Tafel XIX: Korrektur als Schöpfung

10.3.2026
Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Janis Hoellger studiert seit 2024 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.
Beim Entfernen-Werkzeug in Lightroom handelt es sich nicht um ein Modell zur freien Generierung, sondern um konzeptuell beschränktes Inpainting. Motive werden erkannt und die markierten Lücken mit typischen Strukturen, die statistisch am sinnvollsten erscheinen, ersetzt. Dabei bezieht sich das Modell unter anderem auf Farben, Licht und die Perspektive der Szene.
Statt dem sonst stark beschränkten und geleiteten Füllen lautet der Auftrag, bei einem vollständig ausgewählten beliebigen Bild, hier: »Erzeuge ein Bild, ohne Bedingungen«. Das gezeigte Bild ist das Ergebnis eines vollständigen Eingriffes.
Wird der gesamte Bildraum zur Leere erklärt, verliert die KI jeden Bezug und arbeitet ausschließlich innerhalb ihres latenten Raumes. Das Modell bezieht sich auf Anhaltspunkte, die in den Trainingsdaten überrepräsentiert sind: Pflanzen, Landschaften, organische Strukturen. Das Bild zeigt nicht die Welt, sondern den visuellen Durchschnitt, aus dem diese KI gelernt hat zu sehen. Generiert ist nicht die Vorstellung eines Ortes, sondern ein statistisch wahrscheinlicher Zustand von Natur, einem Thema, das mit am häufigsten in den Daten vorkommt. Statt lediglich zu entfernen, tritt etwas vermeintlich Neues hervor, der Akt der Korrektur wird zu einem Akt der Schöpfung.