Unfertige Bilder.
Fotografische Bildbearbeitung seit circa 1990
Vom Smartphone bis zum stationären Computer, vom automatischen Image Enhancement über den instantanen Filter bis hin zum ausgefeilten Zugriff auf Dateien in Programmen wie Photoshop – so ubiquitär digitale fotografische Bilder sind, so allgegenwärtig ist auch ihre Veränderung, Anpassung und Korrektur. Bildbearbeitung kann dabei als grundlegender Teil einer Dialektik des fotografischen Bildes verstanden werden: Zwischen automatisch erzeugten Bildern, die konstitutiv durch den Ausschluss menschlicher Kontrolle entstehen, und dem menschlichen Wunsch, das Ergebnis zu kontrollieren, ist im Laufe der Fotografiegeschichte eine Vielzahl von Methoden zur Bearbeitung von Form und Inhalt eines Bildes entstanden.
Das Forschungsprojekt diskutiert Bildbearbeitungspraktiken als Infrastrukturen fotografischer Bilder, denn sie erfüllen technische, ästhetische und inhaltliche Funktionen in den unterschiedlichsten Kontexten und ermöglichen Transfers zu vielfältigen Rezeptionskanälen. Der Fokus der Untersuchungen liegt dabei auf dem über die Programme – und über Fotografie – vermittelten Wissen und zeichnet damit eine in Teilen noch unerforschte Geschichte digitaler fotografischer Bildbearbeitung seit circa 1990 nach. Die Rekonstruktion ästhetischer und technischer Konventionen und ihr Verhältnis zur Entwicklung der Funktionsweisen von Bearbeitungsprogrammen erfolgt anhand instruktiver Texte und Medien – primärer Bedienungsanleitungen, sekundärer Handbücher und YouTube-Tutorials zur bis heute einflussreichsten Software Adobe Photoshop (und seiner Satelliten). Die Möglichkeiten, Funktionsweisen und das verfügbare Wissen zu den für die Bearbeitung genutzten Programmen prägen die Erscheinung von Fotografien maßgeblich. Bearbeitungssoftwares können deshalb als »Metamedien« (Manovich) fotografischer Bilder verstanden werden. Dabei beobachtet das Projekt neben zahlreichen historischen Kontinuitäten in der Veränderung von Bildern eine Tendenz hin zu einem fotografischen Bild, das immer länger unfertig bleibt.
Projektbezogene Publikationen
Kacheln, Mosaike, Raster. Kalkulierte Natürlichkeit in der digitalen Farbfotografie. In: Rundbrief Fotografie 29.1 (2022), S. 7–20 ● Beharrliche Apparate. Eine rassismuskritische Untersuchung weißer Normen in fotografischer Technologie und ihrer algorithmischen Nutzung. In: Simon Dickel, Rebecca Racine Ramershoven (Hg.): Alle Uns. Differenz, Identität, Repräsentation, Münster 2022, S. 60–89 ● (mit Rebecca Racine Ramershoven): Vermessung des Angemessenen? Ein kritischer Experimentbericht zur fotografischen Repräsentation von Hautfarbe. In: Fotogeschichte 44 (2024), Heft 172, S. 30–37 ● Zum Bild oder nicht dazu gehören. Fotografien als Aushandlungsobjekte von Gemeinschaft. In: Linda Conze (Hg.): Community. Fotografie und Gemeinschaft, Berlin 2026, S. 117–122.
Bearbeitungsbeginn
2023
Förderung
Das Promotionsvorhaben wird vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen gefördert.
Zweitbetreuung
Prof. Dr. Jens Schröter, Universität Bonn
Kontakt
jakob.schnetz@folkwang-uni.de