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Hollis Frampton: ADSVMVS ABSVMVS

Gleich in doppelter Weise ist kürzlich das von Anne Breimaier und Matthias Gründig herausgegebene Buch »Hollis Frampton: ADSVMVS ABSVMVS, in memory of Hollis William Frampton, Sr., 1913–1980, abest« zum gleichnamigen Werk aus dem Jahr 1982 erschienen: physisch in der hochschuleigenen Folkwang Edition | Book und digital als frei verfügbares E-Book in der Heidelberger Publikationsinitiative Arthistoricum.net-Art-Books.

Ab jetzt kann das Buch ganz einfach über das Bestellformular des Folkwang Shops bezogen werden. Alle Einnahmen aus den Buchverkäufen dienen exklusiv der Steigerung der Auflagenzahl. Das E-Book ist unter der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0) veröffentlicht und kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Die Publikation bildet den Abschluss eines Kooperationsprojektes zwischen der Freien Universität Berlin und der Folkwang Universität der Künste zum Werk des US-amerikanischen Künstlers Hollis Frampton, in dessen Rahmen im Wintersemester 2017/2018 Seminare, Exkursionen und die Ausstellung von Framptons Arbeit »ADSVMVS ABSVMVS« im UG im Folkwang, im Museum Folkwang, stattfanden. Ausführlichere Informationen zum Buch gibt es auf der Seite der Publikation.

Anna Chiesorin zum Dr. phil. promoviert

Für diese Nachricht muss man nicht in die Zukunft schauen: Heute Mittag wurde Anna Chiesorin, seit 2017 Doktorandin im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie, zur Doktorin der Philosophie (Dr. phil.) promoviert. In ihrer Dissertation »In die Zukunft schauen. Das Rendern in der architektonischen Praxis und sein Kommunikationspotenzial« hatte sie sich mit einem auf bemerkenswerte Weise allgegenwärtigen, aber nur wenig erforschten Phänomen auseinandergesetzt: dem Rendering. Bereits in der architektonischen Entwurfspraxis spielt es eine herausragende Rolle, erst recht aber dann, wenn diese Entwürfe für einen Wettbewerb eingereicht und gegenüber der Öffentlichkeit vertreten werden sollen. Ein öffentliches Bauvorhaben ohne begleitende Renderings, so betonte Anne Chiesorin heute in ihrer Disputation, ist eigentlich nicht mehr vorstellbar.
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Um die Bedeutung dieser computergestützten Visualisierungspraxis und die Rolle einer hiermit verbundenen fotorealistischen Ästhetik genauer in den Blick nehmen zu können, wählte Anna Chiesorin drei Bauvorhaben der jüngeren Zeit, die in der Arbeit exemplarisch diskutiert wurden: das Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg, das NS-Dokumentationszentrum in München (diese beiden Häuser wurden bereits eröffnet) sowie das Archiv am Eifelwall in Köln, dessen Eröffnung für den Herbst dieses Jahres geplant ist. Betreuer und schließlich Gutachter der Dissertation waren Steffen Siegel und Markus Rautzenberg. Nach der abgeschlossenen Prüfung hat Anna Chiesorin vor, ihr Manuskript als Buch zu veröffentlichen.
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Zunächst aber gilt: Tanti auguri, Dottoressa Chiesorin!

M.A. Photography Studies and Research

Wie in jedem Frühjahr schreiben wir auch 2021 die Studienplätze für unseren wissenschaftlichen Masterstudiengang Photography Studies and Research aus. Bewerbungen sind bis zum 31. Mai 2021 möglich. Studienbeginn für den nächsten Jahrgang ist das Wintersemester 2021/2022. Ausführliche Informationen zum Zulassungsverfahren an der Folkwang Universität finden sich hier. Wir freuen uns über Bewerbungen von allen, die eine praktisches wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie fasziniert! Für Rückfragen stehen Matthias Gründig und Steffen Siegel jederzeit zur Verfügung.

That is no proof

Katharina Ley: Retusche (480/110), 2021.

Katharina Ley und Katja Stolz, Studentinnen im B.A. Fotografie, stellen derzeit gemeinsam im Kunstraum KOP.12 unter dem Titel »THAT IS NO PROOF« aus. Sie experimentieren mit analogem Filmmaterial und digitalen Ausgabeprozessen. Durch Eingriffe in Bildmotive und Bildträger werden Ausgelöschtes und daraus resultierende Leerstellen neu inszeniert.

Katja Stolz bearbeitet mit gezielten Schnitten analoge Kleinbildnegative und setzt diese neu zusammen, bevor sie die so entstandenen Bilder mit einem handelsüblichen Flachbettscanner digitalisiert. Dabei bedient sie sich amateurhaft anmutender Landschaftsfotografien, wobei ihre finalen Bilder mit der klassischen Landschaftsfotografie nur noch wenig zu tun haben. Auch bei Katharina Ley lassen sich Motive aus dem Sujet der Naturfotografie finden. Anders als Katja Stolz bearbeitet sie die Bilder auf Baryt-, PE- oder Inkjetpapier erst im Nachhinein mit Schmirgelpapier, so dass die Schichten des Trägermaterials sichtbar gemacht werden. Dabei stehen Motiv, Bildträger, intuitiver Gestus und Körnung des Bearbeitungswerkzeuges in einem sich gegenseitig bedingenden Verhältnis, welches den Bildeingriff leitet.

In der Gemeinschaftsausstellung »THAT IS NO PROOF« lässt sich das gemeinsame Interesse an einem Umgang mit fotografischen Materialitäten erkennen, der die visuellen Darstellungsmöglichkeiten des Medium ausreizen will. Das Spiel mit dem Papier, dessen Materialität und dem des fotografischen Ausgangsmaterials verfremdet das ursprüngliche Bildmotiv und schafft neue Betrachtungsweisen. Beide Künstlerinnen lösen sich nicht vollkommen von der Gegenständlichkeit ihres Ausgangsmaterials: Die ursprünglichen Motive sind noch erkennbar, reagieren mit den Spuren und Leerstellen, die die händischen Eingriffe ins Material hinterlassen. Zwischen Verbergen und Sichtbarmachen, lassen sich beide Begriffe so nicht mehr eindeutig zuordnen.

Zu sehen ist die Ausstellung vom 9. bis zum 30. Mai 2021 im Kunstraum KOP.12 am Kopstadtplatz 12 in der Essener Innenstadt – jederzeit für einen Teil der Ausstellung im Schaufenster sowie im Kunstraum selbst nach Vereinbarung. Eine Vorschau auf die gezeigten Werke gibt es außerdem hier.

Über das Verweilen als Impuls

Simon Ringelhan: Konterfei (Detailansicht), 2019

Lilith Ribitzki und Simon Ringelhan, die beide an der Folkwang Universität der Künste im B.A. Fotografie studieren, stellen zur Zeit in der Reihe #Takeover im PACT Zollverein, dem Choreographischen Zentrum NRW, aus. Sie haben hierfür eine Woche lang das Trafohaus des PACT zur kollaborativen Arbeit genutzt und in dieser Zeit ihre Ausstellung »Über das Verweilen als Impuls« erarbeitet. Zu sehen ist die Ausstellung vom 17. bis zum 25. Mai 2021 in der Bullmannaue 20a in Essen.

Zu ihrer gemeinsamen Idee schreiben sie selbst: »Die Arbeit beruht auf der Faszination unserer Verbindung zur Natur, Zeit und Vergänglichkeit, die dem einhergeht. So geht es um den Umgang mit der Wirkung von Orten, sowie Un-Orten, Räumen, Licht und Eindrücken als das persönliche, instinktive Erlebnis. Fotografie als Projektionsfläche existenzieller Fragestellungen und Symbolik des menschlichen Daseins. Durch direktes Einbrennen eines Momentes, der Hochvergrösserung verschiedener Oberflächen und dem Sichtbar machen von Bestandteilen, versuchen wir diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen.«

Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?

Begleitend zur Ausstellung Stopover 20/21 im UG des Museum Folkwang veranstalten die Studierenden des M.A. Photography Studies and Research am 7. Mai 2021 einen öffentlichen Workshop. Im Zentrum der eintägigen Veranstaltung stehen »Zugänge«. Mit ihnen verbindet sich eine wichtige Frage: »Was soll Fototheorie leisten?«

Auf Einladung der Master-Studierenden werden zwei Keynotes gehalten werden: zum einen vom Kunst- und Medienwissenschaftler Dr. Roland Meyer, der vor Kurzem mit seiner Monografie »Operative Porträts: Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavater bis Facebook« hervorgetreten ist; darüber hinaus hat er soeben seine Studie »Gesichtserkennung: Digitale Bildkulturen« veröffentlicht. Zum anderen wird die Kunsthistorikerin Vera Tönsfeldt sprechen, die seit 2019 beim Rom e.V. tätig ist. Seit Beginn dieses Jahres führt sie dort zusammen mit zwei Kolleginnen das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt DigiRom durch. Ziel dieses Projekts ist die Digitalisierung, Erschließung und kritische Erforschung von rund 2.360 historischen Bildpostkarten und 1.225 historischen Grafiken aus dem Bestand des Rom e.V. Sie wird ihren Vortrag gemeinsam mit Helena Weber halten, die als Fotohistorikerin wissenschaftliche Referentin für das Projekt DigiRom tätig ist.

Neben den drei Gästen sprechen Özlem Arslan, Judith Böttger, Isabelle Castera und Jakob Schnetz. Unter der Leitfrage des von Judith Böttger und Laura Niederhoff moderierten Workshops geben sie Einblick in ihre aktuelle Forschungsarbeit. Judith Böttger wird mit den im UG ausstellenden Fotografinnen und Fotografen einen Artist Talk führen.

Die Veranstaltung wird online stattfinden. Eine Anmeldung durch eMail ist bis zum 4. Mai 2021 möglich.

Timm Rautert: Fotobücher

Seit seinem Studium an der Folkwangschule in Essen-Werden, das heißt seit den späten 1960er Jahren, hat sich der Fotograf Timm Rautert intensiv mit den Zeigemöglichkeiten des Fotobuchs auseinandergesetzt. Ob in den Werkkatalogen von Franz Erhard Walther oder in Form der gesammelten, gemeinsam mit Michael Holzach erarbeiteten Reportagen, ob in den zusammen mit Otl Aicher entwickelten Bänden oder in den Ausstellungskatalogen und konzeptuellen Künstlermonografien, das Medium des Buches hat die fotografische Arbeit von Timm Rautert in den letzten fünfzig Jahren nicht allein begleitet, sondern auf intensive Weise geprägt. Auf diese Weise sind mehr als fünfzig Bücher entstanden.

Anlässlich der am Museum Folkwang ausgerichtete Retrospektive »Timm Rautert und die Leben der Fotografie« werden am 6. Mai 2021 Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie, und Jan Wenzel, Verleger von Spector Books Leipzig, über diese besondere Dimension in Timm Rauterts fotografischen Werk sprechen. Anhand ausgewählter Bücher – darunter die verschiedenen Ausgaben der »Bildanalytischen Photographie« und die Gemeinschaftsprojekte mit Aicher – sollen Rauterts ästhetische Strategien insbesondere aus dem Blickwinkel des Fotobuchs diskutiert werden.

Ausgangspunkt des Gesprächs ist dabei ein weiteres Buch, an dem Steffen Siegel und Jan Wenzel gegenwärtig arbeiten und das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird: eine monografische Zusammenschau von Rauterts Fotobüchern. Idee und Struktur dieses Buch sollen anlässlich dieses Gesprächs erstmals öffentlich vorgestellt werden.

Das Gespräch findet statt am Donnerstag, den 6. Mai 2021 ab 19 Uhr. Die Teilnahme ist kostenfrei. Der Zugangslink zur Online-Veranstaltung wird zugesandt nach einer Anmeldung per eMail.

Drei neue Stipendiat:innen im Förderprogramm »Museumskuratoren für Fotografie«

Nadine Isabelle Henrich, Matthias Pfaller und Marie-Luise Mayer bei der ersten Besprechung mit der Krupp-Stiftung, April 2021.

Seit 1999 schreibt die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung alle zwei Jahre das Stipendien­programm Museumskuratoren für Fotografie, und in diesem Jahr stammen zwei der drei geförderten Kurator*innen der nächsten Generation von der Folkwang Universität der Künste. Hierüber freuen wir uns natürlich sehr! Neben Nadine Isabelle Henrich von Freien Universität Berlin wurden Marie-Luise Mayer und Matthias Pfaller ausgezeichnet. Marie-Luise Mayer schloss 2020 ihren Master in unserem Programm Photography Studies and Research ab. Matthias Pfaller ist derzeit noch an der Folkwang Universität der Künste als Doktorand eingeschrieben, wo er die von ihm bereits eingereichte Dissertation »The National Paradigma s a Provocation to the Historiography of Photography. Chile as a Case Study« in Kürze verteidigen wird.

Im Rahmen eines umfassenden Auswahlverfahrens entschied sich eine Jury, bestehend aus Dr. Kathrin Schönegg, Kuratorin, C/O Berlin und ehemalige Stipendiatin des Programms, Dr. Doris Gassert, Research Curator am Fotomuseum Winterthur in der Schweiz, Dr. Ulrich Pohlmann, Leiter der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums, Thomas Seelig, Leiter der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwangs und Dr. Ingomar Lorch, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen, für zwei Stipendiatinnen und einen Stipendiaten, die bereits erste Erfahrungen im Bereich der Fotografie gemacht haben.

Die Krupp-Stiftung fördert die Stipendien mit jeweils rund 55.000 Euro und arbeitet dabei mit der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang, Essen, der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum, dem Fotomuseum Winterthur, dem Getty Research Institute, Los Angeles, dem Centre Georges-Pompidou, Paris, und dem Victoria and Albert Museum, London zusammen. Im Verlauf des Stipendienprogramms haben die Stipendiat*innen die Möglichkeit, für jeweils sechs Monate an den drei Partnermuseen in Deutschland und der Schweiz und einer der drei kooperierenden Einrichtungen im Ausland eine museumsspezifische Ausbildung zu erhalten und mindestens an einem Ausstellungsprojekt oder Forschungsvorhaben zur Fotografie mitzuarbeiten. Bestandteil des Programms ist auch die selbstständige Organisation und Durchführung eines Symposiums oder Workshops zu besonderen Fragestellungen der Fotografie.

HfG Ulm: Ausstellungsfieber

»Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm« heißt ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das seit 2017 von der VolkswagenStiftung gefördert und gemeinsam von Martin Mäntele (HfG-Archiv Ulm), Thomas Hensel (Hochschule Pforzheim) und Steffen Siegel (Folkwang Universität der Künste Essen) geleitet wird. Im Rahmen dieses Projekts entstanden zwei Dissertationen, die Christopher Haaf und Linus Rapp im Sommer 2020 im Promotionsprogramm zur Theorie und Geschichte der Fotografie erfolgreich verteidigt haben und die in wenigen Monaten als Bücher erscheinen werden.

Bereits zuvor aber wird im HfG Archiv Ulm die Ausstellung »HfG Ulm: Ausstellungsfieber« zu sehen sein, die wichtige Ergebnisse des Forschungsprojekts öffentlich vorgestellt und Viktoria Heinrich gemeinsam mit Christopher Haaf und Linus Rapp kuratiert hat. Die Laufzeit der Ausstellung ist vom 1. Mai bis zum 19. September 2021, danach werden weitere Stationen im deutschsprachigen Raum folgen.

Erstmals wird mit dieser Ausstellung der die Geschichte der HfG Ulm prägende Zusammenhang von Design und Ausstellungen ausführlich thematisiert. Die Präsentation soll einen neuen Blick auf die Designhochschule im internationalen Kontext ermöglichen. Im Mittelpunkt steht dabei die Ausstellungstätigkeit der HfG, die wesentlich zu ihrer weltweiten Wahrnehmung beitrug. Die zahlreichen Schul- und Auftragsausstellungen, die zwischen 1953 und 1968 von der HfG konzipiert und im In- und Ausland präsentiert wurden, finden dabei besondere Beachtung. An der HfG nutzte man neben hochschulinternen Ausstellungen aber auch Messeauftritte großer Firmen — zum Beispiel für Braun, BASF oder SONOR — als Experimentierfeld, um Ausstellungssysteme zu konstruieren und zu testen. Industriell gefertigte Messe- und Ausstellungssysteme etablierten sich in den 1960er Jahren zum Standard, die Ausstellungen der HfG tragen einen wichtigen Teil zu dieser Entwicklung bei.

Unveröffentlichte Quellentexte und historisches Material, darunter Ausstellungsstände, Systementwürfe sowie Fotografien, werden in der Ausstellung diese Entwurfs- und Ausstellungspraxis veranschaulichen. Ein von den Projektleitern herausgegebener und die beiden Monografien begleitender Materialband wird dabei wichtige Text- und Bildquellen erstmals überhaupt öffentlich zugänglichen machen. Begleitet sind sie von einem umfassenden Glossar, das dieses faszinierende Material aufschließen hilft.

Elisabeth Neudörfl: Out in the Streets

Elisabeth Neudörfl: Demonstrationsroute (9. Juni, 12. Juni, 16. Juni, 21. Juni, 24. Juni, 26. Juni, 1. Juli 2019), Yee Wo Street / Leighton Road, Causeway Bay, Hong Kong. Aus der Serie »Out in the Streets«, 2021.

In diesem Frühjahr zeigt Elisabeth Neudörfl, Professorin für Dokumentarfotografie, in der Galerie Barbara Wien erstmals ihre fotografische Serie »Out in the Streets«. Die Ausstellung eröffnet während des Gallery Weekends in Berlin und wird bis Anfang Juli zu sehen sein. Für die Ausstellung hat Neudörfl insgesamt 35 Fotografien ausgewählt, darüber hinaus erscheint im Juni bei Hatje Cantz ein Künstlerinnenbuch mit insgesamt 96 Bildern.

»Out in the Streets« ist eine umfassende fotografische Bestandsaufnahme des öffentlichen Stadtraums in Hongkong im Frühjahr 2020. Elisabeth Neudörfl reiste im Februar 2020 nach Hongkong, um den Zustand der Stadt nach dem Abflauen der Demokratiebewegung und am Beginn der Corona-Pandemie festzuhalten. Sie hat auf den Demonstrationsrouten und an den Universitäten fotografiert. Aber nicht nur hier, an den Orten der studentischen Proteste, auch in anderen Stadträumen erscheint Hongkong als dystopische Stadt: geschlossene Läden, Straßen ohne Verkehr, menschenleere Metrostationen. Vor allem Graffiti und übermalte Graffiti spiegeln die Auseinandersetzungen und die Veränderungen in der Stadt. Die Fotografien bezeugen einen Moment in der Geschichte Hongkongs – den gespenstischen Ausnahmezustand zwischen Protest und Pandemie.

Der historische Kontext Hongkongs wird in wenigen Bildern mit Fotografien der Kolonialarchitektur angedeutet; den Hauptteil bilden die Fotografien von Demonstrationsrouten und Universitätsgelände. Ein anderer Teil, sowohl in der Ausstellung als auch im Buch, sind ein Video und Standbilder, die zeigen, wie ein Kalligrafiepinsel die chinesischen Zeichen für Hongkong und ein Graffito aus dem Stadtraum schreibt. Neudörfl hat eine Actionkamera an dem Pinsel befestigt. Der Blick folgt dem Pinsel, der immer am rechten Rand ins Bild hineinragt. In dieser Versuchsanordnung prallen ganz unterschiedliche Momente aufeinander: Graffiti werden schnell geschrieben, möglichst unerkannt. Bei der Kalligrafie geht es um das präzise Setzen jedes einzelnen Strichs. Actionkameras werden für schnelle, spektakuläre, raumgreifende Bewegungen eingesetzt. Hier verlassen Pinsel und Kamera den Tisch mit dem Papier nicht, die Bewegungen sind langsam. Die Konzentration der Kalligrafie steht sowohl dem Ephemeren der Graffiti als auch der »Action« der Actionkamera entgegen. Das langsame Schreiben verweist auf die Bedeutung solcher Slogans und Texte, die für die Kommunikation im Stadtraum wichtig sind.

Stopover 20/21 im Museum Folkwang

Wie in jedem Jahr präsentieren auch in diesem Wintersemester die Studierenden des Masterprogramm Photography Studies and Practice im dritten Semester ihre fotografischen Arbeiten im UG des Museum Folkwang. »Stopover« zeigt keine fertigen Abschlussarbeiten, vielmehr sollen Einblicke in aktuelle Entstehungsprozesse gewährt werden. Zu sehen sind daher Zwischenstadien einer künstlerischen Entwicklung: von der intensiven Beschäftigung mit einem speziellen Thema bis hin zur experimentellen Bildfindung.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung arbeiten die Studierenden der beiden Master-Programme aus Praxis und Theorie eng zusammen. Die Kooperation zwischen der Folkwang Universität und dem Museum Folkwang ermöglicht es allen an der Ausstellung Beteiligten, bereits während des Studiums die institutionelle Abläufe innerhalb eines Museums umfassend kennenzulernen.

In der Ausstellung zu sehen sind Arbeiten von Lea Bräuer, Florian Fäth, Silviu Guiman, Amy Haghebaert, Xiaole Ju, Elena Kruglova, Rebecca Racine Ramershoven, Rosa Lisa Rosenberg, Samuel Solazzo, Anne-Christin Stroje und Julia Tillmann.

Nach langem Warten konnte das Museum Folkwang ab dem 11. März seine Türen öffnen, und damit ist neben allen anderen Ausstellungen »Stopover« nicht allein zu sehen, sondern wurde auch bis zum 27. Juni verlängert! Der Eintritt ist frei. Es gelten selbstverständlich die vom Museum Folkwang festgelegten Hygienebestimmungen.

Erste Blicke gibt es auch auf Instagram und Twitter.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Textbeiträgen von Özlem Arslan, Judith Böttger, Isabelle Castera, Laura Niederhoff, Jakob Schnetz und Paul Werling.

Darüber hinaus richten die Studierenden des Masters Photography Studies and Research unter dem Titel »Zugänge – Was soll Fototheorie leisten?« am 7. Mai 2021 einen ganztägigen Workshop aus. Er soll dazu dienen, anlässlich der Ausstellung Fragen zum Zusammenhang von digitalen Bildkulturen und Diversity zu diskutieren.

Ein Gespräch mit Erdmut Wizisla

1955 wurde Bertolt Brechts »Kriegsfibel« erstmals in der DDR veröffentlicht. 1996 erschien Michael Schmidts Künstlerbuch »Ein-heit« im wiedervereinten Deutschland. Beide Publikationen setzen sich mit der deutschen Geschichte, insbesondere des Zweiten Weltkrieges, auseinander und untersuchen anhand von Medienbildern die Aussagekraft von Fotografie. Prof. Dr. Erdmut Wizisla, Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs sowie des Walter-Benjamin-Archivs an der Akademie der Künste in Berlin, und Maxie Fischer, Doktorandin an der Folkwang Universität der Künste, haben im August 2020 ein Gespräch über die Bücher und die wissenschaftliche Arbeit mit Archivmaterial geführt. Erschienen ist es gerade eben in der jüngsten Ausgabe von Fotogeschichte, Nr. 159/2021, das sich als Themenheft neuen Perspektiven der Fotobuchforschung widmet.

Weiterblättern!

Was im Juli 2019 als ein Workshop begann, ist nun als ein Themenheft der Zeitschrift »Fotogeschichte« erschienen: »Weiterblättern!« heißt die Aufforderung, denn es geht um »Neue Perspektiven der Fotobuchforschung«. Herausgegeben wurde es von Anja Schürmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am KWI, dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, sowie im Sommersemester 2021 mit einem Seminar zum zeitgenössischen Fotobuch Lehrbeauftragte an der Folkwang Universität und Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste.

Neben einem ausführlichen Editorial der Herausgeberin und des Herausgebers werden in insgesamt sechs Beiträgen die Möglichkeiten neuer Perspektiven der Fotobuchforschung diskutiert. Sie kann ihren Ausgang nehmen von den populären Katalogbüchern zur Geschichte und Gegenwart des Fotobuchs, sollte diesen Sammlungen nun aber mit systematischen Forschungsinteressen antworten. Mit dem »Weiterblättern!« verbindet sich zugleich die Aufforderung, mehr als einzelne Fotobücher zu untersuchen und so diese fotografische Zeigeform in ihrem größeren Zusammenhang in den Blick zu nehmen.

Die Beiträge des Themenheftes stammen von Bettina Lockemann, die über performative Aspekte des Fotobuchs schreibt, von Anja Schürmann, die für das Fotobuch die Vielfalt von Perspektiven untersucht, von Sophia Greiff, die in ihrem Beitrag der Rolle von Dokument und »Found Footage« nachgeht, von Burcu Dogramaci, die den Begriff des »Hyperbook« einführt und diskutiert und von Steffen Siegel, der nach den Rändern des Fotobuchs fragt. Nicht zuletzt aber stellt Elisabeth Neudörfl in ihrem Beitrag ein eigenes Fotobuch vor, das ohne jeden Text – genauer noch: ohne einen einzigen Buchstaben – auskommt und auf diese Weise die Möglichkeiten des Fotobuchs in besonderer Weise zuspitzt.

Ausführlichere Informationen zu diesem Heft gibt es hier.

Vier Alumni in den Photonews

In der April-Ausgabe der in Hamburg erscheinenden »Photonews« werden sogleich vier unserer Alumni aus älterer und jüngerer Zeit mit einem eigenen Beitrag gewürdigt. Kerstin Stremmel, alsbald neue Sammlungsleiterin für Fotografie und Medienkunst am Museum der Moderne in Salzburg, bespricht die derzeit am Museum Folkwang ausgerichtete Retrospektive von Timm Rautert. Anna Gripp interviewt Franziska Kunze, die im Jahr 2018 mit ihrer Dissertation »Opake Fotografien« im Fach Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste promoviert worden ist und vor genau einem Jahr ihre Tätigkeit als Sammlungsleiterin für Fotografie und Medienkunst an der Pinakothek der Moderne in München aufgenommen hat. Außerdem werden in einem gemeinsamen Artikel die beiden Masterarbeiten von Franziska Schrödinger und Michael Rostock vorgestellt, mit denen sie im vergangenen Jahr im M.A. Photography Studies and Practice abgeschlossen haben.

Gespräch mit Jeff Wall

Auguste Rodin: Der Denker, 1902, Bronze, Höhe: 181 cm. Kunsthalle Bielefeld. Foto: Ingo Bustorf.

Am Mittwoch, den 17. März 2021, sprechen Christina Végh, Direktorin der Kunsthalle Bielefeld, und Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, mit dem kanadischen Künstler Jeff Wall. Stattfinden wird das Gespräch live auf Zoom, Jeff Wall wird aus Vancouver zugeschaltet werden. Dabei sollen zwei Fragen im Mittelpunkt stehen: Wessen Denkmal? Wer steht auf dem Sockel?

Anlass für das Gespräch ist ein spektakulärer temporärer Kunsttausch: Nach mehr als 50 Jahren hat im vergangenen Herbst der »Denker« von Auguste Rodin zum ersten Mal seinen Sockel vor der Kunsthalle Bielfeld verlassen. Gezeigt wird er derzeit in der Sonderausstellung »Rodin/Arp« in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Im Tausch sind dafür zwei ikonische Werke Walls nach Bielefeld gekommen: »The Thinker« (1986) und »The Giant« (1992). Sie sind derzeit, obwohl die Kunsthalle aus bekanntem Anlass nicht geöffnet sein kann, auch von außen im gläsernen Eingangsbereich des Hauses zu sehen.

Während in »The Thinker« die Figur auf einer Art von Sockel sitzt, ist die Figur in »The Giant« dem Werktitel entsprechend übergroß dargestellt. Aktuell ist die Frage um das Denkmal brisant. In Abhängigkeit gesellschaftlicher Umbrüche muss stets neu verhandelt werden, was auf dem Sockel steht. Inwiefern können Walls Werke als imaginierte Monumente oder »Anti-Denkmäler« gesehen werden? Hiervon soll das Gespräch Mitte März handeln.

Die Teilnahme ist kostenlos möglich. Bitte melden Sie Ihre Teilnahme an bei Matthias Albrecht, Sie erhalten dann den Link: albrecht@kunsthalle-bielefeld.de

M.A. Photography Studies

Wie zu Beginn jedes Jahres schreiben wir auch 2021 die Studienplätze für unsere beiden Masterstudiengänge Photography Studies and Practice und Photography Studies and Research aus. Die Bewerbungsfristen sind der 15. März (Practice) sowie der 31. Mai 2021 (Research). Studienbeginn für den nächsten Jahrgang ist das Wintersemester 2021/2022. Ausführliche Informationen zu den Inhalten des Masterstudiums sowie zu den Einzelheiten des Zulassungsverfahren an der Folkwang Universität finden sich auf den hier verlinkten Seiten. Darüber hinaus stehen wir aber natürlich auch gerne für Rückfragen zu Verfügung! Wir freuen uns über Bewerbungen von allen, die eine praktisches wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie fasziniert!

100 Beste Plakate

Viktor Lentzen und Daniel Kobert, die, wie auch in diesem Jahr, bereits 2020 das Bewerbungsplakat für unseren Masterstudiengang Photography Studies and Research entworfen haben, wird eine besondere Ehre zuteil: Von einer Fachjury wurden die beiden für ihre Gestaltung im Wettbewerb um die 100 Besten Plakate in Deutschland, Österreich und der Schweiz neben 99 anderen als Gewinner ausgezeichnet. Insgesamt waren für den Wettbewerb knapp 2.000 Plakate von 600 Einreicher*innen eingegangen. Das Plakat wird damit auf der alljährlichen Wanderausstellung der 100 Besten Plakate gezeigt werden.

Vor Kurzem haben Viktor Lentzen und Daniel Kobert ihre Abschlüsse im Bachelor Kommunikationsdesign gemacht. Wir gratulieren doppelt herzlich und freuen uns über unser Gewinner-Plakat!

Mehr Informationen zu den 100 Besten Plakaten 20 auf der offiziellen Website des Vereins.

Timm Rautert und die Leben der Fotografie

Timm Rautert, einer der namhaftesten deutschen Gegenwartsfotografen und Alumnus der Folkwang Universität, wird dieses Jahr nicht allein achtzig Jahre alt, sondern derzeit mit einer großen Retrospektive seines Werks im Museum Folkwang geehrt. Kuratiert wurde sie von Thomas Seelig, dem Leiter der fotografische Sammlung des Museums Folkwang. Danach wird die Ausstellung »Timm Rautert und die Leben der Fotografie« übrigens auch im Bombas Gens in Valencia zu sehen sein.

Anlässlich dieser Ausstellung ist im Steidl Verlag aus Göttingen ein Katalog erschienen, der diese vielen Leben der Fotografie auf 520 Seiten und in 332 Abbildungen entfaltet. Begleitet wird das Buch durch sechs Essays, die in verschiedene Aspekte des Werks einführen. Sie stammen von Bertram Kaschek, Nicole Mayer-Ahuja, Jürgen Müller, Gisela Parak, Steffen Siegel und Ulf Erdmann Ziegler. Außerdem hat Sophie-Charlotte Opitz eine kommentierte Biografie beigesteuert.

In the evening

Carolin Albers: Alphörner im Becken, 2020.

35 Fotostudierende aus ganz Deutschland – darunter auch Charlotte ChapiusHenk Aaron SzantoMoayad Balo und Nick Jaussi von der Folkwang Universität der Künste – zeigen derzeit, über das Essener Stadtzentrum verteilt, ihre Arbeiten. Die Pandemie zieht neue Formen des Ausstellers nach sich. Da derzeit fast alle Läden und Cafés geschlossen bleiben müssen, nutzen die Fotografinnen und Fotografen die leeren Schaufenster und zeigen so, dass die Stadt dennoch lebt. Gegenwärtig ist kulturelle Erfahrung fast vollständig auf den digitalen Raum beschränkt. Mit dem gemeinsamen Projekt »In the evening« soll sie aber in den öffentlichen Raum getragen werden – eine Begegnung mit fotografischer Kunst soll auch in Zeiten der Pandemie möglich sein!

Organisiert wurde das Projekt von Studierenden der Folkwang Universität in Zusammenarbeit mit dem Fotobus. Zum Ausdruck gebracht werden soll die andauernde Erfahrung einer kollektiven Isolation. Daher wurden die Schaufenster von zwei Cafés sowie zwei Ladengeschäften in bunte und vielfältige Ausstellungsräume verwandelt. Im Einzelne sind dies das Landschaftsplanungsbüro in der Rellinghauser Straße 114, das TFC Airlebnis Reisebüro am Rüttenscheider Platz 12, das Café Click in der Beethovenstraße 1 und das Café LIVRES in der Moltkestraße 2a. Zur Orientierung findet sich hier eine Karte. Laufen wird das Projekt so lange, bis die Cafés und Läden wieder öffnen dürfen.

Maya Graef hat am 25. Februar für die WDR Lokalzeit von diesem Projekt berichtet, am 2. März Radio Essen und am 4. März die WAZ.

Die Zukunft der Fotografie

Über die Fotografie wurde eigentlich immer schon im Futur nachgedacht. Das Medium ist zu lebendig und zu viel versprechend, als dass es nicht fortgesetzt Spekulationen über seine Zukunft herausfordern würde. Mit dem gerade eben erschienenen 158. Heft von »Fotogeschichte« erhält ein solches Nachdenken sogleich 34 Mal neues Futter. Ebenso viele Autorinnen und Autoren haben auf Einladung des Herausgebers der Zeitschrift, Anton Holzer, in kurzen Texten über die Zukunft der Fotografie nachgedacht – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Mit dabei ist unter anderem Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. In seinem Beitrag »Globus Fotogeschichte« widmet er sich der interdisziplinären Zukunft der Fotoforschung.

In der Ankündigung des Verlags heißt es zu diesem Heft: Die Fotografie hält zum einen Ereignisse fest und verwandelt sie zugleich in Vergangenheit. Sie ist, so gesehen, ein historisches Medium par excellence. Zum anderen beflügelte sie von Anfang an Zukunfts-Fantasien. Die Fotografie werde, so prophezeiten bereits die allerersten Kommentatoren in den späten 1830er Jahren, in Zukunft Dinge sichtbar machen und enträtseln, die bislang im Verborgenen geblieben waren: die Hieroglyphen Ägyptens ebenso wie das Licht entfernter Sterne, den Schmetterlingsflügel unter dem Mikroskop ebenso wie entfernte Reiseeindrücke. Die Beiträge dieses Themenhefts loten diese Doppelgesichtigkeit des Mediums aus und fragen danach, wie die Zukunft der Fotografie aussehen könnte. Manches, vielleicht sogar vieles, wird anders kommen als wir es aus heutiger Perspektive erwarten. Nicht nur, weil die gegenwärtige globale Gesundheitskrise noch unabsehbare Folgen haben wird. Sondern auch, weil die gesellschaftlichen Systeme, die auf uns zukommen werden, neue, vielleicht radikal andere Formen des Fotografischen hervorbringen werden – möglicherweise jenseits von Digitalisierung und Internet.

Kritik

Tafel VII: Kinderstuhl

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Hartmut Rosemann studiert seit 2022 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Wer jemals versucht hat, ein im Geiste vorgestelltes Bild mithilfe von Sprache und einem KI-Modell in eine tatsächliche Darstellung zu überführen, stellt, sobald das anfängliche Gefühl von Magie verflogen ist, fest, dass Einzelheiten oft nicht so in Erscheinung treten, wie sie intendiert waren. In der sprachlichen Beschreibung werden Details ausgelassen, vielleicht bleibt die Definition des Lichts oder einer Textur ungenau, kurz: Man scheitert an der unermesslichen Detailfülle der Welt.

Ich habe versucht, diese Problematik in einem Experiment ad absurdum zu führen: Mein Ausgangspunkt sollte jetzt kein imaginiertes Bild sein, sondern eine digitale Fotografie eines Stilllebens. Diese Aufnahme ließ ich von einer künstlichen Intelligenz bis ins kleinste Detail analysieren, um daraus den Prompt für eine erneute Bildgenerierung zu gewinnen.

Das hier gezeigte Resultat vermittelt ein grundlegendes Verständnis für den Aufbau des Originalbildes: Es zeigt die gleichen oder ähnlichen Gegenstände, arrangiert sie in einem ähnlichen Verhältnis zueinander, greift die Komposition und Lichtstimmung auf und übersetzt sie in einer ähnlichen Weise. Doch es bleibt bei dieser Ähnlichkeit.

In der Fotografie wird die Realität über ein optisches System auf einen – wie in meinem Fall – digitalen Sensor projiziert und gespeichert. Modelle künstlicher Intelligenz hingegen haben anhand von Trainingsdatensätzen mit Abermillionen Bildern gelernt, wie Dinge typischerweise aussehen und generieren daraus eigene Darstellungen. Während eine Fotografie auch Details festhält, die manchmal erst bei späterer Betrachtung ins Auge fallen, bleibt die KI auf die Sprache angewiesen und diese weist, wie bereits beschrieben, Lücken auf. Die Maschine füllt diese Leerstellen mit statistischen Mustern. Wird im Prompt etwa nur ein Kinderstuhl erwähnt, ohne dessen spezifische Beschaffenheit zu bestimmen, entscheidet sich die Maschine für eine Durchschnittsdarstellung eines Kinderstuhls.

In meinem Experiment dient die Originalfotografie als Stellvertreter einer präzisen mentalen Vorstellung. Der Versuch, diese eins zu eins in das KI-Modell zu überführen, gleicht dem Vorhaben, einem anderen Menschen ein inneres Bild zu beschreiben. Das Gegenüber wird niemals exakt das gleiche Bild vor dem geistigen Auge formen. Womöglich lässt sich die generative Leistung der Maschine analog zur menschlichen Imaginationskraft begreifen.

Auch unsere mentalen Bilder sind selten bis ins letzte Detail definiert. Wir formen sie aus visuellen Erfahrungen und erlernten Konzepten. In ähnlicher Weise greift auch die KI auf ihre digital erlernte Bildwelt zurück und synthetisiert daraus Bilder nach ihrer eigenen Bildlogik.

So kann ein durch KI erzeugtes Bild als Ergebnis zweier aufeinandertreffender Imaginationssysteme verstanden werden, entstanden in einem produktiven Raum zwischen menschlicher und maschineller Vorstellungskraft.

Tafel VI: Über die Reproduzierbarkeit rechnerisch erzeugter Bilder

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Johan Schiefke studiert seit 2024 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

In dem hier vorgelegten Versuch bat der Operator das System, ein von Künstlicher Intelligenz hervorgebrachtes Original (oben links) allein unter dem Stichwort »Porträt« zu reproduzieren. Dem Resultat dieser Aufforderung wurde wiederum dieselbe Prozedur unterzogen. Dieser Vorgang wurde in einer Kette von fünfunddreißig Wiederholungen fortgesetzt.

Während es bei den ersten Resultaten noch ein geschultes Auge bedarf, um Abweichungen vom ursprünglichen Bilde zu bemerken, treten mit fortschreitender Wiederholung allmählich Erscheinungen hervor, die sich dem Beobachter nicht länger entziehen. Dies reicht von einem Rauschen im Bild über unverhältnismäßige Sättigung der Farben bis hin zur Veränderung des Bildinhalts selbst. Der Prozess lässt sich bis zur völligen Entfremdung von seiner Ursprungsgestalt fortsetzen. Womöglich wäre das Bild ohne die Vorgabe, ein »Porträt« zu kreieren, bereits in neue Gestalten zerflossen.

Mein Bestreben ist jedoch weniger darauf gerichtet, die Ursachen dieser skurrilen Eigenart im Inneren der generativen Bildgebung zu ergründen, als vielmehr, deren Bedeutung für die mögliche Zukunft dieser neuartigen Technologie in einem Gedankenexperiment zu illustrieren.

Man stelle sich vor, man entledige sich eines Tages des mühseligen Vorgangs der Fotografie endgültig und das Bild entstehe fortan allein durch rechnerische Verfahren. So würden die Bildarchive jener Systeme allmählich mit ihren eigenen Erzeugnissen durchsetzt. Resultat wäre eine Rückkopplungsschleife, durch die das System fortwährend sich selbst zum Gegenstand seiner Berechnungen machen würde, bis es im Wahn der Selbstverirrung seine eigene Grundlage untergrübe und ins Absurde fortentwickelte.

Man könne diesem Problem entgegentreten, indem man die Erzeugnisse künstlicher Intelligenz aus dem eigenen Korpus entfernte. Insofern bliebe jedoch die Frage offen, woher künftig neue Bilder zur Verarbeitung gewonnen werden sollen. Die Maschine würde zu einer bloßen Zeitkapsel der Vergangenheit werden.

 

Tafel V: Zweifel und Beweis

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Chaeg Kim studiert seit 2024 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Fotografien bewiesen Fakten selten direkt, sondern halfen uns vor allem dabei, schnell zu entscheiden, was vertrauenswürdig ist. In diesem Sinne waren Fotografien auch ein Mittel, um Zweifel zu beenden. Aus diesem Grund wurden Fotos als Beweise für bestimmte Situationen oder Ereignisse akzeptiert. KI-generierte Bilder können diese Funktion jedoch leicht unterspülen.

Sie sind in der Lage, eine „Verifizierung“ in Online-Räumen durchzuführen, in denen keine persönlichen Begegnungen stattfinden. Beispiele hierfür sind Fotos, auf denen ein Klebezettel mit einem geschriebenen Datum gehalten wird, oder Bilder, die spezifischen Anweisungen wie bestimmten Posen oder Handgesten folgen. Wo Fotografien als Beweise zur Unterstützung von Urteilen verwendet werden, können Probleme auftreten.

So können beispielsweise in Dating-Apps wie Tinder natürlich generierte Profilfotos für Betrugszwecke genutzt werden, ohne offensichtlich verdächtig zu erscheinen. Ähnliche Formen der Täuschung sind auf Zweitmarkt-Plattformen wie Kleinanzeigen möglich. Darüber hinaus können KI-generierte Bilder dazu verwendet werden, akademische Zeugnisse zu fälschen, Nachweise für Krankmeldungen am Arbeitsplatz zu manipulieren, Familienmitglieder zu beruhigen, Bilder von beschädigten Waren bei Versicherungen einzureichen, die Zustellung von Paketen zu bestätigen, Falschparken zu melden oder Bilder von Luxusartikeln oder Reisen in sozialen Medien zu posten.

Nahezu jede Situation, in der Fotografien geholfen haben, ein Urteil zu bilden, ist davon betroffen – zum Beispiel mein Bild, das mich an einem sehr bekannten Ort zeigt, an dem ich weder an jenem Tag war noch bisher überhaupt jemals.

 

 

Tafel IV: Warum sind diese Gesichter nass?

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Isabella Rintsch studiert seit 2023 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist ihr Beitrag.

»Wie Hammer ist das?« oder »Ja, ich bin ein #ChatGPT-Opfer« sind Reaktionen auf einen bereits etwas veralteten, sich auf ChatGPT beziehenden Internet-Trend. Mein Prompt lautete: »Erstelle ein kontrastreiches Nahaufnahmeporträt meines Gesichts mit Fokus auf die Vorderseite, in Schwarz-Weiß-Nahaufnahme, 35-mm-Objektiv, 4K HD-Qualität. Starker Ausdruck, Wassertropfen auf meinem Gesicht, schwarzer Schattenhintergrund, nur das Gesicht ist sichtbar, Seitenverhältnis 4:3.« Zusätzlich wurde die Maschine mit einem Bild oder mehreren Bildern der Person für das zu generierende Porträt gefüttert. Zu sehen sind hier vier Beispiele von den sehr vielen, die man im Internet finden kann.

Trotz der verblüffenden Ähnlichkeit zur Realität erzeugt das generierte Wassertropfen-Porträt ein unbehagliches Gefühl. Vor allem in ihrer Vielzahl treiben sie ein problematisches Verlangen nach Uniformität in der Gesellschaft hervor. Der strenge Blick, der im Schatten verschluckte Hintergrund, die gelee-artigen Tropfen und besonders die Menge der in gleicher Art generierten Porträts schafft eine Flut von unsympathisch wirkenden und unbegründet nassen Gesichtern. Diesen Porträts fehlt ganz einfach das Leben. Die bedenkenlose Abgabe eigener Daten erleichtert den Vorgang. Systematisch sind sie dem Passbild recht ähnlich, wobei das Produkt hinsichtlich seines Nutzens nicht gegensätzlicher sein könnte.

Doch gibt es für die Faszination, die dieser Trend ausübte, mit Sicherheit Gründe. Neben Langeweile und Mitteilungsbedürfnis ist es vielleicht das trügerische Gefühl, das Produkt eines professionellen Photoshootings zu erlangen, wenn dafür sonst die Mittel fehlen. Für einen kurzen Spaß und Beitrag in den sozialen Netzwerken scheint durchaus es angemessen. Allerdings sollte ein ernsthafter Nutzen dieser Bilder ausgeschlossen werden, denn besonders auf Dating-Plattformen finden diese Porträts immer mehr ihren Platz.

Es ist ja bereits fragwürdig genug, wenn Personen Teile ihres Gesichts unkenntlich machen, zum Beispiel durch eine Sonnenbrille. Wenn nun aber auf solchen Plattformen Bilder zirkulieren, die mit künstlicher Intelligenz erstellt wurden, stellt sich erst recht die Frage, welches Bilderspiel hier eigentlich betrieben wird.

 

Tafel III: Slop?

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Ludwig Wang studiert seit 2022 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Erinnern wir uns an das Bild des Papstes, das weniger das Oberhaupt der katholischen Kirche zeigte als die Inszenierung eines Hip-Hop-Stars: Die Bedeutung dieses Bildes entstand nicht durch den Bezug zu einem realen Anlass, sondern aus der kollektiven Bereitschaft, es als bedeutsam wahrzunehmen. Es verwies auf kein tatsächliches Ereignis und entfaltete dennoch Wirkung, die nicht im Bild selbst lag, sondern in seiner Lesbarkeit und der Übereinstimmung seiner Zeichen mit vertrauten visuellen Codes.

Das gleiche Prinzip zeigt sich in diesem generierten Bild von Che Guevara, das eine mir sehr ähnelnde Person an seine Seite setzt. Auch hier entsteht Bedeutung nicht aus einem Ereignis, sondern aus der Wiedererkennbarkeit der Zeichen: Kleidung, Pose, Körnung, historischer Gestus. Es funktioniert, weil es sich bekannt anfühlt, nicht weil es etwas beweist. Das Bild ist für eine kleine Weile amüsant, irritierend oder ansprechend, weil es eine bekannte Ikone mit einer unerwarteten Nähe verbindet. Doch diese Nähe bleibt folgenlos. Sie eröffnet keinen neuen Blick, keine Erfahrung, keine Erkenntnis. Was gezeigt wird, erschöpft sich im Erkennen der Inszenierung.

Solche Bilder sind heute unbegrenzt verfügbar, formal austauschbar und jederzeit reproduzierbar. Gerade darin liegt ihre paradoxe Schwäche. Je häufiger sie zirkulieren, desto schneller verlieren sie ihre Wirksamkeit. Ihr Reiz liegt im Effekt, in der überraschenden Kombination und im spielerischen Bruch, doch dieser Effekt nutzt sich rasch ab. Sie fordern keine Entscheidung, kein Innehalten, keine Verantwortung. Was bleibt, ist Wiederholung.

Die Müdigkeit gegenüber dem Großteil von generierten Bildern ist daher weniger eine Ablehnung der Technik als eine Reaktion auf Bedeutungsinflation. Wo alles möglich ist, wird nichts notwendig. Die Zukunft dieser Bilder entscheidet sich nicht an ihrer technischen Perfektion, sondern an der Frage, ob sie mehr sein können als plausible, kurz unterhaltende Oberflächen oder ob sie lediglich, wie das Bild mit Che, amüsieren, zirkulieren und schließlich spurlos verschwinden.

 

Tafel II: Fake Shibuya

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Kageaki Inoue studiert seit 2023 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Wir sehen dicht gedrängte, gemischt genutzte Gebäude, riesige Werbetafeln auf Dächern und entlang der Fassaden. Hinter einer Kreuzung ragen Wolkenkratzer auf, und noch weiter dahinter zeichnet sich am Horizont schwach die Silhouette einer sanft ansteigenden Bergkette ab. Dieses Bild ist eine von einer KI generierte Ansicht von Tokyo aus der Vogelperspektive.

Man kann anhand der Form der Kreuzung zwar vermuten, dass es sich um das Zentrum von Shibuya handelt, doch jemand, der sich in Tokyo gut auskennt, würde sofort erkennen, dass es sich um eine völlig fiktive Stadt handelt. Für Shibuya gibt es zu wenige Hochhäuser, und es fehlt der nahezu direkt an die Kreuzung angrenzende Bahnhof. Auch die Schriftzeichen auf den Werbetafeln lassen sich nicht eindeutig als japanisch oder chinesisch identifizieren, vielleicht nicht einmal als korrekte Schrift. Es ist überraschend, dass keine Wahrzeichen wie der Tokyo Tower oder der Skytree zu sehen sind. Dass der Fuji nicht dargestellt wurde, ist hingegen lobenswert.

Während der Zeit des rasanten Wirtschaftswachstums in den 1960er-Jahren nahm der Verkehr in Shibuya durch die Ansiedlung zahlreicher kommerzieller Einrichtungen explosionsartig zu. Um die Sicherheit von Fußgängern und Fahrzeugen zu gewährleisten, entstand 1973 das berühmte „Scramble Crossing“. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre etablierte sich das Viertel als Zentrum der Jugendkultur, und diese Kreuzung wurde zu einem symbolträchtigen Ort der Stadt.

Heute finden sich dort nicht nur Einkaufszentren, sondern auch zahlreiche Bürogebäude und kulturelle Einrichtungen, weshalb Shibuya als Knotenpunkt für Menschen aus verschiedenen Bereichen dient. Auch international ist der Bekanntheitsgrad gestiegen, und das Viertel gilt als kosmopolitischer Stadtteil. Mittlerweile ist Shibuya sogar innerhalb der KI-Welt bekannt geworden. Wenn man um ein Foto von Tokyo bittet, erzeugen sie in Sekundenschnelle solch eine seltsam anmutende, an Shibuya erinnernde Stadtlandschaft.

 

Tafel I: Ein Bild aus Sprache und Vorstellung

Täglich können wir beobachten, wie Bilder, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden, auch auf unseren Umgang mit der Fotografie einwirken. Von der Produktion bis zum Gebrauch wandeln sich die fotografischen Praktiken – und mit ihnen auch das Verständnis davon, was eine Fotografie zeigt und ist. Im Rahmen des Seminars »The Pencil of Nature, 1844–2026«, geleitet von Steffen Siegel, haben Studierende im B.A. Fotografie im Wintersemester 2025/2026 diese Fragen diskutiert. Ganz nach dem Vorbild von William Henry Fox Talbots berühmten Fotobuch haben sie eine eigene Tafel entworfen, die sich mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt. Dorian Beck studiert seit 2024 im B.A. Fotografie an der Folkwang Universität der Künste. Hier ist sein Beitrag.

Mit der hier angewandten Entdeckung ist es erstmals möglich, eine Abbildung ohne den Einsatz von Licht zu erzeugen. Lediglich ein Text wird als Ausgangspunkt benötigt. Die Frage, ob in diesem Zusammenhang noch von einer Fotografie gesprochen werden kann oder ob hierfür ein neuer Begriff erforderlich ist, lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten und wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen. Bereits jetzt wird jedoch deutlich, dass hier Bilder entstehen, die sich der Vorstellungskraft des Gestalters verdanken – vergleichbar mit der Malerei, die keiner zwingenden Gesetzmäßigkeit folgt. Die Abbildung ist weniger Ergebnis einer Aufzeichnung als einer Konstruktion.

Die Oberflächen der Gefäße scheinen einen feinen Glanz aufzuweisen und zeugen von einer präzisen Verarbeitung. Das könnte auf eine außergewöhnlich hohe Qualität der dargestellten Materialien hinweisen. Die Gläser spiegeln ihre Umgebung auffallend genau wider, aus der angenommenen Perspektive blickt man in eine inszenierte Studiolandschaft. Ein blau-grüner Stoff bildet, einer Rückwand gleich, den Hintergrund, was in Verbindung mit einer nur implizierten Lichtquelle dazu führt, dass das gesamte Bild von einem kühlen, bläulichen Farbton durchzogen ist.

So lädt die Abbildung die Betrachtenden dazu ein, nicht nur das Dargestellte wahrzunehmen, sondern auch über den Akt und Prozess seiner Entstehung nachzudenken. Sie regt an, indem sie weniger eine dokumentarische Wahrheit behauptet als vielmehr eine visuelle Möglichkeit eröffnet – ein Bild, das nicht aus Licht, sondern aus Sprache und Vorstellung entstanden ist.

EFEG #9 Aglaia Konrad / Carrara

In der neunten Folge von »Einige Fotobücher, einige Gedanken« sprechen Elisabeth Neudörfl und Andreas Langfeld über »Carrara« von Aglaia Konrad. Erschienen ist das Buch 2011 bei Roma Publications in Amsterdam. Die Fotografin fragmentiert mit dem »Ausschnitt-Werkzeug« Fotokamera die Marmor-Steinbrüche von Carrara und konstruiert aus den Bildern eine ungewöhnliche Seherfahrung. Das Buch enthält außerdem einen Text von Angelika Stepken. Ca. 29 cm × 21,5 cm, 136 Seiten, 119 Schwarzweiß- und 18 Farb-Fotografien (sowie die Farbfotografie auf dem Schutzumschlag).

Aglaia Konrad wurde 1960 in Salzburg geboren, 1990–1992 Studium der Fotografie an der Jan von Eyck Academie in Maastricht. Seit 2007 ist sie Professorin an der Sint-Lukas in Brüssel. Zahlreiche Auszeichnungen, 1997 Teilnehmerin der documenta X, 2003 Camera Austria Preis für zeitgenössische Fotografie, 2023 Österreichischer Staatspreis für Fotografie.
 

EFEG #8 Katja Stuke / Supernatural

In der achten Folge von »Einige Fotobücher, einige Gedanken« sprechen Elisabeth Neudörfl und Andreas Langfeld über zwei Bücher von Katja Stuke: »Supernatural« von 2010 und »Supernatural 2021« aus dem titelgebenden Jahr. In diesem Projekt »Supernatural« hat Katja Stuke Sportlerinnen bei den Olympischen Spielen am Fernseher beobachtet und in einem Moment großer Konzentration direkt vor ihrer sportlichen Leistung fotografiert. »Supernatural 2021« ist eine Weiterentwicklung, es ändert sich die Auswahl der Athlet:innen, der Sportarten, es ändern sich aber auch der Blick und der Umgang mit den Bildern im Heft.

Katja Stuke (*1968) lebt und arbeitet in Düsseldorf. Studium an der FH Düsseldorf. Ausgezeichnet unter anderem mit dem LUMA Rencontres Dummy Book Award at the Rencontres d’Arles 2017 und als Lauréat Regards du Grand Paris Ateliers Medicis, Centre national des arts plastiques Paris (beides mit Oliver Sieber).

 

EFEG #7 Helga Paris / Häuser und Gesichter. Fotografien 1983–85

In der siebten Folge von »Einige Fotobücher, einige Gedanken« sprechen Elisabeth Neudörfl und Andreas Langfeld über Helga Paris’ »Häuser und Gesichter. Fotografien 1983–85«. Das Buch ist zuerst 1986 erschienen und auch nicht erschienen – bevor es dann einige Jahre später in einer Neuausgabe endgültig erscheinen konnte.

Helga Paris wollte Halle an der Saale wie eine ganz fremde Stadt fotografieren. Das Buch beginnt mit Straßenansichten, es folgen Porträts, die sie hauptsächlich auf der Straße fotografiert hat. Die Ausstellung, zu der Paris dieses Buch gemacht hat, durfte 1986 nicht gezeigt werden und wurde 1990 nachgeholt.

 

EFEG #6 Deanna Templeton / What She Said

In der sechsten Folge von »Einige Fotobücher, einige Gedanken« besprechen Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl das Fotobuch »What She Said« von Deanna Templeton. Erschienen ist es 2021 bei Mack Books in London.

Deanna Templeton fotografiert weibliche Teenager und junge Frauen und stellt diese Porträts in einen Zusammenhang mit Tagebucheinträgen und Konzertflyern aus ihrer eigenen Jugend in den 1980er Jahren.

Rein theoretisch #6 Fotografierverbot

Dortje Fink und Julia Wolf, beide studieren an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research, sprechen in der sechsten Folge ihres Podcasts »Rein theoretisch« über Fotografierverbote.

Was haben das Van Gogh Museum in Amsterdam, der Uluru in Australien, die Stadt Kyoto in Japan, aber auch die Herbertstraße in Hamburg, das Berghain in Berlin, New Yorker Gay Bars der 80er Jahre und Sicherheitsgebiete in Kriegszeiten gemeinsam? Spoiler: Sie stellen Orte dar, an denen es nicht gestattet ist zu fotografieren. 

Die Gegebenheiten, in denen sie uns begegnen, sind genauso vielseitig wie die Gründe für solche Reglements. Ob in Clubs durch das Abkleben von Handykameras, in Museen anhand von Hinweisen des Aufsichtspersonals oder an sakralen Orten nach dem unausgesprochenen Gesetz des gegenseitigen Respekts. Eines haben sie gemeinsam: Fotografie wird in all diesen Fällen als problematisch oder gar bedrohlich angesehen. Fotos, die aufgrund verschiedenster Verbote nicht existieren, lassen zudem ein spannendes Gedankenspiel zu. Welche Abbildungen werden in bestimmten Situationen antizipiert? Und welche negativen Auswirkungen könnten diese haben?

Fink & Wolf teilen in dieser Podcast-Folge ihre Gedanken zur gezielten Unterbindung privater Fotoaufnahmen und stoßen dabei an die Grenzen ihrer situationsbedingten Sinnhaftigkeit. Am Ende stellt sich die Frage ob wir aufgrund der allgegenwärtigen Kameranutzung vermehrt mit Fotoverboten konfrontiert werden sollten oder nicht.

Abrufbar ist die neue Folge, wie alle anderen auch, auf Apple Podcast und Spotify.
 

EFEG #5 Bettina Lockemann / Southward – nach Süden

In der fünften Folge von »Einige Fotobücher, einige Gedanken« sprechen Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl über Bettina Lockemanns »Southward – nach Süden«, erschienen beim Fotohof Salzburg im Jahr 2021.

Bettina Lockemann ist 2017 in die Südstaaten der USA gereist. Dort trifft sie auf Gegenden und Städte, die einerseits mit vielen Hypotheken aus der Vergangenheit zu kämpfen haben, in denen sich aber auch viele Initiativen wie zum Beispiel das Rural Studio finden. Das gehört zur Auburn University, und seine Studierenden entwickeln gemeinsam mit den Menschen vor Ort Methoden zum Bau günstigen Wohnraums. Lockemann sucht viele dieser Initiativen auf, spricht mit den Beteiligten und fügt ihren Fotografien kurze Texte bei, die aus Sicht dieser Menschen die Situation beschreiben.

Bettina Lockemann wurde 1971 in Berlin geboren. Nach einer Ausbildung zur Fotografin studierte sie an der HGB in Leipzig. Promotion in Kunstgeschichte, Lehre an vielen unterschiedlichen Hochschulen im In- und Ausland, sechs Jahre lang war sie Professorin für Fotografie an der HBK Braunschweig. Bettina Lockemann hat eine sehr informative Website.

Ca. 24,5 cm × 16,5 cm, Klappenbroschur, 156 Seiten, Schwarzweiß und Farbe, 90 Fotografien.

 

EFEG #4 Hannah Darabi / Soleil of Persian Square

In der vierten Folge von EFEG – Einige Fotobücher, einige Gedanken – sprechen Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl über »Soleil of Persian Square« von Hannah Darabi. Erschienen ist dieses Buch 2021 bei den Éditions Gwinzegal in Paris. Die EFEG-Folge ist auf diesem YouTube-Kanal abrufbar.

Der Titel von Hannah Darabis Buch bezieht sich auf das Bistro »Soleil« am »Persian Square« in Los Angeles, das auf einem ihrer Fotos zu finden ist. Stadtansichten von Los Angeles mit Hinweisen auf die dortige iranische Diaspora treffen in dem Buch auf Abbildungen von Musikkassetten, Ausschnitten aus den Gelben Seiten von Los Angeles, Stills aus Musikvideos und informellen Porträts, von denen es jeweils zwei gibt.

Hannah Darabi wurde 1981 in Teheran geboren. Nach einem Studium an der Hochschule der Schönen Künste in Teheran und an der Universität Paris VIII-Saint-Denis lebt sie heute als Künstlerin in Paris.

Einige weiterführende Hinweise: Das im Gespräch erwähnte Video der Wüstenrot-Stiftung ist hier zu finden. ● Hannah Darabi: Enghelab Street. A Revolution through Books: Iran 1979–1983, Leipzig (Spector Books) 2019. ● Das Buch von Bahman Jalali und Rana Javadi von 1979, »Days of Blood, Days of Fire«, ist 2020 als Reprint ebenfalls bei Spector Books erschienen, es enthält einen Einleger mit einem einführenden Text auch auf Englisch. Bedauerlicherweise gibt es keine Übersetzung der im Buch selbst vorkommenden Texte und Bildunterschriften. ● Inka Schube (Hg.): Bahman Jalali, Köln (König) 2011. ● Auf der Bandcamp Seite von ANYWAVE findet ihr das Tape »Soleil of Persian Square / Post California« zum streamen.

Hannah Darabi: Soleil of Persian Square, Paris (Éditions Gwinzegal) 2021. Etwa 28 cm x 22 cm, Broschur, 220 Seiten.

 

Rein theoretisch #5 Gelöschte Fotografien

Dortje Fink und Julia Wolf, beide studieren an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research, sprechen in der fünften Folge ihres Podcasts REIN THEORETISCH über gelöschte Fotografien.

Mit der Zeit sammeln sich auf unseren Smartphones Massen an überflüssigen Fotografien an. Anhand ihrer zuletzt gelöschten Handyfotos reflektieren Fink&Wolf die heutigen Ansprüche an selbst geschossene Fotografien und aus welchen Gründen diese dann wieder gelöscht werden. Das gezielte Vernichten von belastendem Fotomaterial unterscheidet sich dabei klar vom versehentlichen Löschen visueller Erinnerungen.

Der Verlust bedeutender Fotografien war zur Zeit der analogen Technik schon allein wegen ihrer fragilen Materialität ein Risiko, wie Robert Capas Fotografien des D-Day in der Normandie zeigen. Jedoch sind private Handybilder als digitale Information ohne konkreten Bildträger ebenso leicht auszulöschen. Datenträger wie Floppy Disks geraten aus der Mode und werden unlesbar, JPEGs nutzen sich mit steigender Verwendung ab und enden als beschädigte Dateien. Auf der anderen Seite verdeutlichen Fälle wie der sogenannte Techno Viking, der in Berlin auf der Fuckparade gefilmt wurde, oder Plattformen zum Hochladen intimer Fotografien von Ex-Partner:innen, (die wir namentlich nicht nennen wollen, um solche Übergriffe nicht zu verstärken) wie aussichtslos der Wunsch nach Löschung sein kann. Katja Müller-Helle beschreibt mit dem Streisand-Effekt zudem, dass Bilder, die im Netz vermeintlich vom Löschen bedroht sind, umso mehr gespeichert und geteilt werden.

Ob heimlich, erzwungen, symbolisch oder versehentlich, gelöschte Fotografien sparen meist einen besonders interessanten Teil unserer Realität aus und stellen uns vor die Frage wie sehr wir unser Wissen darauf beschränken können, was für uns sichtbar ist.

Abrufbar ist die neue Folge, wie alle anderen auch, auf Apple Podcast und Spotify.

Rein theoretisch #4 Blickregime

Die vierte Folge befasst sich mit Blickregimen: In der Fachsprache werden Machtverhältnisse, die durch Fotografien entstehen, Blickregime genannt. Sexismus und Rassismus nutzen die objektifizierende Eigenschaft des fotografischen Mediums bis heute. Wie das Fotografieren die visuelle Wahrnehmung konstruiert und welche Rollenverteilung damit einhergeht, diskutieren Fink & Wolf anhand der Konzepte »Male Gaze« und »Colonial Gaze«. Die Vorstellung, dass Fotos die Realität abbilden, kommt dabei stark ins Wanken und führt zur Frage, welche Repräsentationen wir als »normal« empfinden und welche Bilder zur systematischen Diskriminierung beitragen.

REIN THEORETISCH ist ein neuer Podcast von Dortje Fink und Julia Wolf. Beide studieren an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research.

Ab sofort abrufbar auf Spotify und Apple Podcasts.

Hosen haben Röcke an

Besprochen von Steffen Siegel

Das letzte Bild im Buch ist das charmanteste: die Künstlerinnengruppe Erfurt als Diagramm, alle porträtieren alle, ein Tableau aus 64 Beziehungen. Entscheidender aber ist das gemeinsame Ganze. Wer Gabriele Stötzer autobiografisches Buch »Der lange Arm der Stasi« – vor einem Jahr erschienen bei Spector Books – gelesen hat, kennt die Umrisse. Denn eigentlich ist Stötzers Buch das Porträt einer weit verzweigten Gruppe oppositioneller Erfurter Künstlerinnen und Künstlern.

»Hosen haben Röcke an«, dieses Jahr beim Hatje Cantz Verlag erschienen, ist beides zugleich: eine Engführung und eine Erweiterung. Einerseits konzentriert sich der Katalog auf jene Gruppe von etwa 15 Künstlerinnen, die zwischen 1984 und 1994 unter wechselndem Namen auftraten. Andererseits reicht das Interesse hier, analog zur Entwicklung der Gruppe, über die Epochenwende von 1989/1990 hinaus. Es waren Auftritte im engen Sinn des Wortes: Performances, Filme, Fotosessions, Modenschauen, Happenings, am 4. Dezember 1989 dann die Besetzung der Erfurter Staatssicherheit – überhaupt die erste in der DDR und eine der wichtigsten wie folgenreichsten Performances jener Zeit. Das Buch ist der nachgereichte Katalog zu einer Ausstellung, die bereits vor eineinhalb Jahren in der nGBK Berlin zu sehen war, und es ist absolut lesenswert.

Gebaut haben die fünf Autorinnen – Susanne Altmann, Katalin Krasznahorkai, Christin Müller, Franziska Schmidt und Sonia Voss – das Buch um fünf Filme der Künstlerinnengruppe, von denen aus die Geschichten von Widerstand, Subversion, Appropriation und Parodie erzählt werden. Das geht, was die Filme selbst angeht, im Buch natürlich nur bedingt gut auf, das mehr als reiche und wohl fast immer zum ersten Mal publizierte Archivmaterial macht das indes wett.

Das von Klimaite Klimaite Berlin wunderbar gestaltete Buch schließt dieses Archiv schlaglichtartig kommentierend auf. Alle Texte finden sich im Buch durchgehend zweisprachig auf Deutsch und Englisch. Wer es noch genauer wissen will, findet in einer von Christin Müller erstellten Chronologie und einer umfassenden Bibliografie weitere Informationen. Man kann aber auch einfach nach Thüringen fahren und dort im Kunsthaus Erfurt vorbeischauen. Gegründet wurde es 1990 in der Michaelisstraße 34, wo es sich nach wie vor befindet und für die lokale wie überregionale Kunst- und Kulturarbeit ein wichtiges Zentrum ist. Aus einer Initiative der Künstlerinnengruppe hervorgegangen, wird es unverändert von Monique Förster, einem ihrer Mitglieder, geleitet.  

Susanne Altmann, Kata Krasznahorkai, Christin Müller, Franziska Schmidt, Sonia Voss: Hosen haben Röcke an. Künstlerinnengruppe Erfurt, 1984–1994 / Pants Wear Skirts. The Erfurt Women Artists’ Group, 1984–1994, Berlin (Hatje Cantz) 2023. Broschur, 256 Seiten, 200 Abbildungen, 26,5 × 19,5 cm. ISBN: 978-3-7757-5258-9.

 

Rein theoretisch #3 Bildgedächtnis

Die dritte Folge von REIN THEORETISCH handelt vom Bildgedächtnis: Fotografien sind Teil eines individuellen und kollektiven Gedächtnisses. Sie werden zu Bildikonen, die Menschen vor Augen haben, ohne sie zu sehen. Dabei spielen Medien eine entscheidende Rolle. Inwiefern Bilder unterschiedlich erinnert werden und gemeinschaftsstiftende Vorstellungen immer auch Menschen ausschließen, überlegen Fink&Wolf unter anderem anhand der fotografischen Inszenierung Marilyn Monroes, des Pressebildes »The Terror of War« von Nick Ut und der Ausstellung »A Series of Utterly Improbable, Yet Extraordinary Renditions« von Arthur Jafa.

Anders funktionieren detaillierte Bildbeschreibungen. Der sogenannte Alt-Text gibt Fotografien für sehbeeinträchtigte Menschen mit Worten wieder und lässt sie vor unserem inneren Auge sichtbar werden, ohne sie je gesehen haben zu müssen.

REIN THEORETISCH ist ein neuer Podcast von Dortje Fink und Julia Wolf. Beide studieren an der Folkwang Universität der Künste im M.A. Photography Studies and Research.

Ab sofort abrufbar auf Spotify und Apple Podcasts.

Jan Mammey, Falk Messerschmidt: Statues Also Die

Besprochen von Steffen Siegel

Vor wenigen Tagen hat die Stiftung Buchkunst die von ihr in diesem Jahr ausgezeichneten »Schönsten Deutschen Bücher« bekannt gegeben. Eines ist »Statues Also Die« von Jan Mammey und Falk Messerschmidt, erschienen bei Kodoji aus Baden in der Schweiz und gestaltet von Helmut Völter. Ob sich die beiden Künstler gewundert haben, dass ihr Fotobuch in der Kategorie »Sachbuch/Ratgeber« ausgezeichnet wurde? Ebenso gut hätte es in die (bei der Preisvergabe nicht vorgesehene) Kategorie »Reiseführer« gepasst – jedenfalls in einem besonderen Sinn von Reise. Wer das Buch öffnet, wird sich in einer solchen Deutung bestätigt sehen: Im vorderen Klappcover findet sich ein Stadtplan von Paris, der sich auch als Inhaltsverzeichnis verwenden lässt.

Vor genau siebzig Jahren kam »Les statues meurent aussi« – gemeinsam von Alain Resnais, Chris Marker und Ghislain Cloquet gedreht – in die Kinos. Dass er heute ein Klassiker ist, lässt all zu schnell vergessen, dass er in Frankreich eineinhalb Jahrzehnte lang nur zensiert zu sehen war. Grund war die in ihm formulierte Kolonialismus-Kritik, und genau hieran schließen Mammey und Messerschmidt an – der übernommene Werktitel verdeutlicht es. Vor allem aber teilen sie mit dem Film die Schlüsselfrage nach der Sichtbarkeit des Kolonialismus. Sie fuhren dafür nicht in frühere französische Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent, sondern durchmusterten in ganzer Breite den Stadtraum von Paris (dem Ansatz von »Berlin Postkolonial« vergleichbar). Vom Ladenschild über Denkmäler bis hin zu ganzen Institutionen, ja Stadtteilen reicht die im Fotobuch zusammengeführte Sammlung.

Vielleicht ist das angesprochene Ladenschild tatsächlich der überraschendste Ort einer solchen Präsenz. Nicht ganz zufällig wird es auf der Rückseite des Covers besonders prominent ausgestellt, allerdings im Zustand eines Kommentars. Gegeben wurde er in violetter Farbe, vermutlich als Farbbeutel an das Schild geworfen. Es gehörte zu einem Laden, bei dem nicht allein sein Name »Au n*** joyeux« (also in etwa: »Zum fröhlichen N***«) eine solche Tat herausforderte, sondern auch ein gemaltes Bild, das mit rassistischen Klischees nicht geizig war. Genau besehen erzählt das Buch eine Geschichte: Zwei Aufnahmen zeigen Zustände vom Oktober 2016 und Dezember 2018 – und in ihnen bildet sich eine Entwicklung ab. Wer heute an die Place de la Contrescarpe geht, wird weder Schild noch Beschriftung finden.

Im Ganzen kommen Mammey und Messerschmidt auf gut drei Dutzend Pariser Erinnerungsorte, die allerdings in der Mehrzahl gerade das nicht sind: ein Anlass zur Erinnerung. Die kolonialen Wurzeln sind verdeckt, werden übersehen oder proaktiv ignoriert. Man sagt wohl nicht zu viel, wenn man behauptet: Wer dieses nicht nur schöne, sondern auch wichtige Fotobuch auf die nächste Paris-Reise mitnimmt, wird diese oft gesehene Stadt ganz gewiss mit neuen Augen betrachten.

Jan Mammey, Falk Messerschmidt: Statues Also Die, Baden CH (Kodoji Press) 2022. Mit einer Short Novel von Arno Bertina. 16,5 × 22,5 cm, 276 Seiten, 147 Farb- und Schwarz/Weiß- Abbildungen. Soft-Klappcover. ISBN 978-3-03747-108-1

 

EFEG #3 Jo Ractliffe / The Borderlands

In der dritten Folge von EFEG – Einige Fotobücher, einige Gedanken – sprechen Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl über »The Borderlands« von Jo Ractliffe. Erschienen ist dieses Buch 2015 bei Editorial RM. Die EFEG-Folge ist auf diesem YouTube-Kanal abrufbar.

Nachdem Ractliffe für ihre beiden vorangegangenen Arbeiten »Terreno Occupado« und »As Terras do Fim do Mundo« in Angola fotografiert hatte, führt sie ihr Thema – die Beschäftigung mit dem Bürgerkrieg in Angola und dem Befreiungskampf in Namibia sowie den Verstrickungen Südafrikas darin – in Südafrika selbst weiter, von wo aus viele Militäreinsätze ihren Anfang genommen haben. Dabei verfolgt sie, wie sie selbst sagt, die Idee einer Landschaft als (ehemals) militarisierter Zone.

Jo Ractliffe wurde 1961 in Kapstadt geboren. Sie studierte Bildende Kunst an der Ruth Prowse School of Art, Woodstock, und an der Michaelis School of Fine Art at the University of Cape Town (Bachelor of Fine Arts 1985, Master of Fine Arts 1988). Heute unterrichtet sie an der Witwatersrand School of Arts at Wits University, Johannesburg.

Jo Ractliffe: The Borderlands, Barcelona, Mexiko City (Editorial RM) 2015. Ca. 30 cm x 25 cm, Hardcover, keine Seitenzahlen, 4 Ausklappseiten, Bildteil 148 Seiten, Textteil 24 Seiten, 89 Fotografien.