Giulia Cramm

 



Fotografinnen im Blick.
Zur Unsichtbarkeit weiblicher fotografischer Arbeit in Deutschland 1940–1970
(Arbeitstitel)

Die Fotografiegeschichte wurde lange Zeit durch patriarchal geprägte Narrative, Kanonisierungsprozesse und institutionelle Strukturen bestimmt. Obwohl Frauen seit den Anfängen des Mediums als Fotografinnen tätig waren, sind sie vielfach marginalisiert, vergessen oder ausschließlich als Ausnahmen innerhalb eines männlich dominierten Berufsfeldes rezipiert worden. Das Dissertationsprojekt untersucht die beruflichen Zugänge, Ausbildungswege, Netzwerke und Arbeitsbedingungen von Fotografinnen in Deutschland zwischen 1940 und 1970 und fragt nach den geschlechtsspezifischen Mechanismen, die ihre beruflichen Handlungsspielräume ermöglichten oder begrenzten.

Im Zentrum stehen die Fragen, welche formalen und informellen Ausbildungswege Frauen offenstanden, welche Bedeutung familiäre Strukturen und Sorgearbeit für ihre beruflichen Biografien hatten, wie weibliche Autorschaft im Kontext assistierender und häufig unsichtbar bleibender Tätigkeiten rekonstruiert werden kann und welche Rolle soziale sowie institutionelle Netzwerke für den Zugang zur Fotografie spielten. Darüber hinaus werden die unterschiedlichen Bedingungen fotografischer Praxis im Nationalsozialismus, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vergleichend betrachtet.

Ziel der Arbeit ist es, Fotografinnen als integralen Bestandteil der deutschen Fotografiegeschichte sichtbar zu machen und bestehende Narrative um bislang vernachlässigte Perspektiven zu erweitern. Dabei werden zugleich fotografische Kanonisierungsprozesse kritisch hinterfragt und die Ursachen struktureller Unsichtbarkeit von Fotografinnen analysiert. Methodisch folgt das Vorhaben einem empirisch-historischen und genderkritischen Ansatz, der fotohistorische Fragestellungen mit Perspektiven der Gender Studies, insbesondere des Feminismus sowie der Sozial- und Kulturgeschichte verbindet. Geplant ist die Erstellung eines kollektivbiografischen Korpus von etwa zwanzig Fotografinnen, aus dem mehrere vertiefende Fallstudien entwickelt werden.

Projektbezogene Publikationen
Pressefotografinnen im Lokaljournalismus des Ruhrgebiets nach 1950. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.): Unterwegs mit Marga Kingler. Pressefotografin im Ruhrgebiet, Essen 2024, S. 122–131 ● Diese Brücke darf nur von einem Mann betreten werden. Über Leerstellen in der Industrie- und Auftragsfotografie. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.): Bilder im Auftrag. Fotografien von Ruth Hallensleben 1931–1973, Essen 2025, S. 210–219 ● Distanziert, aber anwesend. Anmerkungen zu geschlossenen und geschützten Räumen in den Fotografien von Brigitte Kraemer. In: Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hg.): Wo man lebt – wie man lebt. Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer, Essen 2025, S. 226–235 ● Sorgearbeit als fotografische Praxis. Brigitte Kraemers Fotobücher zu Frauenhäusern. In: Fotogeschichte 46 (2026), Heft 180, S. 12–18.

Bearbeitungsbeginn
2026

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