Folkwang
University of the Arts


Photography

Info Day for all B.A. and M.A. programs

Our next info day will take place on February 5, 2021.

We welcome applications from anyone who is fascinated by an artistic and/or a scholarly engagement with photography. Applications are possible once a year for our three programs: Photography (Bachelor of Arts), Photography Studies and Practice (Master of Arts), and Photography Studies and Research (Master of Arts). The application and admissions procedure starts in the spring. The academic year takes off in October with the beginning of the winter term.

Should you have questions regarding the applications and admissions procedure or the study program, we strongly recommend that you contact the members of our team for further advice.

We are happy to answer any questions you might have. You can find a summary and further information regarding application requirements and our study programs here.

Galerie 52 im Wintersemester 2020/2021

  • 6.–14.11.2020
  • »The Afternoon of the Day«
  • Sora Park
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  • 20.–27.11.2020
  • »Die abstrakte Wahrheit«
  • Hao Wen
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  • 7.–11.12.2020
  • »Solid State«
  • Ruth Magers & Julius Barghop
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  • 16.12.2020–8.1.2021
  • »being on concrete«
  • Jana Schulz
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  • 15.1.–22.1.2021
  • »drei Sterne Plus; Zuchtklasse 1.«
  • Inga Barnick
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  • »How to Pose the Model«
  • David Müller
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  • ab 29.1.2021
  • »Baron«
  • Simon Baptist

What's next?

  • 3.12.2020, 18 Uhr
  • Eröffnung Stopover
  • Master-Ausstellung im UG des Museum Folkwang
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  • 22.1.2021, 10–18 Uhr
  • Verschoben auf Frühjahr 2021
  • »Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?«
  • Master-Symposium
  • Museum Folkwang Essen
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  • 4.2.2021, 18 Uhr
  • Eröffnung des Folkwang Finale 2020/2021
  • Absolvent*innen-Ausstellung im SANAA-Gebäude
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  • 5.2.2021
  • Informationstag für alle B.A. und M.A-Studiengänge

Stopover 2020 im Museum Folkwang

Wie in jedem Jahr präsentieren auch in diesem Wintersemester die Studierenden des Masterprogramm Photography Studies and Practice im dritten Semester ihre fotografischen Arbeiten im UG des Museum Folkwang. »Stopover« zeigt keine fertigen Abschlussarbeiten, vielmehr sollen Einblicke in aktuelle Entstehungsprozesse gewährt werden. Zu sehen sind daher Zwischenstadien einer künstlerischen Entwicklung: von der intensiven Beschäftigung mit einem speziellen Thema bis hin zur experimentellen Bildfindung.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung arbeiten die Studierenden der beiden Master-Programme aus Praxis und Theorie eng zusammen. Die Kooperation zwischen der Folkwang Universität und dem Museum Folkwang ermöglicht es allen an der Ausstellung Beteiligten, bereits während des Studiums die institutionelle Abläufe innerhalb eines Museums umfassend kennenzulernen.

In der Ausstellung zu sehen sein werden Arbeiten von Lea Bräuer, Florian Fäth, Silviu Guiman, Amy Haghebaert, Xiaole Ju, Elena Kruglova, Rebecca Racine Ramershoven, Rosa Lisa Rosenberg, Samuel Solazzo, Anne-Christin Stroje und Julia Tillmann. Die Eröffnung findet statt am 3. Dezember 2020 um 18 Uhr und wird zu den regulären Öffnungszeiten des Museum Folkwang im UG zu sehen sein: dienstags und mittwochs sowie am Wochenende von 10 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Erste Blicke gibt es außerdem auf Instagram und Twitter.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Textbeiträgen von Özlem Arslan, Judith Böttger, Isabelle Castera, Laura Niederhoff, Jakob Schnetz und Paul Werling.

Darüber hinaus richten die Studierenden des Masters Photography Studies and Research unter dem Titel »Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?« ein ganztägiges Symposium aus. Es soll dazu dienen, anlässlich der Ausstellung Fragen zum Zusammenhang von digitalen Bildkulturen und Diversity zu diskutieren. Der ursprüngliche ins Auge gefasste Termin Ende Januar kann wegen der Pandemie nicht stattfinden und muss auf das Frühjahr verschoben werden. Dieser neuen Termin und das genaue Tagungsprogramm werden 2021 veröffentlicht werden.

Interview zum Ende der photokina

Nach sieben Jahrzehnten wird die traditionsreiche Foto- und Videomesse »photokina« nicht mehr fortgesetzt. Laut Koelnmesse werde die Veranstaltung »bis auf Weiteres ausgesetzt«, was wohl einem endgültigen Aus gleichkommen wird. Anlässlich dieser Nachricht sprach Jörg Biesler vom Deutschlandfunk für »Kultur heute« mit Steffen Siegel. Das Interview ist auf der Homepage des Senders abrufbar.

Hao Wen: Die abstrakte Wahrheit

Hao Wen, Student im M.A. Photography Studies and Practice, setzt mit seiner Ausstellung »Die abstrakte Wahrheit« das Programm der Galerie 52 im laufenden Wintersemester 2020/2021 fort.

Zur Idee seiner Ausstellung schreibt er selbst: »Ich zeige die drei Arbeiten »Ohne Titel«, »Die Spur« und »二0二0«. Mit ihnen verfolge ich unterschiedliche Ansätze, um die Beziehung zwischen Fotografie und Wahrheit zu überprüfen. Mein Verständnis der Fotografie hat sich im Laufe meines Studiums immer weiterentwickelt und verändert, wobei sich neue Fragestellungen ergeben haben. Worin liegt diese Wahrheit? Hat Fotografie einen Beweischarakter? Ist es die Entsprechung zwischen dem mimetischen fotografischen Abbild und dem Erscheinungsbild der dreidimensionalen Wirklichkeit? Liegt die Wahrheit in dem indexikalischen Bezug der Fotografie zu der sie auslösenden Wirklichkeit? Ist Fotografie eine Gedankenstütze, die meinen Erinnerungen konkrete Form verleiht? Das unterschiedliche Verständnis der Wahrheit bestimmt maßgeblich was und wie ich es aufnehme.

Das Bildpaar »Ohne Titel« besteht aus zwei Fotografien, die ich durch ein Zugfenster fotografiert habe, ohne durch den Sucher der Kamera zu schauen. Wegen der Geschwindigkeit des Zuges enthält jedes Foto abstrakte horizontale Linien. Trotzdem kann ich mich erinnern, was ich im Moment des Fotografierens gesehen habe – ein Gebäude, eine Brücke und einen Fluss.

In der Arbeit »Die Spur« untersuche ich den Kontext eines Fotos. Ein Foto ist wie eine Fußspur am Strand. Ich interessiere mich nicht nur für diese Fußspur, sondern auch für den ganzen entstehenden Prozess. Ich frage mich, ob die Wahrheit in der Unsichtbarkeit eines Fotos versteckt wird. Die Bilder in dieser Serie entstehen in auf Dauer angelegten Handlungen. Es sind Prozesse mit performativem Charakter, die in einem Bild resultieren. Es versteckt somit die Spur, die zum fertigen Bild geführt hat und bewegt sich zwischen Bild und Skulptur. Durch den Prozess ihrer Entstehung fließen meine eigenen Lebenserfahrungen in meine Bilder ein: Ich nehme einen Stapel Post-it und schreibe die Zahlen von 1 bis 400 auf die einzelnen Zettel. Ich nehme schwarze Steine und verschließe mit ihnen ein großes Rohr.

»二O二O« bedeutet 2020. Die chinesische Zahl 二 besteht aus zwei Linien. Durch zwei Linien möchte ich die Aufmerksamkeit auf das grundsätzliche Element in einem Foto schicken. Wenn die Oberfläche der Dinge in einem gewissen Grad vergrößert wird, wird unsere Erkenntnis von realen Dingen, z.B. die Funktion, die Bedeutung, die soziale Beziehung, in ein befremdliches Gefühl umgewandelt. Wie könnten wir diese Details verstehen?

Ein weiterer Punkt in diesen Serien ist die Wiederholung. Das Leben, die Gesellschaft und die Geschichte wiederholen sich immer in einem System. Die Frage ist, in welcher Zeit wird diese Wiederholung stattgefunden haben? Welche unbemerkten Unterschiede gibt es darin?«

Kai Behrendt gewinnt den NRW.BANK.Kunstpreis 2020

In einer virtuell ausgerichteten Preisverleihung wurden am 17. November 2020 die Gewinner des diesjährigen NRW.BANK.Kunstpreises bekanntgeben. Kai Behrendt, der im zurückliegenden Sommersemester an der Folkwang Universität der Künste im Fach Photography Studies and Practice mit dem Master of Arts abschloss, wurde in der Kategorie »Skulptur und Installation« für seine Arbeit UNTITLED (LASER ETCHINGS) ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Auf den schultafelgroßen Bildreliefs seiner Arbeiten werden verschiedene Informationen belichtet und graviert – darunter Kalibrierungsbilder, ägyptologische Transliterationen, analo­ge und digitale Lensflares, von einer A.I. erzeugte Texte, Fotografien, Trauminterpretationen, Texturen von Fotogrammetrien und Ausschnitte aus einem Handbuch für Programmierer. Diese semantischen Ebenen sind durch die Lasergravur in eine spezifische Faktur eingebettet. Die Bilder reproduzieren die komplexen Kodierungen und Ambivalenzen, die die Informationsgesellschaft hervorbringt. Die so entstehenden C-Prints sind an der Wand oder in Rahmenkonstruktionen angebracht und fächerförmig angeordnet. In dieser raumgreifenden Konstellation über­lagern sich die einzelnen Objekte in einem rhizomatischen Beziehungsnetz, das die Hierarchien zwischen den ineinander verschränkten Bildelementen weiter auflöst – und im Ganzen sind sie ein Grenzgang zwischen Fotografie und Skulptur.

Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen

Besprochen von Steffen Siegel

Martin Heidegger hat einmal eine Vorlesung über Aristoteles mit dem Satz eröffnet: »Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb.« Damit war alles gesagt, was es über die Biografie des antiken Philosophen zu berichten gab; allein das Werk sollte zählen. Es hat schon seinen guten Grund, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eher selten ihre Autobiografie schreiben. Sieht man einmal von endlosen Kommissionssitzungen ab, so mag aus der Innenperspektive das Leben am Schreibtisch und im Seminarraum ereignisreich und spannend erscheinen, aus der Außenperspektive muss das nicht wirklich so sein.

Wenn aber die Ethnologin Heike Behrend ihre Autobiografie vorlegt, ist das etwas anderes. Um es vorwegzunehmen: Ihr Buch »Menschwerdung eines Affen« ist ein begeisternde Lektüre. Dabei blickt die Wissenschaftlerin auf den fast 300 Seiten nicht auf ihre äußeren Lebensumstände zurück, die spielen sogar auf fast irritierende Weise gar keine Rolle. So wird etwa ihre Berufung auf eine Professur an der Kölner Universität ganz nebenbei in einer Fußnote erwähnt. Im Zentrum dieses Buches stehen vielmehr vier Forschungsprojekte, die sie im Lauf von gut vierzig Jahren verfolgt hat und die schließlich jeweils in Büchern gemündet sind. Besichtigt werden die sich stets über viele Jahre ausdehnenden Umstände ihrer Entstehung, ihre Voraussetzungen und Probleme.

Als Ethnologin ist Heike Behrend eine Spezialistin für den Osten Afrikas. Vor allem nach Kenia und Uganda ist sie dabei immer wieder zu Forschungsaufenthalten gereist und ist dabei bemerkenswert unterschiedlichen Interessen nachgegangen. In ihren Projekten ging es um Zeitvorstellungen und Geisterglauben, um (vermeintlichen) Kannibalismus und fotografische Praktiken. Vor allem aber ging es stets um mehr als eine ethnografische Perspektive auf »die Anderen«. Behrend formuliert in ihrem Buch eine eindrucksvolle Kritik an der eigenen akademischen Disziplin und auch an sich selbst. Oder positiv gewendet: Es ist ein Plädoyer dafür, die ethnografische Forschung als eine Interaktion zwischen gleichberechtigten Partnern ernst zu nehmen. Wer als Ethnograf*in in Afrika oder anderswo forscht, muss davon ausgehen, auch selbst ein Gegenstand der Forschung zu sein. Und immer schon trifft man auf die Spuren von ganz anderen »Anderen«: von jenen Forscher*innen, die bereits zuvor anwesend waren.

Wegweisende Bücher von Christopher Pinney, Elizabeth Edwards und nicht zuletzt von Heike Behrend haben bereits vor Jahren (und inzwischen Jahrzehnten) gezeigt, wie wesentlich Fotografie und Film für die ethnografische Forschung geworden sind – und zugleich wie abgründig dieser Mediengebrauch all zu oft gewesen ist. Es ist daher keineswegs eine Übertreibung, wenn man behauptet, dass die Ethnologie für eine an dekonstruktiver Kritik interessierte Fototheorie einen paradigmatischen Fall darstellt. Behrend legt in ihrem Buch den Akzent auf begangene Fehler und Irrwege, auf Missverständnisse und das Scheitern. All dies legt Differenzen frei, die weit über das Erkenntnisinteresse der Ethnologie hinausreichen, allemal in einer Zeit, in der wir endlich damit beginnen, das »Post« im Begriff des Postkolonialismus noch einmal kritisch zu befragen.

Eine kleine Warnung zum Schluss: Wer sich in besonderer Weise für die Rolle der Fotografie interessiert, sollte keineswegs nur das vierte Kapitel lesen, in dem Behrend über die Umstände ihres 2013 erschienenen Buches »Contesting Visibility« berichtet sowie über die an verschiedenen Orten gezeigte Ausstellung »Snap me one! Studiofotografen in Afrika«. Wer hier vorblättert, dem entgeht in diesem Buch ganz Wesentliches. Behrend hatte den zyklischen Zeitvorstellungen bei den Tugen im nordwestlichen Kenia ein ganzes Buch gewidmet: »Die Zeit geht krumme Wege«. Gar nicht so anders ist es mit ihrem Interesse an Fotografie und Film: Als ein zyklisch einsetzendes Leitmotiv kehren sie in ihren Forschungen immer wieder zurück.

Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung, Berlin (Matthes & Seitz) 2020. 280 Seiten, Hardcover, 14,5 × 22 cm, ISBN: 978-3-95757-955-3.

21 Briefe an die Fotografie

Adrian Sauer: Foto Arbeiten

Besprochen von Steffen Siegel

Als wir für unsere neue Website die Rubrik »Kritik« vorbereiteten, hatten wir dafür insgesamt drei Kategorien vorgesehen: Ausstellung, Fotobuch und Wissenschaft. Doch haben wir gewiss nicht damit gerechnet, einmal alle drei zugleich zu benötigen. Adrian Sauers Buch »Foto Arbeiten«, das gerade eben im Kerber Verlag erschienen ist, beweist nun jedoch das Gegenteil. Publiziert wurde es anlässlich einer Retrospektive auf Sauers reiches künstlerisches Werk, die vor wenigen Tagen im Oldenburger Kunstverein zu Ende gegangen ist. Konzipiert ist es aber nicht als ein anlassbezogener Katalog, sondern vielmehr als ein Künstlerbuch, das die temporäre Werkschau nun dauerhaft zwischen zwei Buchdeckeln sichert.

Mehr als zehn Jahre sind inzwischen vergangen, seit Adrian Sauer in sogleich drei schmalen Bänden seine viel beachtete Arbeit »16.777.216 Farben« auch als Buch publizierte. Wie bereits seinerzeit hat Sauer auch dieses Mal mit der Gestalterin Anna Lena von Helldorff zusammengearbeitet –– und das Ergebnis ist neuerlich hervorragend. Doch geht er mit »Foto Arbeiten« nun einen anderen Weg: Nicht eine einzelne Werkgruppe steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern eine über einzelne Werke hinausgreifende Fragestellung; und mit ihr ein künstlerisches Verfahren, das in Form von Bildern zu Antworten gelangt.

Es hat sich herumgesprochen, dass Sauer wie kaum ein zweiter Fotokünstler ebenso hartnäckig wie konsequent den Möglichkeiten und Grenzen digitaler Bildlichkeit nachgeht – ihren Produktionsweisen, Zeigeformen und Gebrauchszusammenhängen. Ohne den Anspruch zu erheben, wissenschaftliche Aussagen zu treffen, zielen seine im Bild (und meist in Bildserien) formulierten Thesen aber doch auf gerade jene Fragen, die in den wissenschaftlichen Debatten unserer Gegenwart geführt werden, wenn es um Digitalität und CGI geht, um Wahrheitsansprüche und Bilderskepsis. Sauers Buch war wirklich überfällig, denn endlich ist damit ein Kompendium zur Hand, das die Vielfalt seiner künstlerischen Antworten auf mehr als 250 Seiten zusammenführt.

In einem Anhang werden überdies alle Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen aus inzwischen fast zwei Jahrzehnten minutiös aufgelistet. Darunter befindet sich natürlich auch »Über die Sprachen der Fotografie – eine Möglichkeit«, die Sauer auf Einladung von Elke Seeger im Rahmen des Festivals »Try again, fail again, fail better – Impuls Bauhaus« einrichtete und die im vergangenen Jahr bei uns an der Folkwang Universität der Künste im SANAA-Gebäude zu sehen war. Diese Ausstellung wird in einem eigenen Kapitel umfassend vorgestellt. Schließlich lässt sich, von »AGB« bis »User/Consumer«, auch jenes Glossar vollständig nachlesen, das in Essen seinerzeit akustisch präsent war.

Als Künstler muss Adrian Sauer gewiss nicht erst noch entdeckt werden. Dennoch kommt sein neues Buch gerade zur rechten Zeit. Denn mit ihm werden Vielfalt wie Aktualität seines Werks in ihrem Zusammenhang verständlich gemacht –– der Titel des Buches spricht es deutlich genug aus: als eine fortgesetzte Arbeit an den Grundlagen fotografischer Bildlichkeit.

Adrian Sauer: Foto Arbeiten, hrsg. von Galerie Klemm’s (Berlin) und Galería Helga de Alvear (Madrid), Berlin, Heidelberg (Kerber Verlag) 2020. 256 Seiten, Hardcover, 18,7 × 25,7 cm, 616 farbige und 85 s/w Abbildungen, ISBN 978-3-7356-0720-1.

André Gunthert: Das geteilte Bild

Besprochen von Matthias Gründig

Unter dem Titel »Das geteilte Bild« erschien 2019 erstmals eine Sammlung von Aufsätzen des französischen Fotohistorikers André Gunthert, der an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris lehrt, in deutscher Übersetzung. Das Original, »L'image partagée« (Éditions Textuel), wurde bereits vier Jahre zuvor publiziert, was in Hinblick auf den Inhalt der zwölf – bzw. dreizehn, zählt man eine kurze Einführung Guntherts mit – hierin versammelten Texte und damit auch für deren eigene Historizität eine signifikante Zeitspanne darstellt. Geschrieben in der Zeit zwischen 2004 und 2015 bewerkstelligen die essayistischen Texte, die zuvor teils in der von Gunthert gegründeten Zeitschrift »Études photographiques« (1996–2017) erschienen, genaue Beschreibungen und Analysen ihrer medialen Gegenwart, jener des sich formierenden, dynamischen Web 2.0. Es handelt sich dabei um »Dokumente des Übergangs« (7), wie es die Hildesheimer Medienwissenschaftlerin Stefanie Diekmann, die den Band sehr gut lesbar übersetzt hat, in ihrem informativen Vorwort ausdrückt. Hierin findet sie auch eine griffige Formel für Guntherts Beiträge zur Fototheorie dieser Übergangszeit: »mehr Bourdieu als Barthes, mehr Soziologie als Ontologie; ästhetische Aspekte hingegen nur dann, wenn sie etwas über Nutzungs- und Verwendungsformen erzählen« (9). Vor allem letzteres, der Fokus auf den Gebrauch der Bilder und ihre Kontexte lässt sich sogleich an den durchgehend farbigen Abbildungen überprüfen: Reproduktionen von Titelseiten französischer Tageszeitungen, Screenshots von Youtube-Fenstern, von sozialen Netzwerken und anderen Websites, nicht zuletzt Zusammenstellungen von Selfies, Memes und anderen Phänomenen digitaler Bildkulturen. Nie geht es dabei um ein irgendwie geartetes ikonisches Bild im Singular, stets dagegen um digitale Bilder im Plural als Medium dialogischer Kommunikation und öffentlicher Diskurse sowie um die technischen und sozialen Voraussetzungen, die Dialog und Diskurs ermöglichen.

Die Rede vom geteilten Bild, so wird bereits im Vorwort klar gemacht, beansprucht explizit keine einheitliche Theorie der digitalen Fotografie. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Sammelbegriff, unter dem verschiedene Aspekte des vielgestaltigen zeitgenössischen Bildgebrauchs Platz finden. So stellt auch der Einführungstext »Das fluide Bild« dem Buch den nicht-fixierbaren Charakter des digitalen Bildes emblematisch voran: »Das Revolutionäre an der digitalen Fotografie ist ihre Fluidität« (16). Diese markiere eine wichtige Etappe »in der fortschreitenden Diffusion der Bilder, indem sie ihnen eine unendlich gesteigerte Appropriierbarkeit verleiht« (17). Klar positioniert sich Gunthert dabei gegen kulturpessimistische und medienessenzialistische Perspektiven, beispielsweise jene W.J.T. Mitchells, nach der das Digitale ein postfotografisches Zeitalter eingeläutet habe, in dem der Wahrheitsanspruch des Bildes zerbrochen sei. »Die Katastrophe hat nicht stattgefunden« (26) - wie Gunthert überzeugend anhand des medialen Gebrauchs der Fotografien aus Abu Ghraib zeigt (»Das digitale Bild zieht in den Krieg«). Die digitale Praxis habe gezeigt, »dass die Wahrhaftigkeit des Bildes nicht von seiner Ontogenese« abhänge (33). Anstatt das Aufkommen des Digitalen als Revolution im Sinne einer harten Zäsur zu werten, zeichnet sich das Feld, das Gunthert entwirft, durch ein komplexes Zusammenspiel von Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Verschiebungen aus. So erinnert er, dass seit dem Beginn des Jahrtausends eine Revolution des Kameradesigns oder des Zeitschriftenlayouts durch das Aufkommen digitaler Bildtechniken ganz offenbar nicht stattgefunden hat, wohingegen sich insbesondere die Möglichkeiten, Fotografie miteinander zu teilen, dramatisch vervielfacht und verändert haben.

Einen großen Anteil an den allmählichen Verschiebungen des Bildgebrauchs seit der Jahrtausendwende schreibt Gunthert einerseits der parallel aufkommenden Handy- bzw. später Smartphonetechnik, andererseits der Entwicklung von Image Hosting Websites wie Flickr zu. Die Gründung von Flickr 2004 markiere »zweifellos einen Wendepunkt in der Geschichte der Medien« (54). Gut folgen lässt sich einer solchen steilen These nicht zuletzt, weil Gunthert schreibend ein stetes Misstrauen gegenüber Verallgemeinerungen beweist, das sich in einer detailgenauen Verfolgung seiner Akteure zeigt. In »Alle Journalisten?. Die Attentate von London oder der Auftritt der Amateure« etwa widmet er sich kritisch der These der Konkurrenz des sogenannten Bürgerjournalismus zu herkömmlichen Nachrichtenmedien, die um 2005 heiß diskutiert wurde. Hier zeichnet er genau die Art und Weise nach, wie Privataufnahmen vom Schauplatz der verheerenden Attentate vom 7. Juli des Jahres auf die Titelseiten von Tageszeitungen gelangten: In einem Fall sendet Adam Stacey eine Aufnahme von seinem Handy an einen Freund, der es unter Verwendung einer Creative Commons-Lizenz auf eine von ihm betriebene Hosting-Website lädt, von der es auf Flickr und Wikinews und zuletzt vom Nachrichtensender Sky News appropriiert wird. Gunthert dekonstruiert anhand dieses und anderer Beispiele die vermeintlich klare Opposition sowie Konkurrenz von Amateuren und Profis und evoziert so eine sich zusehends komplizierende Medienlandschaft, in der Fotografien zuweilen als »parasitäre« Bilder auftreten, die Websites wie Flickr kurzerhand in Nachrichtenmedien wider Willen verwandeln. Maßgeblich für die »Destabilisierung der Bildökonomie« sei eben nicht die Sozialfigur des Amateurs, die Gunthert insbesondere in den Texten »Das parasitäre Bild« und »Ist die Fotografie noch modern?« gegen ökonomische Vorbehalte verteidigt, sondern die »neue Indizierbarkeit der digitalen Fotografie« (75) im Kontext digitaler, vernetzter Datenbanken und Archive. Besonders der namensgebende Aufsatz »Das geteilte Bild. Wie das Internet die Ökonomie der Bilder verändert hat« zeigt auf eindrückliche Weise, wie das verstärkte Aufkommen von sogenanntem User Generated Content um die Mitte der Nuller Jahre Verwerfungen in einer kommerziellen Medienlandschaft erzeugte und nicht zuletzt zu einer Kriminalisierung von Amateuren führte, die Gunthert beispielhaft für Frankreich nachzeichnet. Dabei interessieren ihn weniger die Erfolgsgeschichten von Youtube, Flickr, Facebook, Instragram und so weiter als deren Verknüpfung, aus der sich ein »kohärentes System der bildbezogenen Sozialisation« (88) entwickelt. Er gibt damit unter anderem Angebote zum Verständnis der Genese heutiger digitaler Nachrichtenmedien, die sich insbesondere durch ihre Einbindung externer Inhalte von Twitter, Youtube und anderen auszeichnen.

Auf den zentralen Paradigmenwechsel des Amateur-Bildgebrauchs »von der Kontribution zum Dialog« (95) macht »Die Kultur des Sharing oder die Rache der Vielen« aufmerksam. Wie auch in den folgenden Texten beschäftigt Gunthert hier der kommunikationsmediale Charakter digitaler Fotografie, der in Zeiten von Whatsapp, Instagram und Snapchat kaum plausibilisiert werden muss und für den er den Begriff des »dialogischen Bildes« (im Original »l'image conversationelle«) findet. Vergleichbar zu den Schriften Vilém Flussers wird hier Dialog »als Modell kultureller Produktion« gefasst, das sich durch »Egalität und Reziprozität der Interaktion« (99) auszeichnet. Entsprechend hebt Gunthert für den dialogischen Bildgebrauch besonders die Abhängigkeit einer technischen, juristischen, stilistischen oder anderweitigen Appropriierbarkeit hervor, die für die Zirkulation von digitalen Bildern grundlegend ist und in der Praxis eine eigene »Ästhetik der Appropriation« (105) begründet hat, die konservativen, distinktionsgetriebenen Ästhetiken entgegensteht und sich, wie im Fall von Memes, durch eine Betonung des Ludischen, Komischen und Lächerlichen aktiv von diesen abgrenzt. In diesem Kontext lässt sich auch das Phänomen des sogenannten Selfies begreifen, dem Gunthert den letzten Beitrag widmet und von dem er meint, es sei »nicht nur eine Erweiterung des Selbstporträts; es ist zur Standarte der machtvollen Autonomisierung kultureller Praktiken geworden, die durch den digitalen Wandel befördert werden« (171). Der Öffentlichkeit des Selfie diametral entgegengesetzt verweist er zugleich in einem ebenso kurzen wie unkonventionellen und schönen Essay auf die »Fotos, die man nicht zeigt«, »die man nicht zeigen muss, sondern die man nur mit denjenigen teilt, die man liebt, um sie dann in einer Ecke aufzubewahren, wie eine Reliquie des Glücks« (114). Auch im Selfie-Zeitalter sind die Intimität und Privatheit der Fotografie nicht verschwunden.

Mit »Das geteilte Bild« zeichnet sich André Gunthert als feinfühliger Praxeograph der digitalen Bildwelten unserer Gegenwart aus. Seit 2015 hat sich in diesen natürlich viel getan, sodass sich Leserinnen und Leser beständig zu Transfers auf die jüngste Vergangenheit aufgefordert fühlen werden. Eine weiter in die Geschichte der Fotografie, gar ins 19. Jahrhundert zurückreichende Fundierung des geteilten und dialogischen Bildes findet bis auf einen kurzen Rückbezug auf Postkarten, so lohnenswert dies wäre, nicht statt, was dem Erkenntniswert der Betrachtungen Guntherts jedoch keinen Abbruch tut. Lesenswert ist das Buch nicht zuletzt aufgrund der gewinnbringenden Verknüpfung von technikgeschichtlichen und soziologischen Interessen, denen Gunthert mit einer klar egalitären Haltung nachgeht und in seinen kritischen Analysen die Komplexität der betrachteten Situation nie einfachen Erklärungsmustern unterwirft.

André Gunthert: Das geteilte Bild. Essays zur digitalen Fotografie, Konstanz (Konstanz University Press) 2019. 172 Seiten, 49 Farbabbildungen, ISBN 978-3-8353-9110-9.

Diese Rezension ist zuerst am 15. September 2020 in sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 erschienen.

Françoise Meltzer: Dark Lens

Reviewed by Steffen Siegel

Today, on the day, 75 years ago was the first day 'after'––at least in Europe. There are many attempts to describe the atmosphere, and for sure, the most prominent one has been the 'zero hour' (die Stunde Null). In his remarkable memoir Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart from 2012, the German-American scholar Hans Ulrich Gumbrecht introduced a much more convincing metaphor: 'latency.' (An English translation is available from Stanford UP as After 1945. Latency as Origin of the Present). I am not an avid fan of Gumbrecht's writings, but this book, in particular, is brilliant.

I said 'more convincing'––but, in fact, how could I possibly know? It is the question Françoise Meltzer raises in her book Dark Lens. Imagining Germany, 1945. It just came out with The University of Chicago Press. Meltzer, who has been teaching Critical theory in Chicago, takes a very personal point of departure: Her French mother Jeanne Dumilieu––during the war a member of the Résistance in Paris and, after the war, living as an American diplomat's somewhat bored wife in Bonn––took photographs of the terribly destroyed Germany. For the very first time, Meltzer (who was born in 1947) is presenting an archive of cityscapes that trigger mixed emotions: mourning, compassion, feelings of well-deserved retribution, maybe even schadenfreude.

At least this is what Meltzer reckons as a possible spectrum of reactions, taking place in 1945 as well as nowadays. She is touching upon the intricate question of how to behold (and judge) German civilians in their bomb-gutted cities: Were they criminals or victims? Can we even generalize? Is there any space for empathy? It goes without saying: there are no simple answers. Meltzer is tackling these questions by studying texts (by Hannah Arendt, Stig Dagerman, Margaret Bourke-White, Gertrude Stein, and others), paintings (Karl Hofer, Pablo Picasso, Anselm Kiefer), and photographs. Dumilieu's pictures cover the latter part––a compelling album that deserves much more attention.

Françoise Meltzer: Dark Lens. Imagining Germany, 1945, Chicago, London (The University of Chicago Press) 2019. 240 p., 4 color plates, 41 halftones.

Julian Barnes: The Man in the Red Coat

Reviewed by Steffen Siegel

Whoever went shopping at one of the Félix Potin grocery stores, at the beginning of the 20th century, had a chance to take more at home than milk or baguettes. Between 1898 and 1922, the company issued hundreds of photographic pictures in a total of three series. This method of customer retention dates back to the mid-19th century. Invented by the Paris department store »Au Bon Marché«, it became popular in the decades to come. In Germany, especially the Liebig picture cards gained considerable popularity. However, Félix Potin's pictures were unique in two ways: firstly, they were photographs (whereas most comparable collections leaned on drawings), and secondly, they were dedicated exclusively to the celebrities of the time: politicians, scientists, actors, composers, writers, etc.

The recently published book »The Man in the Red Coat« by the British writer Julian Barnes already expresses in its title a strong interest in the visual arts, particularly in one painting: John Singer Sargent’s »Dr. Pozzi at Home from 1881, now in possession of the Armand Hammer Foundation in Los Angeles. Based on this marvelous portrait, Barnes drafts a biography of the famous French gynecologist Samuel Pozzi. A pioneer in his profession, he was, of course, part of the Collection Félix Potin. However, the doctor is only the anchor for a much larger story, and this is an utterly fascinating one: Barnes reconstructs the Parisian society of the Belle Époque: its web of personal relationships, the intrigues and duels, friendships and enmities, all being part of a world long gone.

To get an overview here, you may have to be an expert on this period –– or an avid reader of Marcel Proust’s »À la recherche du temps perdu« (which is a good idea in the first place). However, Barnes leans on another means to guide his readers. All these little pictures from the Collection Félix Potin are printed on the endpaper, and they are scattered throughout the text. The book is a meditation on the possibilities of portraiture and how––if possible––to make the past present. In those days, it was probably mainly children who chased after the small picture cards. Today, it is up to us to capture with these carte de visite portraits, at least mentally, a compelling epoch.

Julian Barnes: The Man in the Red Coat, New York (Alfred Knopf) 2020. 275 p., various illustrations.