Stopover 20/21: Julia Tillmann und Laura Niederhoff

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

Julia Tillmann: Warum Wolken nicht vom Himmel fallen, 2020.

8.4.2021

»Stopover« – einmal jährlich stellen unter diesem programmatischen Titel die Studierenden im M.A. Photography Studies and Practice ihre aktuellen Arbeiten im UG des Museum Folkwang aus. In Form eines Zwischenstops sollen Einblicke gewährt und soll zu einer Diskussion eingeladen werden. Im Katalog finden sich neben den fotografischen Werken auch kurze Texte, die direkt an die Bilder adressiert sind. Verfasst wurden sie von den Studierenden des M.A. Photography Studies and Research. Hier schreibt Laura Niederhoff an Julia Tillmanns Serie »Warum Wolken nicht vom Himmel fallen«.

Über den Verlust (1)

ZEIT

Ihr seid Fotografien, die von Verlust handeln. Davon, wie es ist, gehen zu müssen. Eure Ansichten in Schwarz-Weiß zeigen Momente des Flüchtigen, die sich in scheinbar Unscheinbarem vermitteln. Was bleibt nach dem Ende? Ein Knäuel Haare aus dem Abfluss einer Badewanne. Der zerbrochene Rahmen eines Stilllebens.

RAUM

Landschaften sind äußere Räume, die umschlagen können in Bewusstseinsräume. In Augenblicken von Traurigkeit ist es gerade die Schönheit des leeren Raumes, der die ehemals fest umrissenen Grenzen eines vergänglichen Ichs zu transzendieren vermag. Das bedeutet nicht, dass der Raum tatsächlich leer ist. Vielmehr ist er Spiegel des Ephemeren, was sich in der Oberflächentiefe von Gewässer, in der Konturlosigkeit des Himmels offenbart. Es sind solche Momente, in denen Gewissheiten von Raum und Zeit infrage gestellt werden.

ICH

Du weißt: Blau ist die Farbe der Sehnsucht. Blau steht für Konzepte der Ferne und Freiheit. In der Metaphysik der Romantik bezeichnete die blaue Blume die Suche nach der Erkenntnis des Selbst, aber auch den Versuch, das Unbegreifliche des menschlichen Lebens dingfest zu machen. Dingfestigkeit aber ist in den Zyanotypien, die du betrachtest, nicht zu ermitteln. Unfassbares schon. Auf den ehemals lichtempfindlichen Papieren machst du die Umrisse geisterhafter Gestalten aus, Schatten gleich, die sich im Moment ihrer Belichtung bereits wieder aufzulösen scheinen. Du stellst dir vor, dass die Zyanotypien im gleißenden Licht des Sommers entstanden sind – eines unwirklichen Sommers, der im kalkulierten Kontrollverlust der Chemigramme eingeschrieben ist.

POESIE DER FOTOGRAFIE

Was haben Lyrik und Fotografie gemeinsam? Kann es fotografische Gedichte geben? Du sagst ja. Denn Lyrik ist bildhafte Sprache. Die Fotografie wiederum nutzt den Effekt scheinbarer Realitätstreue, um Wirklichkeit zu schaffen und Beziehungen zu stiften. (2) Motive der Lyrik, die als Repräsentation von Zuständen in der Fotografie transportiert werden, bilden eine hybride Erzählstruktur, deren disparate Zeitlichkeiten Elemente einer vielschichtigen, expressiven Realität darstellen. Einer Realität, die stets von Neuem geschaffen und die immer wieder ergründet werden muss.

 

(1) Inspiriert von Marion Poschmann: Die Kunst der Überschreitung. In: dies.: Mondbetrachtung in mondloser Nacht, Berlin 2016, S. 135ff.
(2) Heinz Schmidt: Wie Bilder sprechen. In: ders.: Theologie und Ethik in Lernprozessen, Stuttgart 2003, S. 159ff.