Tafel XV: Ein Stillleben als Selbstporträt

2.3.2026
Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Kimberly Jüschke studiert seit 2022 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist ihr Beitrag.
Auf den ersten Blick handelt es sich um ein künstlerisches Stillleben mit Gegenständen aus dem Bereich der Medizin, Fotografie, Alltag und Lebensmittel. Auf den zweiten Blick kommt es einem aber komisch vor. Die hier versammelten Elemente sind sonderbar: eine unscharfe Flasche, eine scharfe Kamera und fokussierte Blumen auf einer ähnlichen Hintergrundebene, erkennbare Buchtitel, aber eine unleserliche Beschriftung der Apothekenfläschchen, ein vermeintlich altes Blutdruckmessgerät mit einem falsch ausgezeichneten und nicht eindeutig lesbaren Uhrzifferblatt, dessen Schläuche aus dem Nichts erscheinen und mit der Umgebung verschmelzen, zwei überdimensionierte Augen, wobei eines in der Luft zu schweben scheint und ebenfalls in die umliegenden Gegenstände ausläuft, Pillen in der Größe von Walnüssen, wovon sich eine gerade zu klonen scheint.
Der menschenartige-technische Kopf sticht durch seine blaue Farbigkeit im Vergleich zu den anderen Objekten heraus. Der blaue Kopf ist hier die Selbstdarstellung der KI, die ich um eine Selbstverwirklichung im Bild gebeten hatte. Genauere Anweisungen, außer die der Abbildung eines Stilllebens mit Elementen der Medizin und Fotografie, habe ich hingegen nicht vor. Die Platzierung der Gegenstände und die spezifische Auswahl wurde von der KI generiert. Die Bildproduktion war einfach. Ein paar Zeilen in ChatGPT eingeben und eventuell noch Anweisungen addieren mit der Hoffnung, dass diese wie gewollt umgesetzt werden. Das Ergebnis war innerhalb kürzester Zeit fertig – viel schneller also als das Aussuchen, Besorgen, Anordnen, Aufbauen einer Kamera, die Anpassung der Licht- und Kameraeinstellungen, das Fotografieren und möglicherweise auch noch das Bearbeiten der Fotografie selbst.
Auf der Basis einer KI-Generierung zeigt das Bild jedoch nicht einen vergangenen Moment, sondern ein Muster aus anderen Aufnahmen, mit denen die KI trainiert und nun kombiniert in diesem Bildnis präsent wurden. Die Intentionen des Aufbaus der verwendetet Bilder und deren Aussagekraft bleibt verborgen und somit auch die des generierten Bildes. Solche Abbildungsqualität erkennt man auf den zweiten Blick. Der erste erkennt in ihm eine vertraute ästhetische Ordnung.