der Folkwang Universität der Künste und allen Interessierten Raum für Diskussion über soziale Ungleichheit, Differenzlinien und ihre Überschneidungen, gesellschaftliche Machtverhältnisse, Repräsentationspolitiken und stigmatisierende Diskurse — aber auch über Widerstandsstrategien und das gute Leben.

Organisiert wird die Vortragsreihe von Simon Dickel, Professor für Gender und Diversity am Fachbereich Gestaltung der Folkwang Universität der Künste.

Die Vortragsreihe wird online stattfinden, ein ausführliches Programm findet sich auf dieser Website. Die Anmeldung erfolgt über eMail: differenzgestalten@folkwang-uni.de

Sora Park: The Afternoon of the Day

Sora Park, Studentin des B.A. Fotografie im siebten Semester, eröffnet mit ihrer Ausstellung »The Afternoon of the Day« das Programm der Galerie 52 in diesem Wintersemester.

Zur Idee ihrer Ausstellung schreibt sie selbst: »Seit meinem 18. Lebensjahr ziehe ich durch verschiedene Städte, um ein neues Leben an einem neuen Ort anzufangen. Es sind nun zehn Jahre außerhalb meines Heimatorts vergangen, von denen ich sechs Jahre in Deutschland verbracht habe. Natürlich wirken sich die neuen Lebensumfelder, in denen ich mich bewege auch auf meine Arbeiten aus und haben sozusagen einen ständigen Einfluss auf die Gegenstände, Personen oder Landschaften, die ich fotografiere. Vielleicht aus diesem Grund suche ich immer nach einem neuen Umfeld. Ich habe aktuell drei Zimmer an verschiedenen Orten – in Kim-Po (Südkorea), Berlin und Essen – zwischen denen ich mich regelmäßig von Stadt zu Stadt hin und her bewege. Im Jahr 2017 habe ich zufällig ein Projekt angefangen, das innerhalb meines Zimmers stattfindet. Je länger ich die verschiedenen Zimmer beobachtete, desto mehr fiel mir auf, dass alle meine Gegenstände und Plätze, die für mich bisher normal erschienen, sich in meinem Bewusstsein veränderten und nun weniger normal sind, als ich sie vorher empfunden habe. Diese Veränderung interessiert mich. Durch die Fotografie versuche ich die hinterlassenen Objekte und Spuren, die aus meiner Bewegung im Zimmer entstehen, zu verstehen. Das Projekt fing mit einem Zufall an. Aber ich interessiere mich sehr dafür, mein Leben als eine Fremde in einem neuen Land, durch das Reflektieren in meinem Zimmer, das in einem geschlossenen Raum passiert, mit der Außenwelt zu teilen.«

»1839«

Bei den Éditions Macula in Paris ist soeben das Buch »1839. Daguerre, Talbot et la publication de la photographie« erschienen. Herausgegeben wurde die Anthologie von Steffen Siegel, der an der Folkwang Universität als Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie unterrichtet. Es handelt sich um eine französische Übersetzung seines Buch »Neues Licht«, das 2014 im Wilhelm Fink Verlag erschienen war. Der neue Band umfasst 656 Seiten und ist mit 53 Abbildungen illustriert. Ausführlichere Informationen finden sich hier zur deutschen, englischen sowie französischen Fassung.

Renommierte Stipendien für Bachelorstudierende

Simon Baptist: aus der Serie »Baron«, 2020.

Simon Baptist und Wiebke Carla Meischner erhalten ab 2020 die Künstler*innenförderung des Cusanuswerks. Außerdem hat Anja Segermann erst jüngst den Wettbewerb um die Aufnahme in das Begabtenförderungsprogramm der Studienstiftung des deutschen Volkes erfolgreich bestanden. Alle drei Studierenden sind an der Folkwang Universität der Künste im Bachelor Fotografie eingeschrieben. Wir gratulieren ganz herzlich zur Aufnahme in dieses Begabtenförderprogramm!

FOTOGRAFIE. Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980

Nach einer ersten Station in Hamburg ist die Ausstellung nun in einer erweiterten Fassung vom 16. Juli bis zum 11. Oktober 2020 im Museum für Fotografie in Berlin zu sehen. Sie geht zurück auf ein Kooperationsprojekt der Folkwang Universität der Künste mit der Universität Konstanz.

In den Jahren um 1980 erlangte die Fotografie einen neuen Stellenwert im Kunstbetrieb. Neue fotografische Herangehensweisen wurden erprobt, Museen begannen, sich für das Medium zu interessieren, erste Fotogalerien wurden gegründet, 1977 hatte die Fotografie auf der documenta ihren ersten großen Auftritt, und es wurden Zeitschriften gegründet. Ausgangspunkt der Ausstellung zu dieser spannenden Umbruchszeit ist das Magazin „Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst“ (später „Fotografie: Kultur jetzt“), das zwischen 1977 und 1985 vierzigmal erschien und von Wolfgang Schulz herausgegeben wurde. Das Magazin entwickelte sich schnell zu einem viel beachteten, häufig umstrittenen überregionalen Szeneblatt: ein überaus lebendiges Forum für einen weitverzweigten Aufbruch, in dem Kunstkommerz noch keine prägende Rolle spielte.

Wolfgang Schulz versuchte, sich festschreibenden Normen zu entziehen und verfolgte als Redakteur der Zeitschrift wie auch als Fotograf, der ein beachtliches Werk geschaffen hat, sehr unterschiedliche Stile und Sujets. Die Zeitschrift scheint heute beinahe vollständig vergessen. Doch die Leistungen des Herausgebers und der beitragenden Autor*innen und Fotograf*innen verdienen es, genauer betrachtet zu werden. Die von ihnen gefundene Mischung aus Bildern und Texten ist eine bedeutende Quelle zur Erkundung einer fotografischen Szene, die um 1980 mit Nachdruck an der Etablierung der Fotografie als einer eigenständigen Kunstform arbeitete.

Das Projekt ist ein erster Versuch, ein wichtiges Stück Fotogeschichte in Westdeutschland wiederzuentdecken. Die Ausstellung gliedert sich in vier Abschnitte: Sie würdigt das fotografische Werk von Wolfgang Schulz aus der Zeit um 1980, stellt Werke verschiedener Fotograf*innen vor, deren Arbeit prägend für die Jahre um 1980 wurde, präsentiert alle vierzig Ausgaben der Zeitschrift „Fotografie“ (die in ihrem Nebeneinander ein eindrucksvolles gestalterisches Panorama ergeben) und lässt in Video-Interviews Zeitzeugen im Sinne einer „Oral History“ zu Wort kommen.

Wolfgang Schulz, Hans Christian Adam, Gosbert Adler, Dieter Appelt, Heiner Blum, Joachim Brohm, Dörte Eißfeldt, Verena von Gagern, André Gelpke, Dagmar Hartig, Andreas Horlitz, Hans-Martin Küsters, Reinhard Matz, Angela Neuke, Heinrich Riebesehl, Wilhelm Schürmann, Holger Stumpf, Ulrich Tillmann/Wolfgang Vollmer, Petra Wittmar und Miron Zownir.

Die Ausstellung wird kuratiert von Reinhard Matz, Steffen Siegel und Bernd Stiegler in Zusammenarbeit mit Esther Ruelfs, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Für die Ausstellungsstation in Berlin wurde sie in Zusammenarbeit mit Ludger Derenthal, Kunstbibliothek, erweitert. An der Vorbereitung der Ausstellung beteiligt waren Studierende des M.A. Photography Studies and Research der Folkwang Universität der Künste sowie des Studiengangs Literatur-Kunst-Medien der Universität Konstanz.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog im Leipziger Verlag Spector Books.

A List of Distractions

In den vergangenen Monaten hat sich unsere Erfahrung des öffentlichen Raumes grundlegend verändert – im Großen wie im Kleinen. Das betrifft auch unsere direkte Nachbarschaft auf und um Zollverein. Vom 26. Juni bis zum 16. Juli 2020 treten Fotografie-Studierende im Rahmen des Ausstellungsprojektes A List of Distractions mit gestalterischen Mitteln in einen Dialog mit der Öffentlichkeit. In dieser Zeit bespielen sie zwischen den Haltestellen Zollverein Nord und Abzweig Katernberg mit ihren Arbeiten Großplakatwände und eine Litfaßsäule. Es handelt sich um keine Ausstellung im klassischen Sinn, denn in schnellem Rhythmus werden auf den Flächen Bilder auftauchen, sich überlagern, fragmentieren und verschwinden, um neuen Bildern Platz zu machen. Daher gibt es keine klassische Eröffnung, dafür aber die herzliche Einladung, ab diesem Freitag unsere Zollverein-Nachbarschaft immer wieder neu zu erkunden!

Mit fotografischen Arbeiten von Julius Barghop, Carsten Barth, Ayla Buchholz, Marie Eberhardt, Linda Hafeneger, Hendrik Hinkelmann, Marie Laforge, Katharina Ley, Ruth Magers, David Müller, Elke Seeger, Anja Segermann und Anton Vichrov. Das Projekt wurde geleitet von Matthias Gründig und Elke Seeger.

Future Histories

In his blog series »Future Histories«, written for the »Still Searching…« blog from Fotomuseum Winterthur, Steffen Siegel discusses various problems of older and more recent historiographies of photography – and how to go beyond them. Photographic image-production and the medium’s historiography share almost the same age. However, compared to photography’s innovative or even revolutionary visual strategies, the forms of writing about its history have remained surprisingly traditional.

Photography Studies always have been a nomadic enterprise within an interdisciplinary environment. Nevertheless, there is a risk of taming these research activities by adopting models and genres from other academic disciplines. This blog series is an invitation to discuss the following questions: How can we arrive at new ways of reflecting on photo history? How can we create a bigger picture without just writing another compendious book? Thus, how can »Future Histories« lead to different ways of representing the medium’s history?

The blog series consists of five parts, published between April and July 2020: »The Bigger Picture«, »Beyond Newhall?«, »Lowering the Sights?«, »Leaving the Book Behind«, and »Collaborations«.

Dissertationsstipendien für Maxie Fischer und Judith Riemer

Seit dem 1. Juli dieses Jahres werden sogleich zwei Doktorandinnen des Promotionsprogramms »Theorie und Geschichte der Fotografie« mit einem dreijährigen Forschungsstipendium gefördert. Maxie Fischer warb für ihr Dissertationsvorhaben Michael Schmidt: »Graue Ästhetik. Fotografische Praxis und ästhetischer Diskurs« ein Stipendium des Evangelischen Studienwerk Villigst ein. Das Forschungsprojekt »Das Fotoalbum als Medium künstlerischen Ausdrucks in den 1920er und 1930er Jahren« von Judith Riemer wird von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Kai Behrendt: »Untitled (Laser Etchings)«

Kai Behrendt: Untitled (Laser Etchings), 2020

Als Ablation wird der Prozess bezeichnet, bei dem Material durch Hitzeeinwirkung abgetragen wird. Dieses Prinzip nutzt Kai Behrendt in seiner Arbeit »Untitled (Laser Etchings)«. Im Juli 2020 hat er mit dieser Arbeit sein Studium im Master-Programm »Photography Studies and Practice« erfolgreich abgeschlossen.

In der Installation werden vier große C-Prints gezeigt, in die mithilfe eines Lasercutters Bilder, Texte und Diagramme graviert wurden. Das analoge Fotopapier wird noch vor der chemischen Entwicklung mit dem Laser in einer Dunkelkammer bearbeitet. Der verwendete Kohlenstoff­dioxid-Laser erzeugt beim Gravieren Licht, das ebenfalls im fotoempfindlichen Material Spuren hinterlässt. Durch die einwirkende Hitze und den Materialabtrag verformt sich das eigentlich flache Fotopapier, wodurch es eine reliefartige Oberflächenstruktur erhält.

Auf die schultafelgroßen Bildreliefs sind verschiedene Informationen belichtet und graviert – darunter Kalibrierungsbilder, ägyptologische Transliterationen, analo­ge und digitale Lensflares, von einer A.I. erzeugte Texte, Fotografien, Trauminterpretationen, Texturen von Fotogrammetrien und Ausschnitte aus einem Handbuch für Programmierer. Diese semantischen Ebenen sind durch die Lasergravur in eine spezifische Faktur eingebettet. Die Bilder reproduzieren die komplexen Kodierungen und Ambivalenzen, die die Informationsgesellschaft hervorbringt.

Die C-Prints sind an der Wand oder in Rahmenkonstruktionen angebracht und fächerförmig angeordnet. In dieser raumgreifenden Konstellation über­lagern sich die einzelnen Objekte in einem rhizomatischen Beziehungsnetz, das die Hierarchien zwischen den ineinander verschränkten Bildelementen weiter auflöst. 

Franziska Kunze wird Kuratorin an der Pinakothek der Moderne in München

Franziska Kunze ist an die Münchner Pinakothek der Moderne als Kuratorin für den Sammlungsbereich Fotografie und Medienkunst berufen worden. Sie wird ihre Tätigkeit am 1. August aufnehmen. Im Jahr 2018 wurde Franziska Kunze mit ihrer Dissertation Opake Fotografien. Das Sichtbarmachen fotografischer Materialität als künstlerische Strategie an der Folkwang Universität der Künste im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie promoviert. 2019 ist diese Arbeit beim Reimer Verlag als Buch erschienen. Nach ihrer Zeit als Stipendiatin der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Programm Museumskuratoren für Fotografie war sie bisher stellvertretend als Sammlungsleiterin für Gegenwartskunst LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster tätig.

Jonas Kamm: »Inhabitants«

Jonas Kamm: Dave, Dee & Dozy, 2020. C-Print, Rendering, 120 × 95 cm

Jonas Kamm arbeitet an der Schnittstelle zwischen Bild und Skulptur. Dabei bedient er sich neuer Methoden der Bildproduktion: Mit Hilfe von Computer Generated Imagery schafft er ein Universum von Situationen, in denen sich sonderbare Objekte und »Inhabitants« begegnen. In ihrer Kombination stiften sie rätselhafte Mikrodramen, deren Bedeutung in der Schwebe bleibt. Man kann es in ein Paradox fassen: Indem Jonas Kamm Fantastisches inszeniert und dabei Falsches erzeugt, begibt er sich mit den künstlerischen Mittel der CGI auf die Suche nach der Wahrheit. Mit einer Auswahl dieser faszinierenden Bilder hat er im Juni 2020 an der Folkwang Universität der Künste seinen Bachelor of Arts im Fach Fotografie erhalten.

Ästhetik der Skalierung

Sonderheft 18 (2020) der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (ZÄK), herausgegeben von Carlos Spoerhase, Steffen Siegel und Nikolaus Wegmann.

Die Beiträge vermessen einen bislang nur wenig beachteten Forschungsbereich: die Ästhetik der Skalierung. Ob in Texten oder Bildern, Tönen oder Performances – ästhetische Phänomene lassen sich anhand eines Spektrums skalieren, das von ‚minimal‘ bis ‚maximal‘ reicht. Von kurz bis lang, klein bis groß, leise bis laut, langsam bis schnell lässt sich aus dieser Perspektive eine Vielzahl künstlerischer Phänomene mit großem Erkenntnisgewinn betrachten. Wesentlich ist die mit dem Begriff der Skalierung aufgerufene Vorstellung einer stufenweisen Entfaltung, das heißt einer graduellen Quantifizierung in Raum und Zeit: In zwölf Untersuchungen werden diese Möglichkeiten anhand verschiedener Künste seit der frühen Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart in den Blick genommen und die Potenziale von Kompression und Amplifikation diskutiert.

Die Beiträgen stammen von von Carlos Spoerhase, Gesa Zur Nieden, Isa Wortelkamp, Nicola Glaubitz, Benjamin Krautter, Marcus Willand, Andrew Fisher, Steffen Siegel, Marc Ries, Claudia Tittel, Lilian Haberer, Veronica Peselmann und Jens-Christian Rabe.

211 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, kartoniert. 978-3-7873-3815-3.



The Viehofer Years

Mit dem Umzug der Folkwang Universität der Künste auf das Areal des Welterbe Zollverein zum Wintersemester 2017/2018 hat ein neues Kapitel in der langen Tradition der Fotografieschen Ausbildung an Folkwang begonnen. Dazu gehört auch, dass die im Jahr 2011 gegründete Galerie 52 nach 60 Ausstellungen in der Essener Stadtmitte nun auch nach Zollverein gezogen ist. Im Quartier Nord hat sie im Oktober 2017 ihre neuen Räume bezogen.

Das Buch „The Viehofer Years“ wirft einen Blick zurück auf die ersten sieben Jahre der Galerie 52. Es dokumentiert und untersucht die Auswirkungen des erweiterten Lehrangebots, das in der Viehofer Straße 52 stattfand und zugleich ein lebendiger Mittelpunkt der gesamten Fachgruppe Fotografie gewesen ist. Mit dieser Publikation sollen die zahlreichen Aktivitäten an diesem Ort zusammengefasst und die Folgen für die Lehre und die künstlerische Praxis unserer Studierenden untersucht werden. Neben Texten von drei Lehrenden – Christopher Muller, Elisabeth Neudörfl und Steffen Siegel – enthält das Buch auch Essays von zwei Studentinnen des Master-Studiengangs „Photography Studies and Research“ – Franziska Barth und Angela Deußen und einem Absolventen des Bachelor-Studiengangs Fotografie, Christian Lübbert.

Zahlreiche Interviews mit Studierenden thematisieren den Einfluss der in der Viehofer Straße entstandenen Ateliergemeinschaften auf die künstlerische und fotografische Praxis. Den Hauptteil der Abbildungen bilden Ausstellungshighlights aus dem Programm der Galerie 52. Zudem hat Sebastian Wolf, er studiert im Master „Photography Studies and Practice“, im Sommersemester 2017 eine Porträtreihe der damaligen Ateliernutzer*innen für diese Publikation angefertigt.

Das Buch ist in der Folkwang Edition erschienen und wurde vom Gründer und Kurator der Galerie 52, Christopher Muller, herausgegeben.

Herzog Ernst-Stipendium für Hannes Wietschel

Hannes Wietschel, Doktorand an der Folkwang Universität der Künste im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie, wurde ein Herzog Ernst-Stipendium der Forschungsbibliothek Gotha zugesprochen. Es wird dazu dienen, für die Dauer von drei Monaten in der Sammlung Perthes im thüringischen Gotha zu forschen — europaweit eine der wichtigsten Spezialsammlungen für die Geschichte von Geografie und Kartografie. Seit 2017 arbeitet Hannes Wietschel an seiner Dissertation Die photographische Werkstatt der Geographie. Photographien und die Spuren ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung um 1900. Außerdem war er im Sommersemester 2019 Lehrbeauftragter für Theorie und Geschichte der Fotografie und ist dies auch im aktuellen Wintersemester.

Andrés Mario Zervigón zu Gast an der Folkwang Universität der Künste

Anlässlich des Forschungskolloquiums zur Theorie und Geschichte der Fotografie ist Mitte Juli der renommierte Fotohistoriker Andrés Mario Zervigón zu Gast an der Folkwang Universität der Künste. Zervigón lehrt als Professor für Fotogeschichte an der Rutgers University und leitet dort das Forschungszentrum „The Developing Room“.

Mit einer Vielzahl von Publikationen hat er sich in den zurückliegenden Jahren als ein Experte insbesondere für die deutsche Fotogeschichte vorgestellt. Zu seinen neuen Büchern gehören „John Heartfield and the Agitated Image“ (2012) und „Photography and Germany“ (2017) sowie die von ihm mit herausgegeben Bände „Photography and Its Origins“ (2015) sowie „Photography and Doubt“ (2017).
 

Rundgang 2019

Rundgang des Fachbereichs Gestaltung
27.–29. Juni 2019 im Quartier Nord
Ausstellungen, Workshops, Performances & mehr
Party am Freitag, den 28. Juni 2019 ab 22 Uhr im Interaktionslabor

Wie in jedem Jahr parallel zur Langen Nacht der Industriekultur auf dem Campus Welterbe Zeche Zollverein.

Abigail Solomon-Godeau zu Gast in der Fachgruppe Fotografie

Im Sommersemester begrüßt die Fachgruppe Fotografie mit Abigail Solomon-Godeau für mehrere Tage einen prominenten Gast an der Folkwang Universität. Wie kaum eine zweite Forscherin hat Solomon-Godeau in den zurückliegenden vier Jahrzehnten Einfluss genommen auf die Ausbildung und Entwicklung eines interdisziplinären Felds der Fotokritik. Vor allem in pointierten Essays hat sie dabei Grundsatzfragen der Fotoforschung erörtert, eingeführte Begriffe und Denkmodelle kritisch hinterfragt und dabei stets eine institutionenkritische Perspektive profiliert. Gerade in jener Zeit, da sich der Kunstmarkt mit ganzem Nachdruck der Fotografie als einem künstlerischen Medium zuwandte, hat Solomon-Godeau ein selbstreflexives Nachdenken über diese Entwicklung betont. Nicht zuletzt ist ihre Arbeit von einer feministischen Interpretation der Fotogeschichte geprägt.

Zu Beginn ihres Aufenthalts an der Folkwang Universität wird Abigail Solomon-Godeau am 5. Juni 2019 ab 18 Uhr im SANAA-Gebäude einen öffentlichen Abendvortrag halten. In ihm widmet sie sich der Ikonografie der gegenwärtig vielleicht am weitesten verbreiteten Fotoserie: den auf Zigarettenpackungen angebrachten Fotografien, die vor Gesundheitsschäden durch das Rauchen warnen sollen. In diesem Zusammenhang stellt sie scheinbar ganz einfache Fragen: Wer hat sich das alles ausgedacht? Wer hat diese Bilder überhaupt aufgenommen? Wer hat sie ausgewählt? Und nicht zuletzt: Tun sie wirklich ihre Wirkung? Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Galerie 52 im Sommersemester 2019

Phillip Berg & Marlon Quattelbaum: nachlass max burchartz an der folkwang universität der künste, ­essen
26.4.–4.5.2019

Claudius Dorner: Konstruk­tionen Claudius Dorner
10.5.–17.5.2019

Killa Schütze: HANAQ EARTH
24.5.–31.5.2019

Sophie Thun: Extended ­Double ­Release
7.6.–14.6.2019

Lisa Franke & Jonas Kamm: Flesh / ­Gegenüber
21.6.–30.6.2019

Simon Grunert: Senne
5.7.–13.7.2019

DGPh-Bildungspreis 2019 für Nafiseh Fathollahzadeh

Folkwang Alumna Nafiseh Fathollahzadeh (MA Photography Studies and Practice 2018) wurde von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) mit dem von der Gesellschaft alle zwei Jahre verliehenen Bildungspreis geehrt. Mit dieser wichtigen Auszeichnung würdigt die Jury das kollaborative Projekt „Momentography of a failure“ der aus dem Iran stammenden Künstlerin. Die Jury würdigt den „sehr reflektierten, konzeptuellen Umgang mit dem Medium Fotografie [...], der Menschen aus verschiedenen Disziplinen fördert und das Bestreben hat, die Welt auf vielfältigen Ebenen zu erschließen.“ Fathollahzadeh und ihr Team konnten sich so gegen 32 Mitbewerber*innen durchsetzen. Ziel der DGPh ist es, mit dem seit 2013 verliehenen Preis interessante Projekte im Bereich der Vermittlung von und mit Fotografie zu entdecken und bekannt zu machen sowie die öffentliche Wahrnehmung fotografischer Bildungsarbeit zu steigern. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert.

Nafiseh Fathollahzadeh hat das Projekt 2017 gegründet. Gemeinsam mit einem Team aus Städteforscher*innen, Geograf*innen, Aktivist*innen, Fotograf*innen und Anwohner*innen führt sie seit 2018 in verschiedenen Städten Workshops durch, in denen urbane Kontexte ausgewählter Stadtviertel erschlossen werden. Bisherige Stationen waren unter anderem Berlin, Addis Abeba und Gelsenkirchen.

Ergänzend zu den Workshops wurde eine App entwickelt, auf der Informationen zu den besuchten Regionen hochgeladen werden können. Auf diese Weise entstehen Foto-Essays auf der Weltkarte, die mit Kategorien wie „Menschenrechte“, „Wirtschaft“, „Freiheit“, „Rassismus“ und „Friede“ versehen werden und so auf Probleme und Potentiale der verschiedenen Bezirke aufmerksam machen. User der App können ihre eigenen Fotografien hochladen und somit interaktiv an „Momentography of a failure“ teilnehmen. Die Nutzung des Mediums Fotografie als vermittelndem Ausdrucksträger zieht sich durch alle Ebenen des Projekts. Neben den extra hierfür gefertigten Fotografien findet auch gefundenes Bildmaterial wie Familienalben und Postkarten Eingang in die gemeinsame Arbeit.

Website der DGPh

WA XVI

Ein Projekt des Studiengangs Fotografie der Folkwang Universität der Künste in Zusammenarbeit mit dem Historischen Archiv Krupp und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Über mehr als ein Jahr haben sich Studierende der Fotografie im Rahmen einer Lehrveranstaltung der Folkwang Universität der Künste mit den Beständen des Historischen Archivs Krupp auseinandergesetzt. Ihre Ergebnisse werden im Rahmen einer Kabinettausstellung in vier Räumen der Villa Hügel zu sehen sein. Fünf künstlerische Projekte sind entstanden, die sich auf individuelle Weise den geschichtlichen Quellen nähern, Bezug auf die Räume des Archivs nehmen und zeitgenössischen Orten der Erinnerung an den Namen Krupp bildnerisch nachspüren. Die Ausstellung zeigt fotografische Sichtweisen junger Künstlerinnen und Künstler, die die Geschichte des Unternehmens Krupp neu dokumentieren und interpretieren. Das Krupp-Archiv ist dabei Anlass und Inspiration für ihren Umgang mit der Geschichte. So dienen die Quellen des Archivs zur Recherche, sie werden aber auch zum Teil der künstlerischen Arbeiten. Der Titel der Ausstellung greift auf die Bestandsgruppe im Historischen Archiv Krupp zurück. Unter WA XVI werden Fotografien aufbewahrt und erschlossen werden, und zwar seit der Gründung des Archivs im Jahr 1905. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hat diese Ausstellung gefördert. Sie ist auch Eigentümerin des Archivs.

Gezeigt werden Arbeiten von Vanessa Arms, Kirstin Kaarina Brandt, Ursula Dusch, Nico Kleemann, Anne Stoll und Vladimir Unkovic. Betreut und künstlerisch geleitet wurde das Projekt von Prof. Elke Seeger gemeinsam mit Prof. Dr. Ralf Stremmel, Leiter des Historischen Archivs Krupp, Manuela Fellner-Feldhaus, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Archivs, und Dr. Ute Kleinmann, Kulturstiftung Ruhr.

Neben Fotografien werden ein Künstlerbuch, ein Video und archivarisches Material in der Ausstellung zu sehen sein. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in der Reihe Folkwang EDITION.

Ausführliche Informationen zum Katalog

Kritik

Roland Meyer: Gesichtserkennung

Besprochen von Paul Werling
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Seit Jahren tobt ein Kampf um Daten und Bilder, die Nutzer:innen den Providern der Social-Media-Plattformen anvertrauen. Obgleich diese Vertrauensbeziehung lange schon erschüttert ist – zahlreiche Skandale um unsere Datensicherheit belegen dies –, hat sich eine Kultur etabliert, die die Datensätze stetig wachsen lässt. Eine neue Eskalation des Datenmissbrauchs wurde im Frühjahr 2020 öffentlich, als die »New York Times« über das US-amerikanische Unternehmen »Clearview AI« umfassend berichtete. Das Unternehmen hatte eine drei Milliarden Bilder umfassende Datenbank erstellt, die sich aus Bildern der gängigen Social-Media-Plattformen speist – ungefragt wohlgemerkt. Jedoch ist nicht die Datenbank an sich das Produkt der Firma, sondern eine an der Datenbank trainierte Software zur Gesichtserkennung. Zahlreiche Unternehmen und Sicherheitsbehörden nutzten die Software zur Identifizierung von Verdächtigen, wenn auch nicht immer treffsicher. Dieser immense Eingriff in die Privatsphären der Nutzer:innen wurde nicht zu unrecht als Ende der Privatsphäre betitelt.
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Mit diesem Skandal findet Roland Meyer den Ausgangspunkt für seinen Essay »Gesichtserkennung«, der jüngst in der Buchreihe »Digitale Bildkulturen« erschienen ist. Meyer setzt sich darin zeitaktuell mit den Entwicklungen im Bereich Gesichtserkennung auseinander. Konsequent legt er dabei offen, wie das Versprechen von objektiv operierenden Identifizierungs-Werkzeugen scheitert und sich ein gesellschaftlicher Bias in diesen Technologien offenbart und reproduziert. In seiner 2019 erschienenen Monografie »Operative Portäts. Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavatar bis Facebook« untersuchte Meyer die historischen Versuche, Fotografie zur Identifikation nutzbar zu machen und endet zeitlich, wie der Titel schon anspricht, mit der Gesichtsdatenbank Facebook. Die neue Veröffentlichung »Gesichtserkennung« setzt nahtlos daran an und dokumentiert, welche Entwicklungen die digitalen Bildersammlungen ermöglicht haben.
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Um eine technische Identifizierbarkeit möglich zu machen, müssen künstliche neuronale Netzwerke mit großen Bilddatenbanken trainiert werden. Unfreiwillig wurden diese von den Milliarden Nutzer:innen im Internet zur Verfügung gestellt. Falsch wäre es jedoch anzunehmen, dass diese globale Datenbank eine von Ethnie und Geschlecht unabhängige Identifizierbarkeit gewährleistet. Anhand mehrerer Beispiele zeigt Meyer auf, dass sich gesellschaftliche Diskriminierungsstrukturen in den Technologien reproduzieren. Dies schlägt sich in realen Konsequenzen für marginalisierte Gruppen nieder. Auch hat die technische Entwicklung zu einem erneuten Erstarken physiognomischer Ideen geführt. Verschiedene Forscher:innen versuchten anhand von Bilddatensätzen und Deep Learning menschliche Wesenseigenschaften aus fotografierten Gesichtern abzuleiten. Die dabei erkannten Muster interpretierten die Forscher:innen als Beleg ihrer Theorien. Alle diese Ansätze zeigten sich bei der Prüfung durch unabhängige Forscher:innen jedoch – wenig überraschend – als nicht haltbar: Die Algorithmen hatten lediglich Muster in der Labelung der Datensätze und verborgene kulturelle Handlungsmuster und Schönheitsideale aufgedeckt.
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Mit der Corona-Pandemie beschreibt der Autor eine zunehmende Nutzung von Gesichtserkennungs-Software. Ein Ende der Privatheit, insbesondere auf politischen Demonstrationen, birgt ein immenses Risiko für oppositionelle Bewegungen. Roland Meyer schließt sein Essay mit verschiedenen Gegenstrategien, die entscheidendste muss aber die nach mehr Transparenz sein. Ist man an einer bildwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema der technischen Gesichtserkennung interessiert, ist das schmale Buch von Roland Meyer ohne Einschränkung zu empfehlen. Es ist die erste konzentrierte Aufarbeitung des Themas aus bildwissenschaftlicher Perspektive. Mit seinen 70 Seiten ist es dabei gleichermaßen inhaltsreich wie kurzweilig. Es ist unbedingt eine Lektüre wert, denn, wie Meyer selbst betont, die »Zukunft der Gesichtserkennung ist mithin nicht allein eine technische, sondern vor allem eine politische Frage.«
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Roland Meyer: Gesichtserkennung, Berlin (Verlag Klaus Wagenbach) 2021, Reihe »Digitale Bildkulturen«. 80 Seiten, broschiert, zahlreiche s/w-Abbildungen, 11 × 15 cm, ISBN 978-3-8031-3705-0.
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Paul Werling studiert seit 2019 an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research.

Christophe Boltanski: Das Versteck

Am 14. Juli 2021 ist in Paris der französische Künstler Christian Boltanski im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit seinem Werk hat er auf sehr eigene Weise nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Fotografie geprägt: indem er ihre Möglichkeiten und Grenzen auslotete und ihre An- wie Abwesenheit thematisierte. Bereits vor einigen Jahren erschien zuerst 2015 auf Französisch und schließlich 2017 in deutscher Übersetzung bei Hanser ein Buch von Boltanskis Neffen Christophe. Es handelt sich um eine autobiografische Erkundung der Familie, und natürlich spielt auch der Onkel, der gerade dabei ist, berühmt zu werden, eine wichtige Rolle. In unserer Facebook-Gruppe »Photography Studies Radar« hat Steffen Siegel diesem Buch im September 2017 eine kurze Besprechung gewidmet. Anlässlich des Todes von Christian Boltanski soll sie hier noch einmal aufgegriffen werden. Die Empfehlung ist unverändert aktuell: Die Lektüre lohnt sich sehr!
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Christophe Boltanski macht sich in Frankreich seit vielen Jahren vor allem als Kriegsreporter einen Namen. Auch sein bislang meistgelesener Text, das Buch »La cache«, war in gewissem Sinn eine Reportage. Vor zwei Jahren auf Französisch erschienen, ist es nun auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Zimmer für Zimmer tastet sich Boltanski durch seine persönlichen Erinnerungen an jenes Haus im vornehmen 7. Pariser Arrondissement, in dem seine Großeltern für ein halbes Jahrhundert lebten. Doch gerade das, was spätestens seit Roland Barthes’ »La chambre claire« zur Grundausstattung jedes Erinnerungsbuchs zu gehören scheint, bleibt Boltanski unerreichbar: Fotografien. Denn in dem von seinen Großeltern beherrschten Familienlieben spielten diese Bilder ganz ausdrücklich keine Rolle. Dem Versuch, seine Urgroßmutter zu beschreiben, schickt Boltanski die Bemerkung vorweg: »Ich weiß nicht, wie sie ausgesehen hat. Ich kann mich auf kein Familienalbum stützen, nicht ein einziges sepiafarbenes Porträt wurde liebevoll im Holzrahmen aufbewahrt. In der Rue-de-Grenelle sind Fotografien verpönt, denn sie zeigen, was nicht mehr ist. Das Wenige, was ich weiß, habe ich von meinem Vater und meinen Onkeln.« Kein Bilderverbot also, immerhin aber ein Bilderverzicht scheint in diesem großelterlichen Haus geherrscht zu haben. Das ist bemerkenswert, denn die von Boltanski angesprochenen Auskunftsgeber haben auf je sehr eigene Weise an der Fotogeschichte des späteren 20. Jahrhunderts mitgeschrieben: Der Soziologe Luc Boltanski, Vater des Autors, trat bereits ganz zu Beginn seiner Karriere als Ko-Autor zu einem von Pierre Bourdieu herausgegebenen Buch auf. Lange schon ist es ein Klassiker der Bildsoziologie: »Un art moyen. Essai sur les usages sociaux de la photographie« von 1965 (in deutscher Übersetzung: »Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie«). Und wie eigentlich sähe das künstlerische Werk von Christian Boltanski, Onkel des Autors, aus, wenn es keine Fotografie gäbe? Ist dieses berühmt gewordene Oeuvre doch gerade dem Zeigen dessen verpflichtet, »was nicht mehr ist«.
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Auf dem Titel der französischen wie der deutschen Ausgabe von »La cache« steht im Übrigen die verkaufsfördernde Gattungsbezeichnung »Roman«. Das muss man nicht all zu wörtlich nehmen – ganz und gar lesenswert ist dieses bemerkenswerte Buch in jedem Fall!

Solidarisches Schweigen als visuelle Geste?

Screenshot von Instagram am 2. Juni 2020.

Solidarisches Schweigen als visuelle Geste?
Eine ambivalente Erinnerung an den #blackouttuesday auf Instagram
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von Jakob Schnetz
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Politische Kämpfe sind längst auch Kämpfe in digitalen Räumen. Dabei wird der Gebrauch von Bildern als Mittel, Form und Katalysator von Protest und Solidarität immer wichtiger, wie Kerstin Schankweiler in ihrem Buch »Bildproteste« (2019) zeigt. Aber auch wenn solche Proteste mit und durch Bilder stets in größere gesellschaftliche und politische Kontexte eingebunden sind, stechen manche virtuellen Ereignisse besonders hervor. Erinnern wir uns an den »#blackouttuesday« auf der Plattform Instagram: Anstelle der üblicherweise um Aufmerksamkeit ringenden Beiträge blieb das Display am 2. Juni 2020 vermeintlich leer – mindestens dann, wenn wir schwarze Bildschirme mit Leere gleichsetzen. Fast die gesamte Timeline ist ein nur von Like-Angaben und Profilbildern gerahmtes, scheinbares ›Nichts‹, eine stetig wachsende Reihe aus gänzlich schwarzen Bildern, die an diesem Tag hunderttausendfach hochgeladen werden. Die Hashtags #blackouttuesday und #blacklivesmatter kontextualisieren sie vage als solidarischen Beitrag zum Tod des 46-Jährigen Schwarzen George Floyd, der eine Woche zuvor brutal von einem weißen Polizisten und seinen Kollegen ermordet wurde.
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Unweigerlich löst der schreiend-stumme Newsfeed in mir das Gefühl aus, teilnehmen zu wollen und mich in meiner weißen Privilegiertheit mit den von Rassismus betroffenen Menschen zu solidarisieren. Doch dann regt sich ein Zweifel in mir: Was bedeutet hier eigentlich Solidarität? Und wie wird sie bildlich hergestellt? Die enorme Wirkung dieses simulierten Blackouts speist sich zunächst genau daraus: Einem kollektiven Moment des ›Schweigens‹ auf einer ansonsten zumeist individualistischen Selbstdarstellungsplattform – unterbrochen nur von den nun umso absurder und greller leuchtenden personalisierten Werbeanzeigen. Im virtuellen Raum der App muss Schweigen buchstäblich sichtbar werden und damit produzierter Content sein. Ein solches ›Nichts‹ zu posten ist etwas völlig Anderes als nichts zu posten und neben dem Liken und Teilen einzige Möglichkeit, die eigene Anwesenheit und damit Solidarität zu zeigen. Die Illusion der Leere ist also keine Abwesenheit digitaler Bilder, doch im Gegensatz zu anderen virtuellen Protesten spielen für diese Aktion fotografische Zeugenschaft und gängige Bildmuster keine Rolle. Das Ausgangsmotiv zur Herstellung der schwarzen Bilder scheint hier bedeutungslos und das Rätsel darum in einer verstörenden Weise bizarr: So sehe ich auf meinem Smartphone-Display vielleicht digital errechnetes Schwarz aus der Online-Bildsuche neben unterbelichteten Handyfotos aus Besenkammern und Kleiderschränken oder von Tischplatten und (weißen?) Fingerkuppen, die die Kameralinse bedecken – und die hier alle gleichfalls Solidarität bedeuten sollen.
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Jene gewaltvollen Bilder von Floyds Tötung, die den Protest hier mitunter katalysierten, werden nun verweigert und so ein möglicher Trigger für Schwarze Menschen verhindert. Paradoxerweise bieten die schwarzen Bilder aber auch den Raum, sie mit den zuvor gesehenen Gewaltdarstellungen in der Fantasie zu füllen und womöglich dadurch noch zu verstärken. Trotz unterschiedlicher Bildformate erinnert die Verbannung des Figurativen auch an Kasimir Malewitschs vieldiskutiertes Gemälde »Schwarzes Quadrat« von 1915. Im Gegensatz zu den schwarzen Bildern hier bedeutet es zunächst einmal nur sich selbst; eine damals radikale Position. Ist es im Jahr 2020 nur eine konsumierbare und zahnlose Ästhetik einstiger Avantgarde? Es lässt sich nicht leugnen, dass die schwarzen Bilder in ihrer Menge – als Timeline – wirkungsvoll sind. Der #blackouttuesday wird so zu einem flüchtigen, ikonischen Ereignis und auch zu einer klugen Metapher: Die Unsichtbarkeit bei gleichzeitiger Hyper-Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in einer strukturell rassistischen Gesellschaft. Gleichzeitig werden einige der Bilder, wohlwollend getagt mit #blacklivesmatter, problematisch für die gleichnamige Bewegung, da sie vorübergehend den wichtigen Kommunikationskanal überlagern und so das Gegenteil ihrer Absicht erzeugen –  wer den Hashtag abonniert hat, um informiert zu bleiben, bekommt plötzlich nur noch diese schwarzen Bilder angezeigt.
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Es mag an meiner Filterblase und Eigendynamiken auf sozialen Netzwerken liegen, doch von der ursprünglichen Intention der Aktion erreicht mich in meinem Feed nichts: Die Schwarzen Musik-Managerinnen Brianna Agyemang und Jamila Thomas starteten den ›Blackout‹ zwar auch zum Gedenken der von Polizisten ermordeten Schwarzen George Floyd, Breonna Taylor und Ahmaud Arbery, aber eben nicht ausschließlich. Genauso wichtig war ihnen die Kritik an der Ausbeutung Schwarzer Musikkultur. So wirken die oft kontextlosen schwarzen Bilder wie eine diffuse Projektionsfläche für Solidarität, in der das initiale Anliegen verloren geht. Auch irritiert mich das gegenseitige Liken der Beiträge, wirkt es abseits der Sichtbarkeit, die es verstärkt, beinahe wie ein selbstvergewisserndes gegenseitiges Schulterklopfen. Nicht ohne Grund oft als »Clicktivism« oder von der Schwarzen Autorin Latham Thomas als »Optical Allyship« kritisiert, bleibt diese Form der Unterstützung – auch wenn sie von Herzen kommt – gerade aus einer weißen Perspektive nicht betroffener Betroffenheit konsumierbar und nur an der buchstäblichen Oberfläche. Frei von Opfer und Schmerz physischer politischer Kämpfe ist es ein kurzweiliges Verbündetsein, das Betroffenen keine Arbeit abnimmt. 

Allerdings muss ich dem Ereignis auch zugestehen, gerade aufgrund seiner unauflösbaren Ambivalenz in mir nachzuhallen. Im besten Falle schafft diese unhierarchische und durchaus eindrückliche Form des Protests wichtige Aufmerksamkeit und vielleicht auch eine Bewusstseinsaktivierung – doch kann sie nur Ausgangspunkt oder Zusatz sein, will sie nicht nur eine flüchtige und, so scheint es, auch selbstberuhigende Geste bleiben.
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Jakob Schnetz studiert seit 2019 an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research.

Stopover 20/21: Lea Bräuer und Paul Werling

Lea Bräuer: Der fragile Raum, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Paul Werling an Lea Bräuers Serie »Der fragile Raum«.

 

Das Jahr 2020 kann auf vielerlei Art und Weise beschrieben werden, eines ist es jedoch unbestritten: das Jahr des Digitalen. In unsere physische Privatheit gedrängt nahm die digitale Vermittlung von Information mehr Raum denn je ein. Zurückgeworfen auf uns selbst sahen wir uns genötigt Umgang zu finden mit existentieller Bedrohung und dem Aufbegehren schwelender politischer Konflikte. Und da seid ihr, fotografische Produkte aus eben dieser vollends digitalen Zeit, die ihr euch jedweder Digitalität verweigert. Ihr seid Fragment einer individuellen Auseinandersetzung mit den Krisen der Welt. Obgleich oder gerade weil ihr euch so vielem verwehrt, was den letzten Monaten maßgeblich war, seid ihr ein so wichtiger Bestandteil dieser Zeit. Die Zartheit eurer Stillleben bedeutet Opposition zur allgegenwärtigen Unruhe. Übersetzt in die Installation trägt sich dieser Kontrast in Form eines wabernden Synthesizer Noise Arrangements fort. Diesem zermürbenden Krach ausgesetzt finde ich Zuflucht in der Schönheit eures Innenraums.

Die Krisenhaftigkeit der letzten Monate wird noch lange nachhallen. Digital in unsere privaten Räume vermittelt wurden sie zu Orten, an denen sich räumliche Trennung zwischen verschiedenen Lebensaspekten auflöste und sich die Information der Welt komprimierte. Ihr als künstlerische Arbeit seid Teil eines Prozesses der temporären Entsagung, um mit der inneren Unruhe umzugehen. Abgewandt von der digitalen Information zeigt ihr die Zerbrechlichkeit einer individuellen Lebenswelt. Doch euch als Weltflucht hin zur reinen Ästhetik zu verstehen, wäre unrecht. Eure zeitweise Verweigerung neuer Information ist vielmehr Ausdruck der Auseinandersetzung mit bestehender. Die Zartheit eurer Erscheinung und die Zerbrechlichkeit des Raumes stehen im Kontrast der unbändigen Gewalt der Welt. In diesem Kontrast bezeugt ihr eine Selbstfindung, die die Vereinbarung der Pole in der Fragilität des künstlerischen Prozesses findet. 

Stopover 20/21: Elena Kruglova und Özlem Arslan

Elena Kruglova: rocket sience, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Özlem Arslan an Elena Kruglovas Serie »rocket sience«.

 

Space Mission

Without knowing what awaits me, I come forward and behold what you have to offer me. At first sight, everything seems familiar; flowers wrapped in plastic, a car, and glasses. However, I cannot help but feel that there is something else that lays behind the objects my eyes reflect upon in you. You are photographs dealing with objects one encounters in everyday life. Nevertheless, there is something unconventional about those objects. The longer I look at you, the more I feel myself detaching from the physical world. Slowly but yet firmly, you lure me into another place. I can neither escape nor can I stop you. So, I let go and just let myself get carried away by you.

Like an astronaut hovering weightlessly in space, I am being drawn deeper and deeper by you till I reach a place in which everything I knew is different. As if they were erased the moment you were captured. While I am floating freely in space like an environment you have pulled me in, I am starting to search and to explore my surrounding. Some of what I find excites me and some of it scares me. I discover colors, reflections, and functions I have not seen or suspected before. You let me enter into a world where suddenly the known becomes unknown. What do I do with these new discoveries?

Abruptly, I find myself in a position comparable to the one of a scientist, trying to find logic in the chaos I am lost in. You make me doubt and you make me question. Then, eventually, you let me find meaning in my space discoveries and let me gain new insights. You offer me a new perspective. A perspective different from everything I have seen before.  

I find myself rediscovering the meaning of the known and the unknown. I come to realize that there is a fine line that stands between them which I had not or rather refused to recognize before. I witness the experience of sudden change which can be shocking on the one hand but intriguing on the other. I become aware of the dilemma of acceptance and the difficulty of adjustment. All of these insights only through the space mission I was taken to by you, the unconventional photographs of what I used to believe to be the familiar.

Shunk-Kender. Kunst durch die Kamera

»Shunk-Kender. Kunst durch die Kamera«, Ausstellungsansicht. Foto: Alexandra Ivanciu, © GfZK.

Besprochen von Annekathrin Müller
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Ist Fotografie von Kunst auch Kunst? Dieses Thema steht im Zentrum der aktuellen Ausstellung im Neubau der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. Sie zeigt die Arbeiten des Künstlerduos Harry Shunk (1924–2006) und János Kender (1937–2009). Die minimalistische Präsentation korrespondiert mit der nüchternen Architektur des Ausstellungsraums und besteht hauptsächlich aus großen metallischen Schaukästen. Darin sind Abzüge analoger Schwarzweißfotografien montiert, deren Format an Arbeitsprints erinnert, auch einige Kontaktbögen befinden sich darunter. Das kuratorische Konzept zielt offenbar darauf ab, das Material frei von auratischer Aufladung erfahrbar zu machen. Das ist konsequent, fertigten Shunk-Kender ihre Arbeiten doch überwiegend zu Dokumentationszwecken an.
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Die beiden Fotografen produzierten Bildmaterial für Galerien, Verlage und Presse sowie auch direkt im Auftrag der Künstler*innen. Dabei gewähren sie Einblicke in eine aufregende Phase der Kunst, die mit spektakulären Aktionen die Grenzen des eigenen Selbstverständnisses zu sprengen versuchte. Die Aufnahmen in der Ausstellung stammen aus den 1950er bis 1970er Jahren und sind überwiegend in den großen Kunstzentren Paris und New York entstanden. Zu den Abgebildeten zählen so prominente und erfolgreiche Künstler*innen wie Andy Warhol, Yves Klein, Robert Rauschenberg, Niki de Saint Phalle oder Christo. Sie werden bei der Arbeit an ihren Werken, bei Happenings oder auf Ausstellungseröffnungen gezeigt, häufig aber auch ganz privat in ihrem persönlichen Umfeld. Es ist den Porträts durchaus anzumerken, dass Shunk-Kender selbst Teil dieser Szene waren. Mit vielen der Fotografierten waren sie gut bekannt und begleiteten sie zum Teil sehr lange.
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Die Arbeiten von Shunk-Kender sind jedoch auch als eigenständige künstlerische Bildwerke interessant, denn das Duo verstand es, fotografische Qualitäten – das Erfassen von Stofflichkeit, Mimik und Gestik oder das Spiel mit Licht und Schatten – gekonnt zum Einsatz zu bringen. Nach der Schenkung eines Teilkonvolutes an das Pariser Centre Pompidou im Jahr 2014 hingen die Bilder dort zunächst als Beiwerk in den Seitengängen der Ausstellungssäle, um über Leben und Wirken der »Nouveaux Réalistes« zu berichten, erzählte Florian Ebner, Leiter der Abteilung Fotografie am Centre Pompidou, als er durch die Leipziger Ausstellung führte. Die hier besprochene Präsentation gibt nun aber Gelegenheit, gezielt über Ästhetik, Wert und Aussagekraft des Bilderschatzes nachzudenken. Ein umfangreicher Katalog des Centre Pompidou, der im Zuge der Ausstellungsvorbereitung entstanden ist, bietet hierfür ebenfalls Anknüpfungsmöglichkeiten.
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Durch die Neukontextualisierung des Materials wird auch auf die vielfältigen Gebrauchsweisen von Fotografie hingewiesen. In diesem Zusammenhang kann zum Beispiel kritisch hinterfragt werden, welcher Status der zweckgebundenen Auftragsfotografie zugesprochen wird, wie mit der Rolle von Fotografie als Dokumentationsmedium umzugehen ist und was hiervon ins Museum kommt. Die Diskurse dazu sind angestoßen, die Neuaufwertung von Archivmaterialien und die Wiederentdeckung vergessener Konvolute haben eingesetzt. Neben der posthumen Würdigung Harry Shunks und János Kenders ist es insbesondere dieser Aspekt, der die Ausstellung zu einem wichtigen Beitrag macht.
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Die Ausstellung wurde vom Centre Pompidou Paris konzipiert sowie produziert und ist noch bis zum 6. Juni 2021 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig zu sehen. Kuratorinnen sind Chloé Goualc’h, Julie Jones und Stéphanie Rivoire, für die Präsentation in Leipzig ist Franciska Zólyom verantwortlich.
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Annekathrin Müller ist seit 2020 Studentin im M.A. Photography Studies and Research.

Stopover 20/21: Rosa Lisa Rosenberg und Jakob Schnetz

Rosa Lisa Rosenberg: Half Asleep Not Far from Fading, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Jakob Schnetz an Rosa Lisa Rosenbergs Serie »Half Asleep Not Far from Fading«.

 

Gravitation ohne Masse


Bevor ich darum weiß, finde ich mich an einem Ort wieder, den ich bereits zu einem unbekannten Zeitpunkt kartographiert und typisiert habe. Da ist diese Reifenschaukel, ein metallisch lautloses Pendel. Ich wende den Kopf zur Seite: textiles Flimmern, Handtücher.

In euch treffe ich quasi-autarke Bewegungen an, selbstgenügsam und scheinbar enthoben von Ursächlichkeit. Allein mit einem fragilen Indiz auf poröser Spur hilft mir nur meine Spekulation. Das Triviale, womöglich Beliebige und vielleicht auch Wehmütige in der Assoziation weicht schnell einem hoffnungslosen Begehren: Gäbe es eine Gegenleistung für meine Aufmerksamkeit, die euch vermutlich ohnehin gleichgültig ist, löst ihr sie nicht mit Kausalität ein.

Es drängt mich, den Kopf zu heben, den weiteren Raum zu erfassen, welcher, so glaube ich, einmal um euch herum existierte, doch wie von einer eigenartigen Trägheit erschlichen bleibt das Sehfeld gesenkt und starr. Ich spüre Gravitation, mit dem so seltsam unbeteiligten Blick; gedämpft, wie Geräusche eines lebendigen Alltags, die man als Fiebernder durch das halb geöffnete Fenster wahrnimmt.

Eine Vorahnung sickert aus euch, eine hypnotische Schwere, die sich, wenn auch nicht ganz unbehaglich, um mich legt wie ein sperriger Mantel. Meine Erinnerungen verspinnen sich mit euren; doch eure sind erzwungen und vieldeutig, meine schwer zu ergründen. Wenn ich erwache, begleitet ihr mich noch, für einen kurzen Moment?

Stopover 20/21: Julia Tillmann und Laura Niederhoff

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Laura Niederhoff an Julia Tillmanns Serie »Warum Wolken nicht vom Himmel fallen«.

 

Über den Verlust (1)

ZEIT

Ihr seid Fotografien, die von Verlust handeln. Davon, wie es ist, gehen zu müssen. Eure Ansichten in Schwarz-Weiß zeigen Momente des Flüchtigen, die sich in scheinbar Unscheinbarem vermitteln. Was bleibt nach dem Ende? Ein Knäuel Haare aus dem Abfluss einer Badewanne. Der zerbrochene Rahmen eines Stilllebens.

RAUM

Landschaften sind äußere Räume, die umschlagen können in Bewusstseinsräume. In Augenblicken von Traurigkeit ist es gerade die Schönheit des leeren Raumes, der die ehemals fest umrissenen Grenzen eines vergänglichen Ichs zu transzendieren vermag. Das bedeutet nicht, dass der Raum tatsächlich leer ist. Vielmehr ist er Spiegel des Ephemeren, was sich in der Oberflächentiefe von Gewässer, in der Konturlosigkeit des Himmels offenbart. Es sind solche Momente, in denen Gewissheiten von Raum und Zeit infrage gestellt werden.

ICH

Du weißt: Blau ist die Farbe der Sehnsucht. Blau steht für Konzepte der Ferne und Freiheit. In der Metaphysik der Romantik bezeichnete die blaue Blume die Suche nach der Erkenntnis des Selbst, aber auch den Versuch, das Unbegreifliche des menschlichen Lebens dingfest zu machen. Dingfestigkeit aber ist in den Zyanotypien, die du betrachtest, nicht zu ermitteln. Unfassbares schon. Auf den ehemals lichtempfindlichen Papieren machst du die Umrisse geisterhafter Gestalten aus, Schatten gleich, die sich im Moment ihrer Belichtung bereits wieder aufzulösen scheinen. Du stellst dir vor, dass die Zyanotypien im gleißenden Licht des Sommers entstanden sind – eines unwirklichen Sommers, der im kalkulierten Kontrollverlust der Chemigramme eingeschrieben ist.

POESIE DER FOTOGRAFIE

Was haben Lyrik und Fotografie gemeinsam? Kann es fotografische Gedichte geben? Du sagst ja. Denn Lyrik ist bildhafte Sprache. Die Fotografie wiederum nutzt den Effekt scheinbarer Realitätstreue, um Wirklichkeit zu schaffen und Beziehungen zu stiften. (2) Motive der Lyrik, die als Repräsentation von Zuständen in der Fotografie transportiert werden, bilden eine hybride Erzählstruktur, deren disparate Zeitlichkeiten Elemente einer vielschichtigen, expressiven Realität darstellen. Einer Realität, die stets von Neuem geschaffen und die immer wieder ergründet werden muss.

 

(1) Inspiriert von Marion Poschmann: Die Kunst der Überschreitung. In: dies.: Mondbetrachtung in mondloser Nacht, Berlin 2016, S. 135ff.
(2) Heinz Schmidt: Wie Bilder sprechen. In: ders.: Theologie und Ethik in Lernprozessen, Stuttgart 2003, S. 159ff.

Stopover 20/21: Samuel Solazzo und Isabelle Castera

Samuel Solazzo: Future Remnants of What Has Been, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Isabelle Castera an Samuel Solazzos Serie »Future Remnants of What Has Been«.

 

Aus einer letzten Datenbank der Natur

(Ein autopoietisches System erzählt…)

 

Auf der Suche nach den Resten des Sichtbaren
vergewissern wir uns über die Spuren der Zeit,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.(1)

Die Gesteinsschichten murmeln in Zwischentönen,(2)
raue Oberflächen absorbieren ein Echo im Raum,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

Wuchernde Fotosynthesen aus Reproduktionen
überlagern sich zu neuen Sinnzusammenhängen,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

Poröse Erinnerungen an eine materielle Welt,
gesammelt in einer letzten Datenbank der Natur,(3)
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

Unablässig füllen wir Lücken mit Informationen,
gießen Inhalte in die Gefäße der Gedächtnisse,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

An Bruchstellen im Asphalt öffnen sich die Poren,
ein Riss zieht die Grenzen unserer Vorstellbarkeit,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

Wir sind die Entscheidung für eine Möglichkeit,
Ahnungen gehalten in einem Schwebezustand,
bevor alles um uns herum verschwunden ist.

 

(1) In Anlehnung an: Jean Baudrillard: Warum ist nicht alles verschwunden?, Berlin 2018.
(2) Inspiriert von: Michel Foucault: Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1997, S. 43.
(3) Oliver Wendell Holmes: Das Stereoskop und der Stereograph. In: Wolfgang Kemp (Hg.): Theorie der Fotografie, Band 1, München 2006, S. 120.

Stopover 20/21: Silviu Guiman und Judith Böttger

Silviu Guiman: We Move Mountains, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Judith Böttger an Silviu Guimans Serie »We Move Mountains«.

 

Ihr seid wie das Gold

Ihr macht mir ein Angebot. Das Angebot, über eine Möglichkeit nachzudenken oder über eine  ganz andere. In der Möglichkeit, die sich mir eröffnet, seid ihr wie das Gold, das ihr zu zeigen behauptet.

Einige von euch lassen mich ein Stück Welt erkennen, ich kann euch verorten. Dann werde ich plötzlich wieder abgestoßen, mir fehlt die Referenz. Die physische Welt entzieht sich mir und entlässt mich in die Welt meiner Gedanken, in der ich euch eine mögliche Bedeutung zuschreibe. Denn eure Bedeutung, euer Wert ergibt sich erst in meiner Betrachtung, wenn ich euch mir aneigne. Ohne meinen Blick seid ihr nichts. Ihr seid wie das Gold.

Was ihr bedeutet, liegt nicht in euch. Euer Wert wird euch auferlegt. So sicher ihr euch meiner Bewunderung heute sein könnt, so ungewiss ist mein Beifall morgen. Denn ich werde mehr sehen, anderes sehen, vielleicht Besseres. Und dann verschiebt sich, was ihr seid und jemals sein könnt. Ihr seid wie das Gold.

Ich sehe keine Menschen, doch letztlich seid ihr von Menschen gemacht, für Menschen gemacht. Ich kann euch fragen, was ihr wollt. Doch eigentlich fragt ihr mich, was ich will. Es geht um mich. Ich bediene mich eurer und ihr bedient euch der Welt, um mir zu geben, was ich von euch erhoffe. Natur wird ausgebeutet, um den Durst des menschlichen Blicks zu stillen. Ihr seid wie das Gold.

Ich suche ein Stück Wahrheit in euch, eingebettet in kalten Stein. Ich muss sie freilegen, begegne auf dem Weg Behauptungen des Seins und Motiven, die sich meiner Erkenntnis verweigern. Was ich am Ende finden will, muss sich absetzen von all dem Staub, den ich beiseiteschiebe, muss die Arbeit wert sein. Ihr seid wie das Gold.

Stopover 20/21: Rebecca Racine Ramershoven und Jakob Schnetz

Rebecca Racine Ramershoven: How much time do you want?, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Jakob Schnetz an Rebecca Racine Ramershovens Serie »How much time do you want?«.

 

Das tastende Auge

Mit der Gewissheit des unangreifbaren Betrachters trete ich vor euch, die bewegten visuellen Parzellen.

Wo beginne ich zu sehen? Oder habe ich mich bereits entschieden, angezogen von der Eindeutigkeit der Gewalt der Schläge, die mich erhaben machen; ist es die aufreizende, geschmeidige, so bestimmte Bewegung des Fingers, die mich affiziert, das naive Grinsen, das zum Belächeln einlädt? Ohne die meisten der Filme in Gänze gesehen zu haben, kenne ich euch, die entnommenen Bilder; ich kenne diese Gesten, die Mimik, die Motive, zumindest glaube ich das. Noch fühle ich mich sicher, denn ihr seid nur Bilder, flüchtiger Code, eine Abfolge dezidierter mathematischer Befehle.

Ihr scheint Sinnlichkeit zu begehren, eine nuancierte Palette an Taktilität, und in eurem körperlosen Dasein macht ihr den Körper doppelt zum Thema. Diese Aufladung des Sinnlichen scheint durch eine digitale Körperlosigkeit noch verstärkt. Sichtbar ist die Haut, Schwarze Haut. An sie geknüpfte Gesten verheißen hier ungebremstes Gieren, kraftvolle Erotik, nahezu sadistische, affektierte Gewalt, übertrieben kindliche Komik, unterwürfiges Glück: eine Ansammlung widersprüchlicher Projektionen, die zugleich Angst und Anziehung erzeugt und sie in der vermeintlichen Evidenz von Haut fixiert (siehe Fanon, Frantz: Die erlebte Erfahrung eines Schwarzen. In: Dorothee Kimmich, Stephanie Lovarno, Franziska Bergmann (Hg.): Was ist Rassismus? Kritische Texte, Stuttgart 2016, S.129–144, hier S.136).

Wirkmächtige Stereotype, in Endlos. Die sichtbaren, körperlosen Körper sind des Menschlichen beraubt. Gefangen in der Wiederholung, lässt mich eure Endlosigkeit stocken, ich halte es kaum mehr aus. Noch bin ich voller Hoffnung, dass sich etwas ändert.

Das tut es nicht: Ich bin nervös. Ihr seid es auch.

Auch eure Sprachlosigkeit gibt mir keinen Halt, keine Ablenkung. Diese eure Stummheit wird nur von jenem eigentümlichen Knistern überlagert, das mich desorientiert. Aus rauschender Stille sprechen mich plötzlich die Stimmen von James Baldwin, Miriam Makeba, Audré Lorde und Toni Morrison direkt an, mich als Weißen - und lassen mich befremdet und zweifelnd zurück.

Kurz spüre ich eine unmittelbare Abwehrhaltung gegen Didaktik im Künstlerischen. Doch ist sie hier nicht eine Strategie der Verweigerung, die vor allem zeigt, wie sehr sie trifft? Steckt hinter der Didaktik nicht eine tiefe Müdigkeit und Wut, die mich angeht, eine schmerzvolle Leerstelle in mir?

Stopover 20/21: Xiaole Ju und Laura Niederhoff

Xiaole Ju: UTC +2 & 1 Essen NRW, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Laura Niederhoff an Xiaole Jus Serie »UTC +2 & 1 Essen NRW«.

 

Hallo,
kennen wir uns? Haben wir uns nicht schon mal getroffen? Dort drüben am Hauptbahnhof bin ich jedenfalls oft umgestiegen auf meinem Weg von Rüttenscheid nach Zollverein. Da müssen wir uns über den Weg gelaufen sein. Ja, genau da! Essen, das führst du mir wieder vor Augen, war erst Liebe auf den zweiten Blick. Daran erinnere ich mich noch genau: Graue Straßen. Grauer Himmel. Aber dann: das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein, wo das Quartier Nord der Folkwang Universität liegt. Oder die Rüttenscheider Straße, genannt Rü, mit ihren vielen Cafés, Bars und Imbissständen. In der Nähe das Folkwang Museum, die Philharmonie, das Aalto-Theater. Weiter im Süden noch liegen der Baldeneysee und die berühmte Villa Hügel.
 Aber ja, ich weiß! Das ist nicht das, was du mich sehen lassen willst. Du lenkst meinen Blick weg von den Klischees, weg von der Industrieromantik hin zum Alltag dieser Stadt. Auf die Bahnhöfe, die rot-weißen Straßenschilder und die unzähligen Kreisverkehre, die typisch sind für Essen. Und für deutsche Städte im Allgemeinen. Apropros Bahnhöfe: War es nicht Marc Augé, der in seinem Buch »Nicht-Orte« auf die flüchtige Raumkonstitution der Übermoderne verwies? »Paradoxon des Nicht-Ortes: Der Fremde, der sich in einem Land verirrt, das er nicht kennt (der ›durchreisende‹ Fremde), findet sich dort ausschließlich in der Anonymität der Autobahnen, Tankstellen, Einkaufszentren und Hotelketten wieder.« 
Manchmal habe ich mich verlaufen in der Stadt. Ich habe gehofft, dass sich unsere Wege kreuzen. Dann hätte ich dich angesprochen: Hallo, kennen wir uns?
Ortlose Grüße
Laura Niederhoff

Stopover 20/21: Florian Fäth und Paul Werling

Florian Fäth: Einheitsbrei, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Paul Werling an Florian Fäths Serie »Einheitsbrei«.

 

Mein Blick schweift durch die Innenstadt. Gleichheit und Austauschbarkeit der Fassaden füllen mein Blickfeld. Es ist eine konsumoptimierte Umwelt voller Fremdheit, Individualität kaum mehr als ein grelles Kaufversprechen ökonomischer Giganten. Ob ihr als fotografisches Kollektiv eine oder mehrere Städte abbildet, kann ich nur aufgrund eures Titels mit Sicherheit sagen. Ihr verschwimmt zu einem Wimmelbild kultureller Uniformität, das individuelle Referenz unbedeutend erscheinen lässt. Aber ist diese Uniformität letztlich nicht nur eine nachträglich konstruierte? Hebe ich meinen Blick über die Fassade des Erdgeschosses, so erkenne ich, wie viele der ursprünglichen Architekturen mit Scheinfassaden überzogen wurden. Die architektonische Einheit ist eine des Untergeschosses. Eure fotografische Verdichtung bestärkt diesen Eindruck. In dieser seriellen Punktierung führt ihr uns die kapitalistisch motivierte Einebnung ortsspezifischer Charakteristika deutlich vor Augen. Kann dies Sinnbild einer gelungenen Wiedervereinigung sein?

30 Jahre sind nun vergangen seit dem Tag der deutschen Wiedervereinigung. Die großen Reden von Einigkeit, Annäherung und Ebenbürtigkeit klingen bis heute nach. Bilder euphorischer Menschenmassen an der gefallenen Mauer und Festivitäten auf den Straßen der damals frisch geeinten Republik haben sich in unser kollektives Bildgedächtnis eingeschrieben. Heute müssen sie sich an einer Realität messen, die noch immer an den einstigen Versprechen hadert. Nach wie vor erinnern Unterschiede in Wohlstand, Ansehen, Sichtbarkeit und Repräsentation an die einstige Trennung. Doch dokumentiert ihr nicht Gegenteiliges? Ihr vermittelt ein Bild deutscher Innenstädte, die sich aufgrund ihrer Ähnlichkeit nicht verorten lasen. Ob ich eine Ladenfront aus Halle oder Darmstadt betrachte, vermag ich nicht zu sagen. Insofern sehen wir Bilder von Urbanität eines zumindest kapitalistisch vereinheitlichten Deutschlands. Eure Dokumentation dieser Angleichung entbehrt jedoch nicht der Kritik selbiger.

Die Wiedervereinigung war die Annäherung zweier ungleicher Staaten. Notwendigerweise war der Prozess geprägt von Entsagung und Kompromiss, doch als ebenbürtig kann diese Annäherung nur bedingt gelesen werden. In erster Linie waren es die neuen Bundesländer, die dem Alten entsagten und sich einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung unterordneten. In der Folge wurde ostdeutsche Kultur zusehends aberkannt und verwestlicht, die Wirtschaft in westdeutsche Hände privatisiert und die neue deutsche Einheit kompromisslos kapitalistisch geprägt. Ostdeutsche Marken verschwanden von der Bildfläche, der Einzelhandel wurde von Handelsketten überrollt und es dauerte nur wenige Jahre, bis die Innenstädte der kulturellen Uniformität angepasst waren. Der Kapitalismus ist in seiner Natur ein Prozess der Einverleibung, die Wiedervereinigung seine Bühne, eure Existenz die kritische Beglaubigung dessen.  

Stopover 20/21: Anne-Christine Stroje und Özlem Arslan

Anne-Christine Stroje: Der Geruch von Sommerregen, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Özlem Arslan an Anne-Christine Strojes Serie »Der Geruch von Sommerregen«.

 

Where and Who

Where are you from? – A question one is being often asked when meeting someone new. Actually, it is not the origin one is being asked to reveal by this question, but rather one’s identity. So, the conversation deepens, one question leads to another, and time flies without realizing it. Such conversations can set different emotions and feelings, such as unity, familiarity, and even magic.

Today, I met you and experienced all of that. You are photographs depicting nature and man-made, day and night, past and present, and most importantly, colors. Latter attracted my attention the most. I recognize the color blue, different kinds of greens, orange, and many others. The sky, the trees, the plants, the grass, the sand all reveal their true colors to me. Their honesty allows me to feel and to imagine their smell. I imagine myself being there, reliving what I believe to see.

Though, there is one color carrying itself through nearly all of you which reveals much more than any other color to me: the color blue. Blue is the color of the sky and the ocean. The color associated with stability, serenity, and wisdom. Through this color, I get to know the people returning my gaze in some of you. I find out about the value of man-made. Just like the glasses depicted in one of you. They are fragile, but yet present and significant. 

In between all of your colorfulness, there is also a part of you whose colors have faded. Looking at this part of you, in which you let the objects come forward, you unveil a glance at the past, to me. The past is a distant memory. It leaves traces within and is formative. It lets me feel nostalgic and takes me to a state of thoughtfulness.

You reveal a world to me. A world shaped by memories, people, and realities. You let me explore the roots, discover an essence and touch a soul. You give a new meaning to the expressions ›where‹ and ›who‹. So, there is nothing left to say for me other than I am pleased to meet each and every one of you!

Stopover 20/21: Amy Haghebaert und Isabelle Castera

Amy Haghebaert: They will be seen drifting above the clouds, all our blameless, childish hopes, 2020.

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Isabelle Castera an Amy Haghebaerts Serie »They will be seen drifting above the clouds, all our blameless, childish hopes«.

 

Im freien Fall

Ich vernehme den Wind, atme die würzige Waldluft kurz nach dem Regen ein und höre einige Vögel am Himmel an uns vorbeiziehen. Der Blick auf den Horizont lässt mich über die Möglichkeiten unseres Daseins nachdenken. Du hast mir einmal von Magrittes Pfeife erzählt, ich glaube, ich kann dich nun besser verstehen. Ich erkenne, dass unser Leben eine Kippfigur ist. Wir verlieren den Halt. Die Wirklichkeit spaltet sich unter uns auf und wir stürzen in die dort aufklaffenden Risse hinab. Im freien Fall ziehen die Erinnerungen an uns vorüber (Søren Kierkegaard: Der Begriff der AngstStuttgart 1992, S. 72). Hier sind wir, eingeklammert zwischen der inneren Unbeweglichkeit und dem Wunsch nach Veränderung. Wird sich das Blatt noch einmal wenden oder verraten wir uns, wenn wir dabei sind, den Sinn in eine andere Richtung umzukehren? (Siehe Michel Foucault: Dies ist keine Pfeife, München 1974.) Mir ist, als würden wir selbst in feine Partikel zermahlen werden. Zeit und Raum scheinen jetzt relativ zu sein. 

Die Tür unseres Gartenhauses steht gerade weit geöffnet, sollen wir zusammen über die Schwelle gehen? Von nun an lasse ich den Würfel für uns entscheiden.

Reinhard Matz, Wolfgang Vollmer: Köln von Anfang an

Besprochen von Steffen Siegel

Jedes Jahr am 6. Januar muss ich an eine kleine Begegnung im Kölner Dom denken. Es wird fünfzehn oder noch mehr Jahre her sein, dass ich dort in eine Gruppe spanischer Touristen geriet. Sie führten, Kirchenraum hin oder her, eine ziemlich heftige Diskussion und waren sich offenbar uneinig darüber, ob in jenem goldenen Schrein vor uns nun wirklich die Reliquien der Heiligen Drei Könige liegen oder aber nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine besonders kluge Idee war, ausgerechnet mich um Aufklärung in dieser Sache zu bitten. Jedenfalls war ich überrumpelt genug, um wenig überzeugend »na das wird schon so sein« zu stammeln. Wer weiß, vielleicht denkt ja gerade heute, am Dreikönigstag, in Spanien der eine oder die andere an die gemeinsame Köln-Reise zurück?

Seit dem Jahr 1164 befinden sich die Reliquien am Rhein, und selbstverständlich gehört der prachtvolle, wenige Jahrzehnte später entstandene Schrein zu jenen Objekten, mit deren Hilfe Reinhard Matz und Wolfgang Vollmer fast zweitausend Jahre Stadtgeschichte erzählen. Ihr gerade eben erschienenes Buch »Köln von Anfang an« ist bereits der vierte Band – und doch zugleich der erste. Vor allem aber ist er eine Überraschung. Denn mit den drei Teilen »Köln vor dem Krieg«, »Köln und der Krieg« sowie »Köln nach dem Krieg«, die zwischen 2012 und 2016 erschienen waren, konnte diese Reihe eigentlich als abgeschlossen gelten. Matz und Vollmer hatten die drei Bände jeweils als ein reich kommentiertes stadtgeschichtliches Fotoalbum angelegt. Für die Zeit vor dem Jahr 1880 aber, mit dem sie »Köln vor dem Krieg« einsetzen ließen, ist die fotografische Überlieferung eher überschaubar; und ohnehin kann sie nicht weiter als in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreichen.

Mit dem nun publizierten Auftaktband musste also zwangsläufig das ursprünglich angelegte Editionsprinzip verlassen werden. Und doch handelt es sich bei »Köln von Anfang an« um einen Bildband, der mit ganzer Kraft die Möglichkeiten der Fotografie ausspielt. Der Grund hierfür steht zum einen auf dem Titelblatt und dann wieder auf den Seiten 387 und 388, wo sich die Bildnachweise befinden. Zwar treten mit Reinhard Matz und Wolfgang Vollmer bei dieser Buchreihe zwei Autoren in Erscheinung, die als Publizisten und Kuratoren, Hochschullehrer und Kritiker arbeiten. Doch sollten sie – trotz der Vielfalt ihrer professioneller Rollen – wohl zuallererst als Fotografen angesprochen werden. »Köln von Anfang an« blättert die überreiche Stadtgeschichte anhand hunderter Quellen auf; und zu einem bemerkenswert großen Teil wurden diese Objekte von Matz und Vollmer fotografisch interpretiert. Was genau dies heißen kann, lässt sich zum Beispiel an Detailaufnahmen des Chorgestühls aus dem Kölner Dom wunderbar beobachten.

Im Medium des Fotobuchs werden Stadtgeschichten schon seit wenigstens einem Jahrhundert erzählt. Blickt man auf unsere eigene Zeit, ist wohl vor allem die Buchserie »Images of America« beispielgebend geworden. Aktuell vertreibt der Verlag Arcadia Publishing in dieser erst vor zwei Jahrzehnten gegründeten Reihe nicht weniger als 8.145 Titel! Was hier auf stets 128 Seiten als eine Art Best-of lokaler Stadt- und Zeitungsarchive geboten wird, hat allerdings wenig zu tun mit jener editorischen Sorgfalt und historiografischen Sachkenntnis, mit der Matz und Vollmer ihre vier Köln-Bücher eingerichtet haben. Neben den bestechend gut gedruckten Fotografien betrifft dies nicht zuletzt die Texte: detaillierte Bildunterschriften sowie, im Fall des nun erschienenen Bandes von Tacitus bis Johanna Schopenhauer, Auszüge aus stadtgeschichtlich interessanten Quellen. Ganz besonders lesenswert sind aber vor allem launige Miniaturen, in denen Reinhard Matz die einzelnen Epochen schlaglichtartig erzählt und dabei lakonisch kommentiert.

Wer es übrigens noch genauer, dann aber auch wirklich ausführlicher wissen will, der sollte zu jener »Geschichte der Stadt Köln« greifen, die seit 2004 im selben Verlag erscheint und nach Abschluss einmal ganze dreizehn Teile umfassen soll. Ihr dritter Band zu »Köln im Hochmittelalter« ist bereits vor vier Jahren herausgekommen; und dort ließe sich dann auch die Geschichte zu den Reliquien der Heiligen Drei Könige, zu König Barbarossa und dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel ganz genau nachlesen.

Reinhard Matz, Wolfgang Vollmer: Köln von Anfang an. Leben, Kultur, Stadt bis 1880, Köln (Greven) 2020. 392 Seiten, 402 Farbabbildungen, 24 × 29 cm, Leinen mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-7743-0923-4.

»Und so etwas steht in Gelsenkirchen«

Besprochen von Steffen Siegel

Neben so vielem anderen wird 2020 als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem man sich besser beeilt hat, soeben eröffnete Ausstellungen anzusehen. Andernfalls riskiert(e) man, vor verschlossenen Museumstüren zu stehen. Eine dieser vor der Zeit geschlossenen Ausstellungen ist »›Und so etwas steht in Gelsenkirchen…‹. Kulturbauten im Ruhrgebiet nach 1950«. Derzeit wäre sie eigentlich noch im Museum Folkwang zu sehen. Zehn Jahre nach Eröffnung von David Chipperfields Erweiterungsbau an der Essener Bismarckstraße wollte und will diese Ausstellung den kaum vergleichbaren Reichtum von Kulturbauten in den Blick nehmen, der sich auf dem geografisch so engen Raum des Ruhrgebiets als ein architektonisches und städtebauliches Ereignis erfahren lässt. Spreche ich aber vom Museum Folkwang an der Bismarckstraße, so beziehe ich mich unter der Hand bereits auf unsere eigene Gegenwart. Denn das Museum konnte man im Lauf von fast einhundert Jahren schon von allen Himmelsrichtungen aus betreten – Kulturbauten sind Architekturen im fortlaufenden Wandel.

Wer es genauer wissen will, sollte nach Dortmund ins Baukunstarchiv NRW fahren. Seit 2018 sitzt diese dem architekturgeschichtlichen Gedächtnis des Bundeslandes verpflichtete Institution im einstigen Museum am Ostwall (noch so ein fortlaufender Wandel). Aber auch dort sind derzeit natürlich die Türen verschlossen. Es bleibt derzeit nur ein Griff zu jenem Buch, das Hans-Ulrich Lechtreck, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel herausgegeben haben – dessen Lektüre ist jedoch das Gegenteil einer Verlegenheitslösung. Es handelt sich um eine 400 Seiten starke Schatzkiste aus Bildern und Texten. In ihrem Zusammenspiel simulieren sie einen stöbernden Gang durchs Archiv: Es werden Archivboxen und Fotoalben geöffnet, Planschränke aufgezogen und Baupläne entrollt.

»Miniaturen« haben die Herausgeber*innen eine erste Gruppe von Texten genannt, in denen die Geschichte wichtiger Kulturbauten vorgestellt und die architektonischen Ideen diskutiert werden. Natürlich darf hier das »Musiktheater im Revier« nicht fehlen, immerhin bezieht sich der Buchtitel samt Yves-Klein-Blau auf diesen spektakulären, 1959 in Gelsenkirchen eröffneten Theaterneubau. Genauer betrachtet werden im Ganzen elf architektonische Meilensteine, darunter das Josef-Albers-Museum Quadrat in Bottrop, die Mercatorhalle in Duisburg (sie wurde vor wenigen Jahren abgerissen und durch ein CityPalais ersetzt, das genauso trist aussieht wie es heißt) oder das mit jahrzehntelanger Verspätung in den späten 1980er Jahren gebaute Aalto-Theater in Essen. Eine zweite Gruppe von Texten versammelt Essays – und diese lassen sich als eine exemplarisch am Ruhrgebiet entwickelte und brilliant zugespitzte Einführung in die Probleme von Architekturgeschichte, Bautypologie sowie Stadt- und Regionalentwicklung lesen.

Mit Blick auf verschiedene Neu- wie Umbauprojekte für Konzerthäuser im Ruhrgebiet wurde in jüngerer Zeit immer wieder kritisiert, dass die Städte des Ruhrgebiets in einen finanziell ruinösen Wettbewerb getreten sind, statt auf Kooperation und Aufgabenteilung zu setzen. Ganz falsch mag das nicht sein. Dennoch übersieht diese Kritik, welcher Reichtum in den zurückliegenden Jahrzehnten im Ruhrgebiet gerade deshalb entstanden ist – nicht allein architektonisch, sondern sehr viel mehr noch gesellschaftlich. Benannt ist damit die gar nicht so heimliche These des Buches: Wer Theater, Museen, Konzerthäuser oder Kinos baut, errichtet gesellschaftliche Mittelpunkte von dauerhaftem Wert. Zur Logik der »großen Stadt« zwischen Ruhr und Emscher gehört aber eben auch, dass es sich um eine polyzentrische Struktur handeln muss. Auf diese Weise existieren zum Beispiel im Ruhrgebiet nicht weniger als fünf Opernhäuser mit festem Ensemble (in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Dortmund und Hagen) – das sind zwei mehr als in Berlin und drei mehr als in München.

Bereits vor zehn Jahren ist unter dem wunderbaren Titel »Auf den zweiten Blick. Architektur in der Nachkriegszeit in Nordrhein-Westfalen« ein (übrigens immer noch lieferbares) Buch erschienen (Mitherausgeber war auch seinerzeit schon Werner Sonne), das ich nicht allein liebe, sondern das ich spätestens seit meinem Wechsel an die Folkwang Universität und damit mitten ins Ruhrgebiet auch wie einen Reiseführer benutzt habe. Geografisch und thematisch fokussierter im Zuschnitt, aber vergleichbar opulent in Bild- wie Kommentarteil wird »Und so etwas steht in Gelsenkirchen…« etwas ganz Ähnliches leisten können. Und darf man sich, da ja Weihnachten vor der Tür steht, sogleich eine Fortsetzung wünschen? Das Museum Küppersmühle in Duisburg, direkt um die Ecke das Landesarchiv NRW, das Gasometer in Oberhausen, das Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein in Essen, das Musikzentrum Bochum, das Theater Dortmund, der Erweiterungsbau im Osthaus Museum in Hagen, das LWL Museum für Archäologie in Herne – an bemerkenswerter Architektur wäre wirklich kein Mangel, auf den ersten wie auf den zweiten Blick.

Hans Jürgen Lechtreck, Wolfgang Sonne, Barbara Welzel (Hg.): »Und so etwas steht in Gelsenkirchen...« Kultur@Stadt_Bauten_Ruhr, Dortmund (Kettler) 2020. 400 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Klappenbroschur, 20 × 24 cm,  ISBN: 978-3-86206-835-7.

David Campany: On Photographs

Besprochen von Judith Böttger

Jede Forschungsdisziplin bildet im Lauf der Zeit ihren ganz eigenen Kanon aus. In der Literaturwissenschaft gehört Gérard Genettes »Die Erzählung« (1998) zur Pflichtlektüre, für die Fototheorie ist ein vergleichbarer Klassiker mit Sicherheit Susan Sontags »On Photography« (1977). In kritischer Absicht diskutierte Sontag in den sieben Essays dieses Buches die Fotografie als ein soziales und künstlerisches Phänomen. Dabei vergleicht sie zwar verschiedene fotografische Positionen, konkrete Bilder werden dabei jedoch eher gestreift.

Unübersehbar bezieht sich David Campany mit dem Titel seines in diesem Jahr erschienenen »On Photographs« auf Sontags Klassiker. Als Programmdirektor des International Center of Photography in New York ist Campany ein ausgewiesener Kenner der Fotografie, und erst jüngst war er Gastkurator der Biennale für aktuelle Fotografie in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg. In seinem neuen Buch versucht er, durchaus im Unterschied zu Sontag, den Bogen vom einzelnen Bild hin zur Fotografie im Allgemeinen zu spannen.

Die Konzeption des Buches überzeugt durch Stringenz: 120 Fotografien, 120 Texte. Man kann jede Doppelseite als ein individuelles Diptychon lesen, oder aber man begreift »On Photographs« als einen einzigen, umfassenden Essay. Anders gesagt: Man kann sich für eine Lektüre in gut verdaulichen Häppchen entscheiden oder durch ein kontinuierliches Lesen am Stück Querverbindungen herstellen. Dabei ist die Auswahl der Fotografien und der dahinterstehenden Fotograf*innen überraschend: Neben Klassikern (zum Beispiel Eugène Atget, Lee Friedlander, Vivian Maier, Henri Cartier-Bresson) greift Campany auch auf eher unbekannte Künstler*innen zurück. Die Reihenfolge seiner Bildbesprechungen folgt dabei keiner erkennbaren zeitlichen oder räumlichen Ordnung – als Leser*in wird man auf diese Weise angeregt, selbst assoziative Brücken zu schlagen. So fällt auf, dass in vier aufeinander folgenden Fotografien die Bewegung das Leitmotiv ist. Zur Sprache kommen hier Bilder von Eadward Muybridge, Frank and Lillian Gilbreth, Étienne-Jules Marey und John Baldessari.

Die essayistischen Texte, die Campany den Fotografien zur Seite stellt, sind gespickt mit (werk-)biografischen Anekdoten, historischen Bezügen und legen den Fokus darauf, wie über Fotografien nachgedacht werden kann. Häufig gelingt es Campany sehr gut, fototheoretische Bezüge herzustellen, beispielsweise wenn er über die vermeintliche Diskrepanz zwischen Betrachtungs- und Bildzeit (S. 52) oder über Autorschaft (S. 40) nachdenkt. An einigen Stellen bedient Campany jedoch Klischees, die ins Kitschige abzugleiten drohen: »A photograph is a trace, and so is a lipstick kiss, but what is a trace, exactly? It is a presence that marks an absence, and as such its meaning can never be exact.« (S. 100)

Bild und Text weisen bei Campany über sich hinaus und stehen in einem größeren diskursiven Kontext. Es ist zwar eine große Qualität des Buches, vom Spezifischen zum Allgemeinen zu verweisen, andererseits geht dadurch aber gerade das verloren, was »On Photographs« eigentlich von »On Photography« unterscheiden sollte: die methodische Konzentration auf die einzelne Fotografie. Einige Texte sind so biografisch, dass man bis zum letzten Satz warten muss, bis überhaupt auf das spezifische Bild Bezug genommen wird. »Café, Paris« (1959) von Saul Leiter wird im dazugehörigen Text noch nicht einmal erwähnt, hat also kaum mehr als illustrativen Charakter. David Campany bietet eine niedrigschwellige Erzählung zur Fotogeschichte, sie hätte aber durchaus auch »On Photographers« heißen können.

David Campany: On Photographs, London (Thames & Hudson) 2020. 264 Seiten, Hardcover, 22,3 × 18,1 cm, ISBN: 978-0-500-54506-5.

Judith Böttger studiert seit 2019 an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research.

Svetlana Alpers: Walker Evans. Starting from Scratch

Reviewed by Paul Mellenthin

The year 2020 took off with promising news: Princeton University Press announced a new biography of Walker Evans (1903–1975) by Svetlana Alpers. As Professor Emerita of art history at the University of California, Berkeley, Alpers is well-known for her provoking work on Dutch painting. However, American photo history did not belong to her fields of expertise. Considering her past research, we would expect Alpers to tell us what is great––yes, emphatically »good« or »important«––about the pictures Evans took. In short, what makes them a work of art?

It is undoubtedly unprecedented to relate a sketchbook by Paul Cézanne to a negative strip or reckon Pieter Bruegel’s representation of Flemish peasants regarding Evans’ view of black American culture. In her characteristically idiosyncratic and associative way, Svetlana Alpers draws connections to various artistic traditions. However, more historic and strictly positive traditions are spotted as well: In 1926, Evans spent time in Paris, where he studied French nineteenth-century literature, namely Gustave Flaubert and Charles Baudelaire. A year later, after returning to New York, he discovered the work of Eugène Atget. The French photographer would become the most influential reference for Evans’s style and subject choice, his »idol.«

In her account, Alpers touches on the general problem of describing visual phenomena. And she offers a solution: arguing by analogy. For instance, by learning about Flaubert’s modern writing techniques, we are expected to understand how Evans accomplished invisibility as a photographer, how he managed to disappear and stay present all the same. His photographs characteristically develop a kind of visual imparfait: immediate, sober, and attentive to detail––or »literary, a way of telling, although not with words.« His passion for language is a recurrent theme throughout his career. Simply put, he loved to read and write.

As Alpers’ inquiry moves chronologically forward, a sense of consistency is apparent. In 1933, we join Evans, traveling to revolutionary Cuba. While staying with Ernest Hemingway, he did not take a single portrait. Instead, he watched the Cuban society from the bottom up: photographing men on the streets. When, in 1938, Evans famously published »American Photographs« with works he realized for the Farm Security Administration, or FSA, he turned his attention to the unrecognized. And again, years later, the same Evans took Polaroid photographs when riding the New York subways–– »Evans was, and is, interested in what any present time will look like as the past.« Alpers successfully deciphers this enigmatic statement making it a general formula to understand his approach. She argues that the border of past/present (and not high/low) challenged him.

The book does not tire of emphasizing the distinctiveness of what and how it has been photographed. Alpers is most convincing when she looks at Evans working as a photographer. Her account carefully pays attention to his changing equipment, and she links the printed images to his editing practice. We intimately follow his ways of developing an idea of something––Alpers refers to it as »Evans’ eye.« But is it the eye of an artist? »Perhaps,« resumes Alpers, »it is precisely the indefinability of photography––art or not art and what it is for––that gives its special grace.« Albeit this core question remains unanswered, the neatly edited catalog, comprising c. 150 plates, gives expression to what the volume achieves. It is an exercise in looking at photographs slowly, thus carefully; it is an exercise in developing an eye.

Svetlana Alpers: Walker Evans. Starting from Scratch, Princeton (Princeton University Press) 2020. 416 pages, 15 color and 170 black/white illustrations, 6.13 × 9.25 in. ISBN: 978-0-691-19587-2

Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen

Besprochen von Steffen Siegel

Martin Heidegger hat einmal eine Vorlesung über Aristoteles mit dem Satz eröffnet: »Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb.« Damit war alles gesagt, was es über die Biografie des antiken Philosophen zu berichten gab; allein das Werk sollte zählen. Es hat schon seinen guten Grund, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eher selten ihre Autobiografie schreiben. Sieht man einmal von endlosen Kommissionssitzungen ab, so mag aus der Innenperspektive das Leben am Schreibtisch und im Seminarraum ereignisreich und spannend erscheinen, aus der Außenperspektive muss das nicht wirklich so sein.

Wenn aber die Ethnologin Heike Behrend ihre Autobiografie vorlegt, ist das etwas anderes. Um es vorwegzunehmen: Ihr Buch »Menschwerdung eines Affen« ist ein begeisternde Lektüre. Dabei blickt die Wissenschaftlerin auf den fast 300 Seiten nicht auf ihre äußeren Lebensumstände zurück, die spielen sogar auf fast irritierende Weise gar keine Rolle. So wird etwa ihre Berufung auf eine Professur an der Kölner Universität ganz nebenbei in einer Fußnote erwähnt. Im Zentrum dieses Buches stehen vielmehr vier Forschungsprojekte, die sie im Lauf von gut vierzig Jahren verfolgt hat und die schließlich jeweils in Büchern gemündet sind. Besichtigt werden die sich stets über viele Jahre ausdehnenden Umstände ihrer Entstehung, ihre Voraussetzungen und Probleme.

Als Ethnologin ist Heike Behrend eine Spezialistin für den Osten Afrikas. Vor allem nach Kenia und Uganda ist sie dabei immer wieder zu Forschungsaufenthalten gereist und ist dabei bemerkenswert unterschiedlichen Interessen nachgegangen. In ihren Projekten ging es um Zeitvorstellungen und Geisterglauben, um (vermeintlichen) Kannibalismus und fotografische Praktiken. Vor allem aber ging es stets um mehr als eine ethnografische Perspektive auf »die Anderen«. Behrend formuliert in ihrem Buch eine eindrucksvolle Kritik an der eigenen akademischen Disziplin und auch an sich selbst. Oder positiv gewendet: Es ist ein Plädoyer dafür, die ethnografische Forschung als eine Interaktion zwischen gleichberechtigten Partnern ernst zu nehmen. Wer als Ethnograf*in in Afrika oder anderswo forscht, muss davon ausgehen, auch selbst ein Gegenstand der Forschung zu sein. Und immer schon trifft man auf die Spuren von ganz anderen »Anderen«: von jenen Forscher*innen, die bereits zuvor anwesend waren.

Wegweisende Bücher von Christopher Pinney, Elizabeth Edwards und nicht zuletzt von Heike Behrend haben bereits vor Jahren (und inzwischen Jahrzehnten) gezeigt, wie wesentlich Fotografie und Film für die ethnografische Forschung geworden sind – und zugleich wie abgründig dieser Mediengebrauch all zu oft gewesen ist. Es ist daher keineswegs eine Übertreibung, wenn man behauptet, dass die Ethnologie für eine an dekonstruktiver Kritik interessierte Fototheorie einen paradigmatischen Fall darstellt. Behrend legt in ihrem Buch den Akzent auf begangene Fehler und Irrwege, auf Missverständnisse und das Scheitern. All dies legt Differenzen frei, die weit über das Erkenntnisinteresse der Ethnologie hinausreichen, allemal in einer Zeit, in der wir endlich damit beginnen, das »Post« im Begriff des Postkolonialismus noch einmal kritisch zu befragen.

Eine kleine Warnung zum Schluss: Wer sich in besonderer Weise für die Rolle der Fotografie interessiert, sollte keineswegs nur das vierte Kapitel lesen, in dem Behrend über die Umstände ihres 2013 erschienenen Buches »Contesting Visibility« berichtet sowie über die an verschiedenen Orten gezeigte Ausstellung »Snap me one! Studiofotografen in Afrika«. Wer hier vorblättert, dem entgeht in diesem Buch ganz Wesentliches. Behrend hatte den zyklischen Zeitvorstellungen bei den Tugen im nordwestlichen Kenia ein ganzes Buch gewidmet: »Die Zeit geht krumme Wege«. Gar nicht so anders ist es mit ihrem Interesse an Fotografie und Film: Als ein zyklisch einsetzendes Leitmotiv kehren sie in ihren Forschungen immer wieder zurück.

Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung, Berlin (Matthes & Seitz) 2020. 280 Seiten, Hardcover, 14,5 × 22 cm, ISBN: 978-3-95757-955-3.

21 Briefe an die Fotografie

21 lettres à la photographie, Installationsansicht im Museum Folkwang Essen. Aufnahme: Jens Nober.

Besprochen von Maxie Fischer

Seit mehr als zehn Jahren erhalten 140 Personen im deutschsprachigen Raum, die im Ausstellungs-, Redaktions- und Verlagswesen tätig sind, in losen Abständen anonym verfasste Briefe. Das Museum Folkwang in Essen gibt eine erste Antwort und zeigte die Briefe nun als fotografisches Manifest. Jeder der versandten Briefe beinhaltet ein gefalztes Blatt Papier, dessen Vorder- und Rückseite eigene oder angeeignete Fotografien zeigt, gedruckt in einem gewöhnlichen Copyshop, verschickt in einem ebenso gewöhnlichen Briefumschlag aus Recyclingpapier im DIN Lang Format. Ein blauer Stempel benennt den Absender: 21.lettres.a.la.photographie@gmx.de.

Nun wird viel über die Autor*innenschaft spekuliert, aber geht dies nicht am eigentlichen Kern der Arbeit vorbei? Müsste die Frage nicht lauten: Was sehen wir in der Fotografie, wenn die Urheberschaft unbekannt ist und jede Kontextualisierung verwehrt wird? Zurückgeworfen auf das eigentliche Werk, wird der Zustand der zeitgenössischen Fotografie augenfällig. Wir spekulieren. Die Briefe sind ein Geflecht aus Referenzen, Metaphern, Aufforderungen und Verweigerungen. Doch was sehen wir eigentlich?

Brief #3 scheint die moralischen Grundfeste von Museumspolitik zu hinterfragen. Als Aufhänger dient die 26 Jahre währende Sponsoring-Vereinbarung zwischen dem Ölkonzern BP sowie der Tate Britain und der Tate Modern, dargestellt mit einer demonstrativen Zeigegeste auf ein Meeresbild und einer 24 Stunden Waschanlage des Unternehmens. Trotz Protesten und Debatten um die Tragfähigkeit dieser Zusammenarbeit, hielt die Tate an BP fest. Erst 2016, sieben Jahre nach dem Brief, beendete BP das Sponsoring. Die Fragen um die Machtstrukturen im Kunstbetrieb, Aufmerksamkeitsökonomien und faire Verdienstmöglichkeiten reißen indes nicht ab.

Ähnlich gesellschaftspolitisch und im Zeitgeschehen verankert wirkt Brief #9. In vier Teile zerrissen, wird auf dem wieder zusammengefügten Papier der Schriftzug Madame Curie“ lesbar. Ein Verweis auf Marie Curie, die mit ihrer Forschung zu Uranverbindungen das Unsichtbare sichtbar machte und dafür den Begriff der Radioaktivität prägte. Der Brief stammt von 2011, dem Jahr der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Der Fotografie hängt ebenso das Paradigma der Sichtbarkeit an, dafür steht auch der im Brief befindliche Schnipsel Fotopapier, der erst mit dem Öffnen des Briefes belichtet wird. Doch wie hat die Fotografie auf die Unfallserie in dem Kernkraftwerk reagiert? Was hat sie sichtbar gemacht?

Das unverhüllte weibliche Geschlecht in Brief #14 erinnert gleichermaßen an Gustave Courbets Ölgemälde »Ursprung der Welt« und Man Rays fotografische Geschlechterstudien. Doch handelt es sich um ein vielfach zitiertes Motiv der Kunstgeschichte, Pornografie oder die unverstellte Betrachtung einer Vulva? Der letzte Brief wurde 2019 versandt. Er zeigt ein Shirt, auf Höhe des Herzens liegt ein Gehirn. Ein Kommentar auf die menschenverachtenden Zustände in der Textilindustrie? 

Mit der Ausstellung »21.lettres.a.la.photographie@gmx.de« machte das Museum Folkwang die Briefe erstmals öffentlich. Sie waren bisher ausschließlich an Personen adressiert, die mit Fotografie arbeiten, Kunst schaffen, Ausstellungen kuratieren, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher füllen. Ganz im Verständnis der Mail Art stehen die Beziehung zwischen Personen und ihrem Handeln im Fokus des Werks. In diesem Sinne lassen sich diese als Mittel der Kommunikation verstehen, um einen Dialog zwischen den Empfänger*innen zu initiieren. Zumindest die Fragen in Brief #6 sollte sich jede Person stellen, die im Kunstbetrieb agiert: Wer sind Sie? Was wollen Sie? Warum sind Sie hier? Was machen Sie damit?

Gezeigt werden die Briefe als künstlerisches Manifest, fotografische Absichtserklärung und ästhetisches Programm. In diesem Zusammenhang provozieren die Briefe eine andere Sichtweise auf Anonymität, die Personen abseits der bekannten Zirkel Interaktion und Zugang zu Institutionen ermöglichen und auch die Rezeption zugunsten des Werks verschieben kann. Ganz simpel mit Nadeln an die Wand angebracht, wird die Einfachheit der postalischen Sendungen noch betont, die zwar mit unterschiedlichen Materialien arbeiten, jedoch keine Unterschiede in der Wertigkeit zwischen Papierausdruck, C-Print oder Silbergelatineabzug machen. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Absender per eMail erarbeitet. Ihr ging der Ankauf der Arbeit für die Sammlung voraus. Ob man deswegen Überlegungen zu einer institutionellen Vereinnahmung der Briefe anstellen muss, sei dahingestellt. Viel wichtiger ist die Frage, was wir in der Fotografie sehen.

Zu sehen war die Ausstellung »21.lettres.a.la.photographie@gmx.de« vom 19. Juni bis zum 8. November 2020 im Museum Folkwang Essen.

Adrian Sauer: Foto Arbeiten

Besprochen von Steffen Siegel

Als wir für unsere neue Website die Rubrik »Kritik« vorbereiteten, hatten wir dafür insgesamt drei Kategorien vorgesehen: Ausstellung, Fotobuch und Wissenschaft. Doch haben wir gewiss nicht damit gerechnet, einmal alle drei zugleich zu benötigen. Adrian Sauers Buch »Foto Arbeiten«, das gerade eben im Kerber Verlag erschienen ist, beweist nun jedoch das Gegenteil. Publiziert wurde es anlässlich einer Retrospektive auf Sauers reiches künstlerisches Werk, die vor wenigen Tagen im Oldenburger Kunstverein zu Ende gegangen ist. Konzipiert ist es aber nicht als ein anlassbezogener Katalog, sondern vielmehr als ein Künstlerbuch, das die temporäre Werkschau nun dauerhaft zwischen zwei Buchdeckeln sichert.

Mehr als zehn Jahre sind inzwischen vergangen, seit Adrian Sauer in sogleich drei schmalen Bänden seine viel beachtete Arbeit »16.777.216 Farben« auch als Buch publizierte. Wie bereits seinerzeit hat Sauer auch dieses Mal mit der Gestalterin Anna Lena von Helldorff zusammengearbeitet –– und das Ergebnis ist neuerlich hervorragend. Doch geht er mit »Foto Arbeiten« nun einen anderen Weg: Nicht eine einzelne Werkgruppe steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern eine über einzelne Werke hinausgreifende Fragestellung; und mit ihr ein künstlerisches Verfahren, das in Form von Bildern zu Antworten gelangt.

Es hat sich herumgesprochen, dass Sauer wie kaum ein zweiter Fotokünstler ebenso hartnäckig wie konsequent den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Bildlichkeit nachgeht – ihren Produktionsweisen, Zeigeformen und Gebrauchszusammenhängen. Ohne den Anspruch zu erheben, wissenschaftliche Aussagen zu treffen, zielen seine im Bild (und meist in Bildserien) formulierten Thesen aber doch auf gerade jene Fragen, die in den wissenschaftlichen Debatten unserer Gegenwart geführt werden, wenn es um Digitalität und CGI geht, um Wahrheitsansprüche und Bilderskepsis. Sauers Buch war wirklich überfällig, denn endlich ist damit ein Kompendium zur Hand, das die Vielfalt seiner künstlerischen Antworten auf mehr als 250 Seiten zusammenführt.

In einem Anhang werden überdies alle Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen aus inzwischen fast zwei Jahrzehnten minutiös aufgelistet. Darunter befindet sich natürlich auch »Über die Sprachen der Fotografie – eine Möglichkeit«, die Sauer auf Einladung von Elke Seeger im Rahmen des Festivals »Try again, fail again, fail better – Impuls Bauhaus« einrichtete und die im vergangenen Jahr bei uns an der Folkwang Universität der Künste im SANAA-Gebäude zu sehen war. Diese Ausstellung wird in einem eigenen Kapitel umfassend vorgestellt. Schließlich lässt sich, von »AGB« bis »User/Consumer«, auch jenes Glossar vollständig nachlesen, das in Essen seinerzeit akustisch präsent war.

Als Künstler muss Adrian Sauer gewiss nicht erst noch entdeckt werden. Dennoch kommt sein neues Buch gerade zur rechten Zeit. Denn mit ihm werden Vielfalt wie Aktualität seines Werks in ihrem Zusammenhang verständlich gemacht –– der Titel des Buches spricht es deutlich genug aus: als eine fortgesetzte Arbeit an den Grundlagen fotografischer Bildlichkeit.

Adrian Sauer: Foto Arbeiten, hrsg. von Galerie Klemm’s (Berlin) und Galería Helga de Alvear (Madrid), Berlin, Heidelberg (Kerber Verlag) 2020. 256 Seiten, Hardcover, 18,7 × 25,7 cm, 616 farbige und 85 s/w Abbildungen, ISBN 978-3-7356-0720-1.

André Gunthert: Das geteilte Bild

Besprochen von Matthias Gründig

Unter dem Titel »Das geteilte Bild« erschien 2019 erstmals eine Sammlung von Aufsätzen des französischen Fotohistorikers André Gunthert, der an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris lehrt, in deutscher Übersetzung. Das Original, »L'image partagée« (Éditions Textuel), wurde bereits vier Jahre zuvor publiziert, was in Hinblick auf den Inhalt der zwölf – bzw. dreizehn, zählt man eine kurze Einführung Guntherts mit – hierin versammelten Texte und damit auch für deren eigene Historizität eine signifikante Zeitspanne darstellt. Geschrieben in der Zeit zwischen 2004 und 2015 bewerkstelligen die essayistischen Texte, die zuvor teils in der von Gunthert gegründeten Zeitschrift »Études photographiques« (1996–2017) erschienen, genaue Beschreibungen und Analysen ihrer medialen Gegenwart, jener des sich formierenden, dynamischen Web 2.0. Es handelt sich dabei um »Dokumente des Übergangs« (7), wie es die Hildesheimer Medienwissenschaftlerin Stefanie Diekmann, die den Band sehr gut lesbar übersetzt hat, in ihrem informativen Vorwort ausdrückt. Hierin findet sie auch eine griffige Formel für Guntherts Beiträge zur Fototheorie dieser Übergangszeit: »mehr Bourdieu als Barthes, mehr Soziologie als Ontologie; ästhetische Aspekte hingegen nur dann, wenn sie etwas über Nutzungs- und Verwendungsformen erzählen« (9). Vor allem letzteres, der Fokus auf den Gebrauch der Bilder und ihre Kontexte lässt sich sogleich an den durchgehend farbigen Abbildungen überprüfen: Reproduktionen von Titelseiten französischer Tageszeitungen, Screenshots von Youtube-Fenstern, von sozialen Netzwerken und anderen Websites, nicht zuletzt Zusammenstellungen von Selfies, Memes und anderen Phänomenen digitaler Bildkulturen. Nie geht es dabei um ein irgendwie geartetes ikonisches Bild im Singular, stets dagegen um digitale Bilder im Plural als Medium dialogischer Kommunikation und öffentlicher Diskurse sowie um die technischen und sozialen Voraussetzungen, die Dialog und Diskurs ermöglichen.

Die Rede vom geteilten Bild, so wird bereits im Vorwort klar gemacht, beansprucht explizit keine einheitliche Theorie der digitalen Fotografie. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Sammelbegriff, unter dem verschiedene Aspekte des vielgestaltigen zeitgenössischen Bildgebrauchs Platz finden. So stellt auch der Einführungstext »Das fluide Bild« dem Buch den nicht-fixierbaren Charakter des digitalen Bildes emblematisch voran: »Das Revolutionäre an der digitalen Fotografie ist ihre Fluidität« (16). Diese markiere eine wichtige Etappe »in der fortschreitenden Diffusion der Bilder, indem sie ihnen eine unendlich gesteigerte Appropriierbarkeit verleiht« (17). Klar positioniert sich Gunthert dabei gegen kulturpessimistische und medienessenzialistische Perspektiven, beispielsweise jene W.J.T. Mitchells, nach der das Digitale ein postfotografisches Zeitalter eingeläutet habe, in dem der Wahrheitsanspruch des Bildes zerbrochen sei. »Die Katastrophe hat nicht stattgefunden« (26) - wie Gunthert überzeugend anhand des medialen Gebrauchs der Fotografien aus Abu Ghraib zeigt (»Das digitale Bild zieht in den Krieg«). Die digitale Praxis habe gezeigt, »dass die Wahrhaftigkeit des Bildes nicht von seiner Ontogenese« abhänge (33). Anstatt das Aufkommen des Digitalen als Revolution im Sinne einer harten Zäsur zu werten, zeichnet sich das Feld, das Gunthert entwirft, durch ein komplexes Zusammenspiel von Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Verschiebungen aus. So erinnert er, dass seit dem Beginn des Jahrtausends eine Revolution des Kameradesigns oder des Zeitschriftenlayouts durch das Aufkommen digitaler Bildtechniken ganz offenbar nicht stattgefunden hat, wohingegen sich insbesondere die Möglichkeiten, Fotografie miteinander zu teilen, dramatisch vervielfacht und verändert haben.

Einen großen Anteil an den allmählichen Verschiebungen des Bildgebrauchs seit der Jahrtausendwende schreibt Gunthert einerseits der parallel aufkommenden Handy- bzw. später Smartphonetechnik, andererseits der Entwicklung von Image Hosting Websites wie Flickr zu. Die Gründung von Flickr 2004 markiere »zweifellos einen Wendepunkt in der Geschichte der Medien« (54). Gut folgen lässt sich einer solchen steilen These nicht zuletzt, weil Gunthert schreibend ein stetes Misstrauen gegenüber Verallgemeinerungen beweist, das sich in einer detailgenauen Verfolgung seiner Akteure zeigt. In »Alle Journalisten?. Die Attentate von London oder der Auftritt der Amateure« etwa widmet er sich kritisch der These der Konkurrenz des sogenannten Bürgerjournalismus zu herkömmlichen Nachrichtenmedien, die um 2005 heiß diskutiert wurde. Hier zeichnet er genau die Art und Weise nach, wie Privataufnahmen vom Schauplatz der verheerenden Attentate vom 7. Juli des Jahres auf die Titelseiten von Tageszeitungen gelangten: In einem Fall sendet Adam Stacey eine Aufnahme von seinem Handy an einen Freund, der es unter Verwendung einer Creative Commons-Lizenz auf eine von ihm betriebene Hosting-Website lädt, von der es auf Flickr und Wikinews und zuletzt vom Nachrichtensender Sky News appropriiert wird. Gunthert dekonstruiert anhand dieses und anderer Beispiele die vermeintlich klare Opposition sowie Konkurrenz von Amateuren und Profis und evoziert so eine sich zusehends komplizierende Medienlandschaft, in der Fotografien zuweilen als »parasitäre« Bilder auftreten, die Websites wie Flickr kurzerhand in Nachrichtenmedien wider Willen verwandeln. Maßgeblich für die »Destabilisierung der Bildökonomie« sei eben nicht die Sozialfigur des Amateurs, die Gunthert insbesondere in den Texten »Das parasitäre Bild« und »Ist die Fotografie noch modern?« gegen ökonomische Vorbehalte verteidigt, sondern die »neue Indizierbarkeit der digitalen Fotografie« (75) im Kontext digitaler, vernetzter Datenbanken und Archive. Besonders der namensgebende Aufsatz »Das geteilte Bild. Wie das Internet die Ökonomie der Bilder verändert hat« zeigt auf eindrückliche Weise, wie das verstärkte Aufkommen von sogenanntem User Generated Content um die Mitte der Nuller Jahre Verwerfungen in einer kommerziellen Medienlandschaft erzeugte und nicht zuletzt zu einer Kriminalisierung von Amateuren führte, die Gunthert beispielhaft für Frankreich nachzeichnet. Dabei interessieren ihn weniger die Erfolgsgeschichten von Youtube, Flickr, Facebook, Instragram und so weiter als deren Verknüpfung, aus der sich ein »kohärentes System der bildbezogenen Sozialisation« (88) entwickelt. Er gibt damit unter anderem Angebote zum Verständnis der Genese heutiger digitaler Nachrichtenmedien, die sich insbesondere durch ihre Einbindung externer Inhalte von Twitter, Youtube und anderen auszeichnen.

Auf den zentralen Paradigmenwechsel des Amateur-Bildgebrauchs »von der Kontribution zum Dialog« (95) macht »Die Kultur des Sharing oder die Rache der Vielen« aufmerksam. Wie auch in den folgenden Texten beschäftigt Gunthert hier der kommunikationsmediale Charakter digitaler Fotografie, der in Zeiten von Whatsapp, Instagram und Snapchat kaum plausibilisiert werden muss und für den er den Begriff des »dialogischen Bildes« (im Original »l'image conversationelle«) findet. Vergleichbar zu den Schriften Vilém Flussers wird hier Dialog »als Modell kultureller Produktion« gefasst, das sich durch »Egalität und Reziprozität der Interaktion« (99) auszeichnet. Entsprechend hebt Gunthert für den dialogischen Bildgebrauch besonders die Abhängigkeit einer technischen, juristischen, stilistischen oder anderweitigen Appropriierbarkeit hervor, die für die Zirkulation von digitalen Bildern grundlegend ist und in der Praxis eine eigene »Ästhetik der Appropriation« (105) begründet hat, die konservativen, distinktionsgetriebenen Ästhetiken entgegensteht und sich, wie im Fall von Memes, durch eine Betonung des Ludischen, Komischen und Lächerlichen aktiv von diesen abgrenzt. In diesem Kontext lässt sich auch das Phänomen des sogenannten Selfies begreifen, dem Gunthert den letzten Beitrag widmet und von dem er meint, es sei »nicht nur eine Erweiterung des Selbstporträts; es ist zur Standarte der machtvollen Autonomisierung kultureller Praktiken geworden, die durch den digitalen Wandel befördert werden« (171). Der Öffentlichkeit des Selfie diametral entgegengesetzt verweist er zugleich in einem ebenso kurzen wie unkonventionellen und schönen Essay auf die »Fotos, die man nicht zeigt«, »die man nicht zeigen muss, sondern die man nur mit denjenigen teilt, die man liebt, um sie dann in einer Ecke aufzubewahren, wie eine Reliquie des Glücks« (114). Auch im Selfie-Zeitalter sind die Intimität und Privatheit der Fotografie nicht verschwunden.

Mit »Das geteilte Bild« zeichnet sich André Gunthert als feinfühliger Praxeograph der digitalen Bildwelten unserer Gegenwart aus. Seit 2015 hat sich in diesen natürlich viel getan, sodass sich Leserinnen und Leser beständig zu Transfers auf die jüngste Vergangenheit aufgefordert fühlen werden. Eine weiter in die Geschichte der Fotografie, gar ins 19. Jahrhundert zurückreichende Fundierung des geteilten und dialogischen Bildes findet bis auf einen kurzen Rückbezug auf Postkarten, so lohnenswert dies wäre, nicht statt, was dem Erkenntniswert der Betrachtungen Guntherts jedoch keinen Abbruch tut. Lesenswert ist das Buch nicht zuletzt aufgrund der gewinnbringenden Verknüpfung von technikgeschichtlichen und soziologischen Interessen, denen Gunthert mit einer klar egalitären Haltung nachgeht und in seinen kritischen Analysen die Komplexität der betrachteten Situation nie einfachen Erklärungsmustern unterwirft.

André Gunthert: Das geteilte Bild. Essays zur digitalen Fotografie, Konstanz (Konstanz University Press) 2019. 172 Seiten, 49 Farbabbildungen, ISBN 978-3-8353-9110-9.

Diese Rezension ist zuerst am 15. September 2020 in sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 erschienen.

Françoise Meltzer: Dark Lens

Reviewed by Steffen Siegel

Today, on the day, 75 years ago was the first day 'after'––at least in Europe. There are many attempts to describe the atmosphere, and for sure, the most prominent one has been the 'zero hour' (die Stunde Null). In his remarkable memoir Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart from 2012, the German-American scholar Hans Ulrich Gumbrecht introduced a much more convincing metaphor: 'latency.' (An English translation is available from Stanford UP as After 1945. Latency as Origin of the Present). I am not an avid fan of Gumbrecht's writings, but this book, in particular, is brilliant.

I said 'more convincing'––but, in fact, how could I possibly know? It is the question Françoise Meltzer raises in her book Dark Lens. Imagining Germany, 1945. It just came out with The University of Chicago Press. Meltzer, who has been teaching Critical theory in Chicago, takes a very personal point of departure: Her French mother Jeanne Dumilieu––during the war a member of the Résistance in Paris and, after the war, living as an American diplomat's somewhat bored wife in Bonn––took photographs of the terribly destroyed Germany. For the very first time, Meltzer (who was born in 1947) is presenting an archive of cityscapes that trigger mixed emotions: mourning, compassion, feelings of well-deserved retribution, maybe even schadenfreude.

At least this is what Meltzer reckons as a possible spectrum of reactions, taking place in 1945 as well as nowadays. She is touching upon the intricate question of how to behold (and judge) German civilians in their bomb-gutted cities: Were they criminals or victims? Can we even generalize? Is there any space for empathy? It goes without saying: there are no simple answers. Meltzer is tackling these questions by studying texts (by Hannah Arendt, Stig Dagerman, Margaret Bourke-White, Gertrude Stein, and others), paintings (Karl Hofer, Pablo Picasso, Anselm Kiefer), and photographs. Dumilieu's pictures cover the latter part––a compelling album that deserves much more attention.

Françoise Meltzer: Dark Lens. Imagining Germany, 1945, Chicago, London (The University of Chicago Press) 2019. 240 p., 4 color plates, 41 halftones.

Julian Barnes: The Man in the Red Coat

Reviewed by Steffen Siegel

Whoever went shopping at one of the Félix Potin grocery stores, at the beginning of the 20th century, had a chance to take more at home than milk or baguettes. Between 1898 and 1922, the company issued hundreds of photographic pictures in a total of three series. This method of customer retention dates back to the mid-19th century. Invented by the Paris department store »Au Bon Marché«, it became popular in the decades to come. In Germany, especially the Liebig picture cards gained considerable popularity. However, Félix Potin's pictures were unique in two ways: firstly, they were photographs (whereas most comparable collections leaned on drawings), and secondly, they were dedicated exclusively to the celebrities of the time: politicians, scientists, actors, composers, writers, etc.

The recently published book »The Man in the Red Coat« by the British writer Julian Barnes already expresses in its title a strong interest in the visual arts, particularly in one painting: John Singer Sargent’s »Dr. Pozzi at Home from 1881, now in possession of the Armand Hammer Foundation in Los Angeles. Based on this marvelous portrait, Barnes drafts a biography of the famous French gynecologist Samuel Pozzi. A pioneer in his profession, he was, of course, part of the Collection Félix Potin. However, the doctor is only the anchor for a much larger story, and this is an utterly fascinating one: Barnes reconstructs the Parisian society of the Belle Époque: its web of personal relationships, the intrigues and duels, friendships and enmities, all being part of a world long gone.

To get an overview here, you may have to be an expert on this period –– or an avid reader of Marcel Proust’s »À la recherche du temps perdu« (which is a good idea in the first place). However, Barnes leans on another means to guide his readers. All these little pictures from the Collection Félix Potin are printed on the endpaper, and they are scattered throughout the text. The book is a meditation on the possibilities of portraiture and how––if possible––to make the past present. In those days, it was probably mainly children who chased after the small picture cards. Today, it is up to us to capture with these carte de visite portraits, at least mentally, a compelling epoch.

Julian Barnes: The Man in the Red Coat, New York (Alfred Knopf) 2020. 275 p., various illustrations.

Phyllis Rose: Alfred Stieglitz

Besprochen von Steffen Siegel

Alfred Stieglitz hatte wirklich kein Interesse. Weder wollte er mit eigenen Bildern an der Ausstellung teilnehmen, und schon gar nicht wollte er, dass man ihm den Katalog widmen würde. Mit welchem Blick er dies dem Bibliothekar des Museum of Modern Art in New York mitgeteilt hat, lässt sich denken, wenn wir jenes Porträt ansehen, das Imogen Cunningham 1934 von dem siebzigjährigen Stieglitz aufgenommen hat. Ein zugeknöpfter Herr, dem beides gleichermaßen gegeben scheint: sich hinter seinen Brillengläsern zu verstecken und neugierig sein Gegenüber zu mustern. Dass wir es nicht mit einem verkniffenen Konservativen zu tun haben, sondern mit einem der einflussreichsten Fürsprecher der US-amerikanischen Kunst seiner Gegenwart, wird von der Fotografin mehr als nur beiläufig angedeutet: Stieglitz steht vor einem Gemälde seiner Lebensgefährtin Georgia O’Keeffe, deren Werk längst zum Kanon der amerikanischen Moderne zählt.

Beaumont Newhall, der als junger Bibliothekar den Auftrag erhielt, die Ausstellung »Photography, 1839–1937« zu kuratieren, konnte wohl nicht wissen, dass er mit seiner doppelten Bitte um Bilder und Ehrenpatronage bei Alfred Stieglitz an der falschen Adresse war. Auf noch immer beeindruckende Weise war Stieglitz ein Mann der Tat, der nicht darauf wartete, dass sich Institutionen für die ihn interessierenden Dinge erwärmen würden. Das 1929 eröffnete Museum of Modern Art musste ihm wie ein »new kid on the block« vorgekommen sein — zu diesem Zeitpunkt war Stieglitz bereits mehr als ein Vierteljahrhundert als Künstler, Galerist, Kurator und Publizist tätig. Dass das MoMA nun ausgerechnet mit einer Retrospektive eröffnet hatte, die den französischen Impressionisten gewidmet war, kam ihm wohl sogleich doppelt falsch vor: längst etablierte Kunst und zudem aus Frankreich. Cunningham hatte Stieglitz in seiner Galerie porträtiert, und die hieß nicht zufällig »An American Place«.

So bedeutend Stieglitz’ Rolle für die amerikanische und vor allem New Yorker Kunst der Moderne ist, so umfangreich, ja unüberschaubar ist auch die Literatur zu ihm. Wenn daher jetzt bei Yale University Press eine weitere und mit 260 Seiten eher schmale Biografie erscheint, dann liegt die Frage nahe: Warum? Eine Antwort könnte sein, dass das Buch in der Reihe »Jewish Lives« erschienen ist (diese Serie gibt es schon eine ganze Weile, bereits erschienene Titel reichen von Moses bis Harvey Milk, angekündigt sind weitere Bände von Jesus bis Bob Dylan). Allerdings widmet Phyllis Rose dem speziell Jüdischen in Stieglitz’ Leben kaum mehr als einige wenige Zeilen, und diese betreffen eher die deutsch-jüdische Herkunft seines Vaters. Nach Lektüre dieser Biografie liegt eine andere Antwort auf der Hand: weil ganz einfach bislang eine leicht fassliche, gut lesbare und präzise zuspitzende Gesamtdarstellung zu Leben und Werk von Alfred Stieglitz gefehlt hat. Gerade das aber leistet Phyllis mit ihrem Buch.

Man tut der Autorin kein Unrecht, wenn man behauptet, dass sie das Rad in Sachen Stieglitz-Forschung nicht noch einmal neu erfunden hat. Sie schließt an umfangreiche Darstellungen an, vor allem an die Publikationen von Sarah Greenough (der weltweit wohl besten Stieglitz-Kennerin), Richard Whelan und Katherine Hoffman. Dabei aber präpariert sie ein Bild von Stieglitz, das beides auf gleiche Weise einfängt: einmal seinen erstaunlich weiten Weg, den er als Künstler vom fotografischen Impressionismus zur Abstraktion genommen hat, sodann aber seine Rolle als Anwalt der modernen amerikanischen Kunst. Gerade die jüngere Forschung hat für eine missliche Schieflage in der Wahrnehmung von Stieglitz’ Leistungen am Kunstmarkt gesorgt: Weder seine Galerie »291« (die genau besehen ein Gemeinschaftswerk mit Edward Steichen war) noch die von ihm herausgegebene Zeitschrift »Camera Work« sind singuläre Institutionen. Vielmehr müssen sie im Zusammenhang eines ganzen Lebenswerkes betrachtet werden — Publizieren und Kuratieren waren zwei Handlungsmodi, von denen Stieglitz fast sein gesamtes Leben lang nicht ablassen konnte oder wollte.

Besteht eine erste Stärke des von Phyllis Rose verfassten Lebensbildes darin, solche roten Fäden auf anschauliche Weise freizulegen, so wird eine zweite Stärke immer dann deutlich, wenn einzelne Werke genauer betrachtet werden. Als Fotograf hat Stieglitz verschiedene Bilder geschaffen, die längst schon in einer Weise kanonisiert sind, dass man sie oft genug gesehen zu haben glaubt: »Paula« (1889) etwa oder »The Terminal« (1893), »The Flatiron« (1902), »The Steerage« (1907), die Aktphotographien Georgia O’Keeffes (1918) und allemal jene »Equivalents« (1925–1934), die seit der poststrukturalistischen Interpretation von Rosalind Krauss auch in den (Foto-)Theorie-Kanon eingegangen sind. Bei Rose erhalten alle diese Bilder in ausführlichen Einzeldarstellungen das Streiflicht der biografischen Information, und das ist — obwohl methodisch gewiss nicht all zu anspruchsvoll — überraschend erhellend.

Vielleicht war es ja tatsächlich so, dass Newhall zur Mitte der 1930er Jahre den denkbar schlechtesten Zeitpunkt erwischt hatte, als er Stieglitz für seine Ausstellung im MoMA anfragte. Der Fotograf und Galerist muss selbst gespürt haben, dass über ihn die Zeit hinwegzugehen begann. So betonte etwa der junge Walker Evans, seine Karriere gerade im Widerspruch zu Stieglitz’ ästhetischen Prämissen entwickeln zu wollen. Dass Newhalls Versuch einer mit den Mitteln des Museums geführten Fotogeschichte in einem Katalog münden würde, der bald schon das Standardlehrbuch zum Gegenstand werden sollte, konnten aber weder Newhall noch Stieglitz wissen. Eine grundlegend überarbeitete Fassung des Katalogs erschien 1949 (und in mehreren Auflagen noch fast vierzig Jahre lang) unter dem Titel »The History of Photography from 1839 to the Present Day«. Stieglitz ist hier nicht allein mit zwei Abbildungen vertreten und wird im Text ausführlich gewürdigt. Newhall hat sich außerdem die Freiheit genommen, drei Jahre nach Stieglitz’ Tod diesem die Neuausgabe zu widmen.

Phyllis Rose: Alfred Stieglitz. Taking Pictures, Making Pictures, New Haven, London (Yale University Press) 2019. 260 Seiten, 89 Schwarz/Weiß-Abbildungen.

Roland Meyer: Operative Porträts

Besprochen von Steffen Siegel

In seinem kurzen, 1951 geschriebenen Essay »Kafka y sus Precursores« macht Jorge Luis Borges auf eine ebenso einfache wie gewichtige Tatsache aufmerksam: Von jedem neuen Heute aus lässt sich Geschichte neu perspektivieren. Denn alles Neue hängt nicht allein von dem ab, was ihm vorausgeht; es nimmt vielmehr auch selbst rückwirkend Einfluss auf seine eigene Vorgeschichte. Wenn Borges also nach den Vorläufern Kafkas sucht und dabei dessen literarische Eigentümlichkeit etwa in chinesischen Texten des 8. Jahrhunderts oder bei Sören Kierkegaard entdeckt, dann ist dies kein Rückschaufehler: Es wird vielmehr deutlich, wie sich mit der Lektüreerfahrung Kafkas die ihm voraus gehende Literaturgeschichte noch einmal neu betrachten lässt. Jeder neue Gegenwart konstituiert auch eine neue Vergangenheit.

In diesem Sinn ist es gewiss nicht zu viel behauptet, wenn man sagt: Das jüngst erschienene Buch »Operative Porträts. Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavater bis Facebook« des Kunst- und Bildhistorikers Roland Meyer konnte so, wie es nun vorliegt, erst in unserer eigenen Zeit geschrieben werden. Biometrische Passbilder sind inzwischen fest in unseren Erfahrungshaushalt eingewandert. In offiziellen Dokumenten sind sie längst Pflicht, und die auf den Ämtern aushängenden Anweisungen, wie solche Bilder korrekt einzurichten seien, entbehren nicht einer unfreiwilligen Komik. Dass die Sache nicht wirklich zum Lachen ist, wissen wir allerdings auch: Das fotografische Bild vom eigenen Gesicht besitzt inzwischen den Rang einer Währung, die man mit sich führen muss, wenn man Auto fahren, eine Grenze passieren oder wählen gehen will. Für eben diese Bilder hat Meyer den Begriff »Operative Porträts« geprägt, und er untersucht in seinem Buch die Geschichte einer solchen Operationalisierung des individuellen Bildnisses für politische, ökonomische, kriminologische, epistemische etc. Zwecke.

Meyers gewichtige Studie wartet mit zwei Überraschungen auf: Zum einen greift er für die Rekonstruktion der »Precursores« erstaunlich weit zurück — bis hin zu der vom Schweizer Johann Caspar Lavater um 1770 angestoßenen Mode der physiognomischen Lektüre von Silhouetten. Und zum anderen machen die Kapitel dieses Buches ein ums nächste Mal deutlich, wie unpraktisch doch eigentlich das Porträt für die Zwecke der Verwaltung und Ordnung, Überwachung und Reglementierung von Individuen ist. Diese Bilder zeigen zu viel und zu wenig zugleich, mit Bezug zu den Dargestellten sie sind nicht hinreichend flexibel, vor allem aber seit die Fotografie als Leitmedium solcher Interessen auftrat, gab es ein quantitatives Problem: Die schiere Zahl an verfügbaren Bildern überstieg rasch jenes Maß, das sich sinnvoll auswerten ließ. So gesehen ist die Geschichte der »Operativen Porträts« vor allem eine Geschichte ihrer Operationalisierungen. In den Blick gelangt daher in Meyers Buch gar nicht so sehr die Ästhetik dieser Bildnisse als vielmehr das breite Spektrum von Kulturtechniken ihrer Bearbeitung.

Ganz im Sinn von Borges’ Interesse an den »Precursores« fragt auch Meyer danach, was den uns all zu gut vertrauten Ideen bildtechnologischer Identifizierbarkeit historisch vorausgeht. In zwölf Kapiteln wird dabei ein Panorama entfaltet, das sich wie eine andere Geschichte des Porträts im Zeitalter seiner technischen Operationalisierbarkeit liest. Wenigstens den Fachleuten wird manches dabei bestens vertraut sein — die Kapitel zu Disdéri, Lombroso, Galton oder Bertillon etwa sind konzise Abrisse des Forschungsstands (doch wer gute Einführungen zu diesen wichtigen Bildgeschichten sucht, ist hier gerade richtig). Andere Aspekte sind eher lose mit dem Thema verknüpft — von einem profunden Beitrag Alexander Rodschenkos, August Sanders oder Andy Warhols zur Geschichte der »Operativen Porträts« wird man eher nicht sprechen müssen. Dann aber gibt es wieder Kapitel, die eine wirklich neue Perspektive entfalten: Die den historischen Teil des Buches eröffnende Diskussion zu Lavater und schließlich auch das Resümee mit Analysen zu Gilles Deleuze/Félix Guattari und zu Roland Barthes sind brillante Lektüren.

Doch wird solche Rosinenpickerei der Anlage des Buches als Ganzes nicht gerecht. Denn Meyers Interesse liegt in eben jenem historischen Vektor, der sich in Borges’ Gedankenexperiment vorgezeichnet findet: Was lässt sich über eine wenigstens in manchen Teilen recht gut untersuchte Bildgeschichte des Porträtgebrauchs sagen, wenn wir diese Frage gerade heute stellen? Wenn wir uns also dafür in einer Zeit interessieren, in der die »Gesichterflut« längst eine prekäre politische Dimension erlangt hat, dass sie unser legitimes Bedürfnis auf Privatheit verletzt? In Meyers Studie zieht sich diese Geschichte zu einer auf fatale Weise konsequenten Zwangsläufigkeit zusammen, ohne dass der Autor diese Zusammenhänge forcieren müsste. Überhaupt aber fällt bei der Lektüre dieses Buches auf, wie unaufgeregt hier eine Geschichte präsentiert wird. Alarmismus ist Meyers Sache glücklicherweise nicht — dafür aber eine stilistische Präzision und sprachliche Eleganz, für die allein es sich lohnt, dieses Buch zu lesen.

Roland Meyer: Operative Porträts. Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavater bis Facebook, Konstanz (Konstanz University Press) 2019. 468 Seiten, 80 s/w-Abbildungen. 978-3-8353-9113-0