Stefanie Unternährer

 

Rosa Bonheur und die Fotografie

Zu ihren Lebzeiten war die Künstlerin Rosa Bonheur (1822–1899) vor allem eine international gefeierte Tiermalerin. Dass sie sich neben dieser künstlerischen Tätigkeit auch dem technischen Medium der Fotografie widmete, verrät spätestens ein 2017 entdecktes Konvolut aus tausenden Glasplatten und Papierabzügen in ihrem ehemaligen Anwesen nahe Fontainebleau. Obwohl Bonheurs Verhältnis zur Fotografie nicht vorbehaltlos war, experimentiere sie wie einige ihrer zeitgenössischen Künstlerkollegen mit dem Medium. So ließ sie das Château de By, das sie 1860 mit den Erlösen ihres preisgekrönten Gemäldes »Le Marché aux Chevaux« (1852) erwarb, um ein eigenes fotografisches Atelier erweitern. In einer Ecke dieses lichtdurchfluteten »sanctuaire«, wie Bonheur ihr großes Atelier in der Bel-Étage des Anwesens nannte, befand sich also in unmittelbarer Nähe ihres künstlerischen Arbeitszentrums eine kompakte  heute noch erhaltene  Dunkelkammer. Zwischen Apparaten für das Kollodiumverfahren, einem Vergrößerungsgerät sowie später auch einem Vélocigraphe und einer Folding Pocket Kodak, im Besitz ihrer Biografin und Lebensgefährtin Anna Klumpke, entwickelte Bonheur spätestens seit den 1860er Jahren ihre eigenen Clichés.

Als erste international gefeierte bildende Künstlerin, als unverheiratete und finanziell unabhängige Frau, als Ritterin der Légion d’Honneur, das heißt als Person, die seinerzeit herrschende Geschlechternormen bewusst in Frage stellte, schuf sich Bonheur in diesem Sinne einen Raum jenseits konventioneller Kategorien: Einen Freiraum im Château de By, der es ihr erlaubte, das Medium Fotografie in dieser Fülle zu nutzen. Das dabei entstandene Konvolut kaum erforschter Bilder ist Forschungsgegenstand der Dissertation. In enger Zusammenarbeit mit dem Château de Rosa Bonheur und auf Grundlage des überlieferten Materials geht das Forschungsprojekt der Frage nach, welches Interesse die Künstlerin an der Fotografie entwickelte und welche Funktionen sie diesem Medium innerhalb ihrer künstlerischen Praxis zuschrieb. Die Dissertation untersucht in diesem Sinne, welche Rolle fotografische Verfahren in Bonheurs Werkzusammenhang spielten und wie sich ihre fotografische Tätigkeit in die Geschichte und der Begrifflichkeiten der Fotografie im 19. Jahrhundert einordnen lässt. 

Bearbeitungsbeginn
2026

Förderung
Das Projekt wird von der Max-Weber-Stiftung mit einem Doktorand:innenvertrag am Deutschen Institut für Kunstgeschichte in Paris gefördert. 

Kontakt
sunternaehrer@dfk-paris.org